Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 8 (August 1921)
- Date
- 1921-08-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 146 — In der Zeitschrift „Deutsche Politik" "(6. Jahrgang 1921, Heft 10) veröffentlicht Herr Professor Dr. Rudolf Otto folgenden Aufruf: Religiöser Menschheitsbund. Von Professor Dr. R. Otto (Marburg). Wer wird die Welt retten aus der gemeinsamen ungeheuren Not, in die wir alle tiefer und tiefer versinken? Wunder und Zeichen des Himmels? Aber der Himmel hilft nur dem, der sich selber helfen will. Oder der große Held und das kommende Genie, auf das viele warten? Aber was vermag der einzelne, was vermag auch der Stärkste gegen das Ungeheuere! Oder die Politik, die Wissenschaft, die Wirtschaftskunde, die Erbweisheit der Wissenden? Aber sie fruchten nichts ohne die Hauptsache. Was ist die Hauptsache? Die Hauptsache ist der einmütige, starke, gemeinschaftliche Wille aller Verantwortlichen der gesamten Kulturmenschheit, des Übels Herr zu werden, durch gemeinsame Anstrengung und gemeinsame Zielsetzung, durch gegenseitige Verantwortung und planmäßige Wechselwirkung! Die Hauptsache ist ein gemeinschaftliches gewecktes Weltgewissen, ist der Druck einer gemeinschaftlich geformten öffentlichen Meinung, ist ein gemeinsames Gefühl für das wohlverstandene Interesse aller mit allen, ist ein allgemeines, bis in die untersten Tiefen und in die weitesten Kreise dringendes Klarwerden über die Lage der Dinge, über die Not, und über die unausweisliche Notwendigkeit verbundenen Zusammenwirkens. Ohne solche öffentliche Meinung der ganzen Welt, ohne ein solches Gesamtgewissen und Gesamtgefühl bleibt alles , „Völkerrecht" ohnmächtig und bleiben alle „Völkerbünde" papierene Mauern oder Werkzeuge des Zwanges in der Hand der zufällig Mächtigen. Ohne sie sind die Reden von zwischenstaatlicher Gerechtigkeit und .Weltbruderschaft eben Reden ohne Folgen, Glauben ohne Werke. Das fühlt ein jeder, der nicht blindlings an die Zaubermacht der Paragraphen oder Satzungen glaubt. Wer aber erweckt das öffentliche Gewissen? Wer hat Macht über Gemüt und Willen? Wer kann erziehen zu gemeinschaftlichem Verantwortungsgefühl? Etwa die Presse oder die Verbände der Politiker, der Intellektuellen des Han* dels und der Wissenschaft, des zwischenvölkischen Verkehrs? Keiner von ihnen reicht in die Tiefe und in die Breite, auf die es hier ankommt. Keiner entbindet die Kräfte tiefster-Überzeugung und dauernder Begeisterung, die hier nötig sind. Keiner von ihnen greift durch und formt den starken Willen, der aus Gewissen und Verantwortungsfühl geboren wird. Nur einer vermag dieses Schwerste und Wichtigste zu leisten: