Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 6 (April 1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 182 (sequence 4)
- Belongs to
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162 Dieses Brot der Armut aber war das Brot unermeßlidien Reichtums, das sie aus Gottes Hand empfingen, das Freiheitsbrot, für immer befreit von allen Furien des Neides und der Gier, des Hasses und der Feindschaft. Es geleitet in Wüsten sie. Und wandelt ihnen die Wüste in!ein Gan Eden. Denn Gottes Brot ist ihre Nahrung. Der Gottes-Schabbos umschwebt es: er legt es als köstliches Manna ihnen auf den Tisch und scheucht aus seiner Nähe die Sendboten des Gehinnoms, unter dessen Qualen eine irre gegangene Menschheit ihr Kulturbrot sich erkämpft. Diesem Brot der Armut gilt das Segensgebet, das die tägliche Nahrung ist der jüdischen Seele, mit dem jüdische Eltern die Seelen ihrer Kinder nähren, sobald ihre Lippen zu stammeln verstehen, daß sie Gott segnen lernen: ״Der die ganze Welt mit seiner Güte speist, mit Gewährung, mit Liebe und mit Erbarmen. Er gibt Nahrung allem Fleisch, denn ewig währet seine Liebe. Und durch seine große Güte hat es uns noch nie gemangelt und wird es uns nie an Nahrung fehlen —“ Wahrlich, es ist nicht karg in seinen Wendungen!und scheut auch nicht die Wiederholung. Ist es der Reiche, der Satte, der es nach üppigem Mahle spricht, der im Gefühl seiner Sättigung in Gott dankerfüllt den Spender schaut, von dessen Liebe, Gnade und Erbarmen seine Lippen gesättigt überströmen? Und gehörte er auch zu den Erlesenen, die zu sprechen vermögen, daß ״es ihnen noch nie an etwas gefehlt“, was gibt ihm das Recht zu jener in ihrer ruhigen Gewißheit an Vermessenheit grenzenden Behauptung, daß ״es ihm auch in Zukunft nie an Nahrung fehlen werde“? Und hat der Satte denn keinen Blick für die Darbenden und Hungernden, daß er zu sprechen das Herz hat: ״Denn Er speist und nährt alles und erweist allen Gutes und bereitet Speise allen seinen Geschöpfen“? Und gar die Darbenden und Unglücklichen, die hungrig vom Tisch aufstehen, denen der hungernde Blick ihrer Kinder das Herz zerschneidet, spricht nicht auch ihr Mund dies Bekenntnis, lehren nicht auch sie ihre Kinder es sprechen? Ist-s aber nicht eine große Lüge auf ihren Lippen, ist’s nicht eine große Lebenslüge, zu der sie ihre Kinder erziehen? —