Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 237 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2550626-2550633-2550644--279-2551001- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 237 — Tendenz raubt dem Buch den literarischen Wert. Der wahre Dichter schildert das Leben nicht, wie er es im Interesse seiner politischen Meinung für gut findet, sondern wie es ihm bei unbefangener Anwendung seiner Beobachtungskraft und Lebenskenntnis sich zeigt. Mit einer gewissen Wehmut erinnert sich der Leser immer wieder des Werks des jüdischen Dichters, der am tiefsten die gleichen Probleme behandelt hat, und dabei, persönlich dem Zionismus nahestehend, doch der Erkenntnis Ausdruck gegeben hat, daß jeder Jude sich seinen eigenen „Weg ins Freie" erkämpfen muß. Trotzdem sei das Buch hier empfohlen. Denn der Verfasser ist immerhin ein, wenn auch nicht unbefangener, so doch aufmerksamer Beobachter und ein witziger satirischer Betracht ter, und manche Seite wird der Leser mit Anteil und Behagen aufnehmen, selbst wenn sich der Spott gegen ihn und seinen Kreis kehrt. Und dann enthält diese Parteischrift, die mit der Fahrt zum Baseler Zionistenkongreß ausklingt, kurz vor dem Schluß noch eine einzelne Stelle, auf die besonders hingewiesen sei, weil sie in diesem Zusammenhang so sehr auffällt. Der Sohn des getauften Landgerichtsdirektors hat durch allerlei Fügungen die russische Heimat seiner Mutter und seine ostjüdischen Verwandten kennen gelernt, nicht ohne innerlichst berührt zu werden. Nun hält ihm seine arische Freundin* (S. 403) vor: „Mir schien, jetzt würden die Hüllen fallen — du würdest jetzt ein freier, natürlicher Mensch werden — so wie alle normalen Menschen es sind. Du würdest, glaubte ich, deinen Wert erkennen, erst richtig deinen Platz einnehmen. Gerade, um hier als Deutscher eine rechte Heimat zu finden/' — ,,Zu diesem Zweck, meinst du, hätte ich erst Jude werden müssen?" — „Gewissermaßen ja!— Erst heißt es, sich selbst, seine Eigenart, seinen Wert finden. Dann kann man etwas in die Gemeinschaft einbringen — seinen Platz ausfüllen — sich wahrhaft gleichberechtigt fühlen/' Na — möglich! Aber dazu scheint es kraft väterlicher Vorsorge denn doch heute etwas zu spät--" Ist das nicht die Anerkennung des aufrechten liberalen Judentums, das jene väterliche Vorsorge, wie die Flucht nach Palästina gleichermaßen ablehnt, das sich seiner Herkunft voll bewußt ist und niemals schämt, und doch gewillt ist, den Platz einzunehmen, auf den es gestellt ist, und dort für das überkommene Ideale für die Menschheit zu wirken? Dr. Walter Breslauer.