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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1921-11-01 · Heft 11-12 (November 1921) · p. Seite 234

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1921
Issue
Heft 11-12 (November 1921)
Date
1921-11-01
Page
Seite 234 (sequence 26)
Language
German
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— 234 — breite von seinen Wegen abwich. So glaubten die Väter. Doch die Erscheinung des Christentums weist auch dem jüdischen Geiste neue Bahnen. Anstatt des rohen Prinzips von Vergeltung und Strafe in diesem Leben, tritt der Glaube an das Jenseitige, die Erlösung für den Gerechten, die Strafe für den Missetäter. Hier liegt die Möglichkeit des Bereuens offen. Statt des „Auge um Auge, Zahn um Zahn", der Satz „Du sollst deinen Feind liefen". Hier tritt der Glaube an die siegende Gewalt des Guten an Stelle des Rachegefühls, wie es in den alten jüdischen Strafgesetzen lebt (siehe auch die Artikelserie über Todesstrafe in den vorigen Nummern der liberalen Zeitung). Anschließend an den Gedanken, den Glauben an das Leben nach dem Tode, der bewirkt, daß sich der Mensch sittlich vorbereite, aber weit über ihn hinausgreifend, spannt sich die Idee des liberalen Judentums. Reiner und klarer erscheint uns der Glaube an Gott und Gerechtigkeit. Wir wissen uns frei vom sittlichen Zwang altjüdischer und christlicher Ideen, da uns Sittlichkeit ins Bewußtsein übergegangen ist, und wir das Gute tun um des Guten wiHen, und nicht etwa aus Gottesfurcht oder aus Angst vor Strafe im jenseitigen Leben. Nachdem ich so den jüdisch-liberalen Geist charakterisiert habe, will ich zur eigentlichen Aufgabe unseres Vereins übergehen. Wie alle jüdischen Vereinigungen, so bezweckt auch die unsere, die Jugend zum Wissen um Religion und Gesellschaft heranzuziehen. Wir sollen die Feinde der Juden bekämpfen, dem Antisemitismus entgegentreten, uns an wissenschaftlichen und Kultureinrichtungen interessieren. Speziell eine liberale Aufgabe ist es, in dem jungen Menschen eine Weltanschauung zu festigen, ihm zu zeigen, wie Gesetz und Leben in Einklang zu bringen ist. Es ist unerträglich zu hören, wenn man der Jugend Teilnahmslosigkeit vorwirft. Ebensowenig wie man von einem Schüler verlangen kann, daß er Aufgaben löst, bevor mian sie ihm gestellt hat, so wenig kann man von der jüdischen Jugend verlangen, daß sie sich eine Weltanschauung bilde, ohne daß in ihr der Forschungstrieb entwickelt und wach gehalten wird. Denn nicht dadurch werden wir angeregt, daß man uns Geschichte vorträgt, sondern indem man uns kritisch betrachten lehrt das Gesetz, das uns offenbart wurde. Nur durch Zweifel werden wir zur Forschung, getrieben, und erst durch Forschung gelangen wir zu einem festen Weltbilde, zur Wahrheit. Keine Zeit sollte vergeudet werden mit nutzlosen Gesprächen über Antisemitismus, über Zeiterseheinungen und Entwicklungstheorien, ihre praktischen; Auswirkungen im bürgerlichen Leben etc. Dazu kommen wir zurecht, wenn die Aufgaben an uns herantreten. Wollen wir wahre Juden werden, müsen wir vorerst

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