Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 3 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 27)
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einzusehen, daß Wohlwollen nur eine besondere Form derWillkür ist. Was die Thora von einer jüdischen Gemeinde zu fordern hat, das ist nicht Wohlwollen, das ist nicht Duldung und Gnade, sondern ihr Recht. Dem Rechte der Thora als ihrem alleinigen Souverän haben sich die Pforten der jüdischen Gemeinde zu öffnen. Und wie es ein Hohn ist auf das Recht eines unschuldig verurteilten Menschen, einerlei ob man ihn nach der Teufelsinsel verbannt, oder ob man ihn zu lebenslänglicher Duldung begnadigt, so ist es ein Hohn auf das Recht der Thora, einerlei ob ihr die Willkür das Recht zum Leben versagt, oder ob sie ihre Begnadigung zum Leben dem Wohlwollen dieser Willkür verdankt. Diese Botschaft Rabbiner Hirschs von dem unveräußerliehen Rechte der Thora im jüdischen Gemeinschaftsleben ist in unseren Tagen aktueller und zeitgemäßer als je. Denn es ist ja gar nicht wahr, was man heute so oft zu behaupten pflegt, daß die neologe Willkür und das neologe Wohlwollen sich zu Gunsten des Thorarechtes irgendwie geändert habe. Im Gegenteil. Mit Recht heißt es in der Festgabe für Claude G. Montefiore, die anläßlich der Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum überreicht wurde, auf S. 98: ״In der Frühzeit des Liberalismus erschien es als ein kühne Neuerung, wenn man es wagte, am hebräischen Gebettext geringfügige Aenderungen vorzunehmen, eine Anzahl Piutim fortzulassen und einige deutsche Gebete einzufügen. Die Grundform des überlieferten Gottesdienstes blieb unangetastet. Der Liberalismus der Gegenwart aber stellt die Forderung nach einer völligen Neugestaltung der Andacht auf. Er verlangt einen Gottesdienst, der aus dem Leben der Gegenwart entstehen und der religiösen Sehnsucht unserer Zeit Ausdruck geben soll.“ Die heutige Neologie gibt sich mit Kleinigkeiten nicht mehr ab. Sie läßt die Orthodoxen ruhig ihre Piutim sagen und an die himmlische Abkunft der Thora glauben — diese Dinge, die einst hüben und drüben die Gemüter erhitzten, stehen heute nicht mehr zur Debatte, heute geht’s aufs Ganze. Und wie die Neologie im Vertrauen auf das Heimatsrecht, das ihr von den Gegnern Rabbiner Hirschs im Judentum gewährt wurde, sich intensiv verstärkt und vertieft hat, so ist sie auch extensiv umfangreicher geworden: