Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 3 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 22)
- Belongs to
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92 Wenn wir’s heute in der Weltwirtschaft glücklich so weit gebracht haben, daß für Millionen Menschen die Existenzfrage, die Frage einer auf redlicher Arbeit beruhenden Existenz zu einem unlösbaren Rätsel geworden ist, dann ist es sehr bequem, hierfür das zeitweilige Versagen der Weltpolitik verantwortlich zu machen. Man muß schon etwas tiefer schauen, wenn man hier die Wahrheit finden will, denn!es könnte doch wohl sein, daß jenes zeitweilige Versagen der Weltpolitik, aus dem der Weltkrieg und die Ereignisse! der Nachkriegszeit hervorgegangen sind, selber nur der Ausfluß einer weltwirtschaftlichen Notwendigkeit war. Und dem ist in der Tat so. Die ungeheure Krise, aus der die Welt gar nicht mehr herauskommen will, in der sie so unlösbar verstrickt scheint, daß das Gespenst des Krieges wieder aufgetaucht ist und wieder umgeht in der Welt — sie ist mit ihren tiefen Wurzeln lediglich darauf zurückzuführen, daß der sogenannte Kapitalismus in der ganzen Menschheit eine Wirtschaftsgesinnung erzeugte, die sich in unseren Tagen moralisch und politisch selber ad absurdum zu führen beginnt. ״ ראש ועשר אל תתן לי הטריפני לחם חקיArmut und Reichtum gib mir nicht, gib mir Brot nach meinem Bedarf!“ Wie kindlich, wie naiv mutet dieses Gebet den an, der im modernen Wirtschaftsleben steht! Wie fern, wie weltenfern ist doch der Geist, der aus diesem Gebete spricht, von jener kapitalistisehen Wirtschaftsgesinnung, die uns alle erfüllt! Wer von uns möchte nicht reich sein? Wer von uns betet zu Gott, ihn vor dem Reichtum und seinen sittlichen Gefahren zu schützen? Obwohl doch derselbe Salomo in einem anderen Kapitel seiner Sprüche das große Wort gesprochen: נבהל ״ להון איש רע עין ולא ידע כ• חסר יבואנוMit Hast will sich bereichern der mißgünstige Mensch, und er bedenkt nicht, daß ihn der Mangel treffen wird.“ Die Weisen des Midrasch beziehen diesen Vers auf vier Kategorien von Menschen: Auf Kajin, auf Ef ron, auf המלוח מעותיו בריבית , auf den, der sein Geld gegen Zinsen herleiht und auf סוחרי שביעית auf die, die im siebenten Erlaßjahr mit den Früchten des Feldes Handel treiben. Wenn wir diese Midraschbemerkung richtig verstehen, dann dürfte darin die tiefste nationalökonomische Erkenntnis unserer Weisei! enthalten sein. Wer war Kajin, und wer war Efron?