Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 7 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 139 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 139 — Übersetzung unter allen Umständen für richtiger halten, als den hebräischen Text. Nach der Entstehung des. Christentums wurde die Bibel ins Lateinische übersetzt/ Aber diese Übersetzung ist durch mancherlei Mängel, die vor allen Dingen in der Absicht begründet liegen, das Christentum resp. christliche Anschauungen in der Bibel zu finden, für uns wenig brauchbar. Die katholische Kirche betrachtet sie noch heute unter dem Nar men der „Vulgata" als offizielle Übersetzung. Ins Deutsche wurde die Bibel schon frühzeitig übersetzt und nach Erfindung der Buchdruckerkunst auch gedruckt. Im Geburtsjahr Luthers erschien schon die 9. deutsche Bibel« Übersetzung. Wenn also Luthers Bibelübersetzung auch nicht die erste deutsche war, so hat sie doch die größte Bedeutung erlangt. Die protestantische Kirche sieht in - ihr etwas dem Urtext vollkommen Ebenbürtiges,: ihre Sprache ist die Grundlage unserer neuen deutschen Schriftsprache geworden und die Kraft ihres Ausdruckes ist in der Tat oft völlig der des Urtextes gleich. Trotzdem hat sie natürlich alle Mängel, einer Übersetzung. Luther hat z. T. nicht aus dem Hebräischen, sondern aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt und hat sich dabei oft durch Rücksichten auf die christliche Glaubenslehre leiten lassen. Daher ist seine Übersetzung immer nur mit Vorsicht zu gebrauchen, wobei man noch be* rücksichtigen muß, daß in 400 Jahren die Wissenschaft große Fortschritte gemacht hat. Ein besonders treffendes Beispiel hierfür scheint uns der 8. Psalm zu sein, dessen Übersetzung von Luther überschrieben ist: „Weissagung von Christus und seinem Reich, Leiden, und Herrlichkeit!" während jeder von seiner Schulzeit noch wissen wird, daß der Psalm von der Herrlichkeit Gottes spricht, die sich im Menschen offenbart. In neuerer Zeit sind eine Reihe von sogenannten wissenschaftlichen Übersetzungen erschienen. Sie sind aber von uns Juden mit Vorsicht zu gebrauchen, da . kaum eine vorhanden ist, die nicht von der Voraussetzung ausgeht, daß unsere Bibel die niedrige Vorstufe für das Christentum darstellt. Als Beispiel weise ich auf . folgendes , hin. JDie bekannte Übersetzung von Kautzsch bringt zur Stelle 3. Mose 19,18 : Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst! die Bemerkung, daß sich das natürlich nur auf den Volksgenossen bezieht. Und zu dem Vers 34 in demselben Kapitel: Wenn bei Euch ein Fremdling weilt, so sollst Du ihn nicht bedrücken, Du sollst ihn lieben wie Dich selbst! bemerkt der wissenschaftliche Erklären: „Fremdling heißt natürlich nur ein Mann aus dem Stamme Rüben etwa im Stamim Simon." Er übersieht dabei in seiner Wissenschaftlichkeit, daß der nächste Vers sagt : „Ihr selbst seid ja Fremdlinge im Lande Ägypten gewesen."