Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 — lieh vielfach — manv darf fast sagen — Mode geworden, das Buch Esther als ein geradezu blutrünstiges, haßerfülltes zu verwerfen. Qb nicht das Urteil Luthers und seine Autorität diese Anschauung stark beeinflußt hat? Aber sie bleibt.trotz dem unrichtig. Das Buch hält in seinen wesentlichen Stücken den Vergleich mit den besten Erzeugnissen der Erzählerkunst der Weltliteratur aus. Es liest sich wie eine Novelle, in der mit intuitivem künstlerischen Feingefühl der Verfasser hier die großen Ereignisse mit wenigen Strichen klar umreißt, dort mit epischer Breite und liebevollem Eingehen auf das Einzelne das Milieu anschaulich schildert, Nebenvorgänge und Züge von geringerer Bedeutung scheinbar übermäßig betonend. Aber das ist gerade die Kunst dieses Erzählers, daß die oft breite Schilderung dieser Einzelheiten so gezeichnet ist, daß der Hintergrund für die Handlung hergestellt ist und nun in wenigen Strichen diese um so klarer hervortritt. Wie wundervoll ist die Exposition gegeben! Das Monate dauernde Fest am Königshofe, der König trunken inmitten seiner trunkenen Großen und doch von seiner eigenen Gottheit überzeugt, sich hinwegsetzend über alle Gebote guter Sitte. Und als sein Weib dem Befehl des sich selbst vergötternden Gemahls nicht gehorcht, da bestärken die trunkenen Königsdiener in ihrer Liebedienerei und in ihrer so läppisch gezeichneten Besorgnis um die Herrschaft im eigenen Hause ihn, die Königin zu verstoßen. Das alles ist für die eigentliche Erzählung des Buches von recht geringer Bedeutung. Es hätte durchaus genügt, wenn die Erzählung mit der- Erhebung Esthers begonnen hätte. Aber besser als alle Charakterschilderungen gibt jene erste Schilderung uns das Bild des Königs und seines Hofes. An diesem Hofe konnte ein Haman allmächtig werden, ja dieser Hof erheischte geradezu solche Emporkömmlingsnaturen. Wie glänzend ist Harr* n und seine Umgebung gezeichnet, wie er zu Hause mit üen Seinen von seinen Erfolgen und seiner wachsenden Größe spricht, wie man ihm den Rat gibt, den Galgen für Mordechai bauen zu lassen, und wie denn in der üblichen Weise, als er von dem unerquicklichen Ritte Mordechais, dessen Pferd er beim Zügel führen miuß, heimkehrt, seine Frau und seine Freunde weiteres Unheil vorhersagen. Es ist, als hörte man die Gespräche, als sähe man die Gesichter: Und so durch das ganze Buch. Aber so köstlich die Erzählkunst des Estherbuches ist — entscheidend ist die Frage nach dem Inhalt des Buches. Das Typische des Judenhasses Hamäns liegt klar zutage. Das Purimfest zeigt uns wieder das Schicksal Israels als ein notwendiges, unausweichliches. Das Anderssein als die anderen, •dieser Ausspruch, etwas Besonderes, Eigenartiges leisten zu