Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 8 (August 1921)
- Date
- 1921-08-01
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2550626-2550646-2550654--464-2551194- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 152 — Nachdem Herr Dr. Siegfried Moses (Zionistische Vereinigung für Deutschland) die Erschienenen begrüßt hatte, gib Herr Dr. Paul Nathan (Hilfsverein der deutschen Juden) in längeren Ausführungen ein Bild der politischen Probleme, die mit der Einwanderung der Ostjuden nach Deutschland und ihrer Durchwanderung nach Übersee verknüpft sind. Er betonte, wie die deutsche Heeresverwaltung durch Proklamationen an die Juden des Ostens, in denen sie denselben Befreiung und Freundschaft verhieß, viel dazu beigetragen liabe, um nach dem Rückzug der deutschen Heere aus Polen und Rußland eine den Juden feindliche Stimmung im Osten zu schaffen. Dr. Nathan erwähnte kurz das schmerzliche Kapitel der Deportationen ostjüdischer Arbeiter nach - Deutschland zur Arbeit in der deutschen Kriegsindustrie, die vielerorts unbekannt sei. Der Redner ging dann auf die Behandlung der Ostjudenfrage in Deutschland durch die republikanische Regierung ein. . Wenn die Regierung ein jüdisches Problem dadurch anerkennt, daß sie im Auswärtigen Amt ein besonderes Referat mit einem besonderen Vertreter errichtet hat-, wenn die Regierung selbst sich entschlossen liat, im Einverständnis mit der jüdischen Öffentlichkeit die entstandenen Fragen zu lösen, wenn sie sich der Unterstützung und des Rates der Spitzenorganisation aller jüdischen Organisationen Deutschlands, des Arbeiterfürsorgeamtes, bedient, dann muß das deutsche Judentum auch seinerseits mit aller Energie die Lösung der sich ihm aufdrängenden Aufgaben in die Hand nehmen. Die Wichtigkeit der Aufgaben, die <iurch das ostjüdische Problem dem deutschen Judentum gestellt worden sind, ist von allen Richtungen des deutschen Judentums anerkannt worden. Anerkannt worden ist * aber auch das politische Interesse, das eine menschliche Behandlung der in Deutschland befindlichen Ostjuden erfordert. Herr Dr. Nathan verwies auf die früher oder später doch eintretende Notwendigkeit der Auswanderung für den deutschen Arbeiter und Kaufmann. Er machte darauf aufnterks.ani, wie ungeheuer unklug eine Politik sei, die den fremden Mächten Gelegenheit gebe, sich gegen die deutsche Einwanderung einmal unter Berufung auf die Maßnahmen zu wehren, die heute Deutschland etwa gegen die ostjüdischen Arbeiter, anwenden würde. Wie kurzsichtig eine Politik auch vom jüdischen Standpunkt sei, die den Antisemitismus dadurch zu bekämpfen glaube, daß man die Ostjuden über die Grenze zurücktreiben wolle, während doch nur eine vernünftige sozialpolitische Behandlung der Frage, wie das Arbeiterfürsorgeamt sie bisher im Einverständnis mit der Regierung betrieben habe, geeignet sei, dem Antisemitismus seine Waffen aus der Hand zu winden. Dr. Nathan verurteilte scharf