Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 8 (August 1922)
- Date
- 1922-08-01
- Page
- Seite 59 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— L9- Feiertags latm gedacht wurde, und daß erst in der Sonnara, der zweiten Feiertage Erwähnung getan wird. Ls Ist also Lar, daß von Moses an *5oo Jahre hindurch keine zweiten Feiertage begangen wurden. Er weist die historische Entstehung des zwetten Feiertages an der fjcm& der damaligen Kalenderberechnimg und Festverkündung sowie Neumondsfeier nach und stellt fest, daß in Palästina selbst, mit Ausnahme des Neujahrsfestes, niemals der zweite Festtag gefeiert wurde, sondern nur außerhalb Palästinas. Line Fülle biblischer und nachbiblischer Aussprüche — die wir hier des beschränkten Raumes wegen nicht anführen können —sollen seine Ansicht stützen. Nur einen von diesen nachbibttschen Aussprüchen können wir «ns nicht versagen, hierher zu setzen: „Unsere alten weisen haben einen großen Ausspruch getan, welchen uns alljährlich im Frühjahr die neu auflebende Natur tn seiner ganzen Bedeutung und tiefen Wahrheit ins Gedächtnis ruft, sie fügen nämlich zu dem biblischen Worte: „und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut," die Worte hinzu: „das ist der Tod!" Mit dieser frappanten Bemerkung wollen sie sagen, daß wenn Gottes jugendliche Schöpfung tn ihrer ewigen Herrlichkeit bleiben solle, notwendig das Veraltete dem jugendlichen Triebe weichen müsse. Dasselbe gilt auch auf dem Gebiete der Religion. Auch diese müßte am Lude veralten und verwelken und ihre Gestalt verlieren, wenn jeder Minhag, der an ihrem ewigen Baume hervorgetrieben, nicht trotz seines Alters, sondern gerade well er recht alt und bemoost ist, sein ewiges verbleiben haben müßte, Hier muß die Vernunft, vereint mit einer wahrhaft religiösen Gesinnung, ihre verjüngende Kraft üben, und nur solange der Mmhag seine vernünftige Begründung Nachweisen kann, ist ihm eine Berechtigung zuzuerkennen." In demselben Sinne hat auch die dritte Rab - binerversammlnng (Protokolle L. 3*2 und 3*5) erklärt, daß die zweite« Feiertage keine Begründung mehr für unsere Zeit haben, der zweite Thischri (zweiter Neujahrstag) jedoch besondere Berücksichtigung verdiene." Rabbi Joseph Abraham Friedländer, Landrabbiner zu Berlin in Westfalen hat in einem Gutachten über den Bann, mit welchem der altrabbinrsche Fanatismus in Breslau die fteie Forschung auf dem Gebiete der jüdischen Theologie belegen wollte, gesagt (S. 4): „Mischnah und Talmud sind Moses nicht auf Sinai offenbart, sondern bilden eine Samnrlung erst spater entstandener und ausgeschriebener Gefetzesauslegungen und haben keine ewig verbindende Kraft." Als Fr. dieses Gutachten erstattete, war er 80 Jahre alt. Von dem tapferen Reformer Dr. Naphtali Frankfurter, Prediger am Neuen Israelitischen Tempel in Hamburg sind folgende Aussprüche (nach dem Buche „predigten von Dr.N. F., Erste Abteilung Festpredigten, Hamburg, Brandsohn *842) von Bedeutung für die Reformbewegung. In seiner Antrittspredigt (Septbr. *840) sagt Fr.: „Aber das habe ich gesagt, was ich aus ganzer Seele wiederhole. Es trägt die Lehre der Israeliten in sich den Keim der Vervollkommnung der Allgemeinheit. Und wenn die Zeit wird gekommen sein, in welcher der Herr sein Werk wird erfüllen, wird bas Unterscheidende dieses Glaubens, dieser Lehre eben das Allgemeine, Reine, Geistige, Göttliche fein." In derselben Predigt finden wir folgende Stelle: „Aber ich leugne, daß es bestimmte, tn derselben Form von stets gleichem Erfolge bleibende äußere Mittel zur Belebung uvseres Glaubens, zur Sammlung unseres Gemütes geben kann. Ich erkenne die Notwendigkeit der Zeremonien, aber nimmermehr die Ewigkeit einer Zeremonie." . . . »Ais em