Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 6 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- Seite 120 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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— 120 — Was brachte das letzte Jahr? Es war uns eine Zeit reger Arbeitsamkeit. Unsere Tätigkeit hatte eine neue, vielversprechende Einstellung genommen. Von der Zeit gelehrsamer Einzelvorträge vor leeren Bänken waren wir zu gefüllten Lernzimmern gekommen. Was hätten wir uns mehr wünschen können? Ist es uns doch dringendste Notwendigkeit, uns dem ewig Formalen und Begrifflichen zu entziehen, von dem armen Negieren und Hohlreden zu wirklichen Inhalten zu gelangen. Das Möglichste wurde aufgeboten. Wir fanden uns mit Eifer zusammen, viele fast Abend für Abend, um unseren Führern zu lauschen, uns mit ihnen in das zu vertiefen, was sie uns wiesen. Es gab sich Frage und Antwort, Vertrautwerden und Liebgewinnen des uns beschäftigenden Gebietes. So wuchsen wir zu lebendigen Gemeinschaften. Womit wir uns beschäftigten? Wir lasen weiter in der heiligen Schrift, die wir vor zwei Jahren mit dem „bereschos" begonnen hatten, und in der wir in emsigem Vertiefen bis heute zu den Plagen im Ägypterland gediehen sind. Es ist die Eigenart des Vertiefens, wie wir es mit unserem bewährten Dr. Eduard Strauß betreiben, daß ich mich, ein „wie?" zu schildern, nicht unterfangen möchte. Wir lesen, wir leben die Schrift in fortlaufendem, wachsendem Rhythmus. Daß diese Betätigung, die in unserem Kreise geboren wurde, heute aus unserem Vereine herausgewachsen ist, ist "für uns schmerzlich, sollte aber kein Vereinsmitglied zu der Kurzsichtigkeit verleiten, ihr fern zu bleiben. Herr Rabbiner Dr. Seligmann begeisterte durch seine jugendfrische, beseelte Liebe zum Judentum den Kreis seiner Zuhörerschaft zu den Wesensinhalten, den Kräften und Strömen jüdischer Uberkommenheit, den Weisheiten seiner Leh* ren, den Geist seiner Lehrer und Philosophen und in der zweiten Hälfte des Winters gab er uns den Weg in die Kraft und den Sinn unserer Gebete. Herr Rabbiner Dr. Lazarus maß in der ersten Hälfte des Winters Judentum und Christentum gegeneinander ab. Dr. Franz Rosenzweig führte in die Gedankengänge, die philosophischen Verknüpfungen unserer Gebete, wies uns den Weg zu ethischen und ästhetischen Betrachtungen. Mit Dr. Strauß las sich ein Kreis in den philosophischen Inhalt des Buches Kusari von Jehuda ha-Levi ein. Herr Rabbiner Dr. Salzberger führte uns in den Gang und den Sinn des gesamten jüdisch-religiösen Lebens, lehrte uns die geringste Formalität verstehen und wertschätzen und baute das gesamte religiöse Leben vor uns auf, das Gottes* haus und seine Einrichtungen, die Feste mit ihren Bräuchen