Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 9-10 (Juli 1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 323 (sequence 39)
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323 und der nur noch ,geahnten Daseinsweihe, die sie zu spenden vermag, und hie und da ereignet es sich stets von neuem, daß aus ihren Reihen plötzlich ein verlorener Sohn zum Mutterhause!sich zurückfindet. Gerade diese Frömmigkeit aber, die den deutschen Juden als ein natürliches Angebinde eignete, zwang die ausbrechende Reformbewegung, sich zunächst mit dem Schein der Gesetzlichkeit zu umgeben und sich eine schärfere dogmatische Ausprägung zu verleihen, als dies in irgend einem anderen Lande geschah dergestalt, daß Deutschland geradezu das klassische Land der jüdischen Reform geworden ist. Der Kern der Reform war der Abfall vom Rechte der Thora. Man hat aber diesen Abfall zur Frömmigkeit in Beziehung zu bringen versucht und ihm eine Art von System gegeben. Man ist gewissermaßen aus Frömmigkeit abgefallen, indem man zwischen ihr und dem angeblich nur auf das Aeußerliche abgestellten Recht der Thora einen Abgrund aufriß. Man hat gründliche Arbeit getan. Sie hätte das deutsche Judentum, gleich dem Judentum anderer westeuropäischer Länder, zu völligem Versanden gebracht, wäre ihm nicht in Rabbiner Hirsch der Retter erstanden, der, auch seinerseits an die Frömmigkeit der deutschen Juden anknüpfend, ihren Zusammenhang mit dem Rechte der Thora in seiner ganzen Innigkeit wieder hergestellt hat. So ist Deutschland nicht nur das klassische Land der Reform, sondern auch das klassische Land der Reformabwehr geworden. Die deutsche Orthodoxie ist eine ausgesprochene Abwehr- Orthodoxie. Wohl gab es noch, namentlich auf dem Lande, orthodoxe Juden, deren Frömmigkeit, nach der Weise der Väter, die Treue zum Rechte der Thora als eine Selbstverständlichkeit in sich einschloß. Aber diese Frömmigkeit, durch Kenntnis der Thora nur höchst ungenügend gestützt, konnte sich1 nur selten vererben, nur selten die Uebersiedlung in die Stadt überdauern. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Nachkriegszeit haben ein übriges getan, die Reserve des Landes zu erschöpfen. Im wesentlichen trägt die deutsche Orthodoxie das Zeichen des ״Dennoch“ an Sich. Dies ist ihr besonderes Schicksal. Es ist ihre Stärke, und es ist ihre Schwäche. 1 Dieses Zeichen des ״Dennoch“, der deutschen Orthodoxie im vergangenen Jahrhundert in schwersten Selbstbehauptungskämpfen angeheftet, kehrt sich gegen das ganze Milieu, in