Totes achte und liebe ich alle Zeremonien, und spreche mtt der einem Heimgegangenen gebührenden Ehrfurcht von ihnen, denn wie viele haben, als sie noch ein lebendiges und belebendes waren, daran sich nicht erbaut, gestärkt? .. . Aber als ein Lebendes — sind sie ein Sieches, krankhaft unerquicklich — nicht zu der Höhe, nicht zu Hohem führend. — Das Tote bestattet, aber das Andenken und das Vermächtnis desselben, das da ein Belebendes, Geist und Herz veredelndes ist, ehret, erhaltet!" .. . Mtt Einem Worte: wir glauben, daß wir auch die Form wandeln, der Geist des Israelitentums und dieses selber ewig lebt, ewig bleibt! Ueber Aberglauben und Unglauben sagt Fr.: „Dem Aberglauben ist jedes Erforschen, jedes Prüfen vermessen, ftevelhaft weil er sich schon im Besitze der Wahrheit glaubt, für ihn gar nichts mehr zu suchen, zu finden ist. Ungläubige wollen Menschen sein und verkennen des Menschen schönstes Vorrecht, seinen höchsten Adel: in Gott wurzeln, mit Gott verbunden sein durch den Glauben; Frieden und Glück finden im Glauben, Segen des Himmels genießen in des Herrn Wort und Lehre!" öuüentum unü Pazifismus. Zu dem in der vorletzten Nummer der Mitteilungen veröffentlichten Aufsatz über dieses Thema ' erhielten wir noch folgende Zuschrift: In seinem Aufsatze „Judentum und Pazifismus" bedauert Herr cand. iur. Laserstein, daß jüdische Schriftsteller sich diesem Problem gegenüber so abwartend verhielten, zumal selbst uns wohlgesinnte Pazifisten die kriegsfreundliche Tendenz des A. T. als Beweis feiner ethischen Minderwertigkeit gegenüber dem N. T. anführen; und er vermißt Schriften, die eingehend dieses Thema behandeln. Es sei darum gestattet, zur Orientierung, ihn und alle, die etwa erst durch seinen Artikel dazu angeregt wurden, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, auf die beiden Schriften aufmerksam zu machen, welche Herr Dr. Heinemann, Dozent am jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, verfaßt hat, betttett die eine „Der Völkerbund im Lichte des Judentums", die andere „Zeitfragen im Lichte jüdischer Lebensanschauung". Ste belehren uns auf Grund genauer Untersuchung der jüdischen Quellen über den Standpunkt, den die Bibel, zumal das prophetische Judentum in der Frage eingenommen hat, „ob Gewalt, Verzicht oder Recht das Höchste ist, ob das Leben seinen Sinn in der grausigen Poesie des ungelinderten Zusammenpralls aller Kräfte, ob in der unfruchtbaren Großarttgkeit der Entsagung oder im Kampfe um das Recht Aller finden soll." In dieser allgemeinen Frage ist auch die besondere enthalten, ob nach biblischer Anschauung der'Krieg als gelegentlicher „Jungbrunnen der Menschheit" unentbehrlich oder als verbrechen nnd Verführer anzusehen, ob demnach seine allmähliche Abschaffung oder doch möglichste Beseitigung als höchste Kulturtat oder als ein verhängnisvoller Schritt zur Verweichlichung der Menschheit zu gelten hat." So hat H. die Frage in seiner zweiten Schrift*) formuliert, die, aus Vorlesungen an der Jüd. Volkshochschule in Breslau entstanden, gleich im ersten Vortrage das Thema „Militarismus oder Pazifismus" behandelt. Dort heißt es in der Antwort auf unsere Frage: „So bildet die Forderung des Weltfriedens nicht ein phantastisches Gemälde, das man fich ebensogut aus der Botschaft der Propheten fortdenken könnte; der Gedanke an den gerechten Weltrichter, an die Zeit, da die Völker Schwert und Spieß zu Pflugschar und Winzermefsern umfchmieden werden, erwächst'als notwendige, unmittelbare Forderung aus der Verkündung dos Rechtes, das auch zwischen den Völkern walten soll. So strebe« die Propheten aus dem Zustande des Kampfes aller gegen alle hinaus, nicht weil er vom Einzelnen Opfer L. ftiufimo«, Verlag. Frankfurt «. M.