Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 3 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 21)
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91 und in ergreifenden Worten hat ihr Rabbiner Hirsch das Totenlied gesungen. Heute ist der Tyrann in zwiefacher Verkleidung, in fascistischem und bolschewistischem Gewände, zu neuem Leben erwacht. Und da hätte Rabbiner Hirsch uns nichts mehr zu sagen? III. Wir haben in den letzten 16 Jahren gelernt, was Geschichte ist, und haben dabei am eigenen Leibe erfahren, wie sehr das persönliche Schicksal jedes Einzelnen, seine wirtschaftliche Existenz und gesellschaftliche Stellung, durch den Gang der politischen Ereignisse wesentlich und nachhaltig bestimmt wird. Wir alle werden heute durch Fragen der Wirt- Schaft, der Sozialpolitik und des gesellschaftlichen Lebens im innersten aufgewühlt. Wir suchen nach einer Deutung dieser Fragen, nach einem Verständnis all des Bedrückenden und Zermürbenden, unter dem die wirtschaftlichen Opfer des Weltkrieges so schwer zu leiden haben, wir spähen aus nach dem Sinne jener Wirtschaftsnot, jener Weltwirtschaftskrise, die unsere Zeit zu einer so schweren, so unfrohen, so unglückliehen gestaltet. Bei allem, was uns 'bedrückt, sind wir gewohnt, eine Schaaloh zu machen. Was liegt darum näher, als nach dem Sinne unserer wirtschaftlichen Not unsere Thora zu befragen? Wer aber unter den berufenen Wortführern der Thora, wer unter den großen Rabbinen der Vergangenheit und Gegenwart hat die sozialpolitische und wirtschaftspolitische Bot- Schaft unserer Thora so tief durchschaut und mit solch zündenden Worten wiedergegeben wie Rabbiner Hirsch? Wer hat es so verstanden, den Sabbath, das Pessachopfer, das Lechem Happonim, den Schulchan, die Symbole des Suckothfestes, das Zinsverbot, die Vorschriften über Zedokoh und Gemiluth Chessed, Schemitta, Jobei usw. in den Zusammenhang der Welt hineinzustellen wie er? Wer hat die weltgestaltenden, weltumformenden Wirkungen dieser Gesetze so ahnungsvoll erkannt wie er? Und wenn er heute käme und sähe den wirtschaftlichen Zusammenbruch, unter dem auch seine Kehilla so schwer zu leiden hat — darf ich’s versuchen, darf ich’s wagen, es auszusprechen, was wohl e r dazu zu sagen hätte?