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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1919-11-01 · Heft 5 (November 1919) · p. Seite 35

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1919
Issue
Heft 5 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 35 (sequence 9)
Language
German
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Bruchteil, etwa den Geburten -Überschuß der Ostjuden aufnehmen kann. Die deutsche Jugendfrage wird in jedem Falle hier gelöst werden müssen. In der sehr erregten Diskussion sprachen für den Zionismus die Herren Nahum Goldmann, Klötzel und Goslar, denen von den Referenten sowie den Herren Diplom-Ingenieur Herz und Grünstein entgegengetreten wurde. Eine große Anzahl Beitrittserklärungen bewies den Erfolg, den wir mit dieser Kundgebung errungen hatten. Herr Rabbiner Dr. Warschauer sprach über das Thema „Die Zukunft des religiösen Judentums". Er führte aus: Wir leben in einer religiösen Krisis. Es wird eine Zeit kommen, da die politischen Eindrücke der letzten Zeit von den führenden Geistern verarbeitet werden. Dann wird sich in der ganzen Menschheit das Gefühl entwickeln, daß das, was wir heute an Religion besitzen, uns nicht mehr zu befriedigen vermag. Wie alle Dinge in der Welt sich entwickeln, so auch die Religion. „Ich glaube, daß die ganze Menschheitsgeschichte nichts anderes ist als ein Sichenthüllen der Wahrheit, als Offenbarung Gottes. Und da ich kein orthodoxer Jude bin, so glaube ich nicht, daß die Entwicklung in der Religion gleich mit ewigen Werten anfängt, sondern ich glaube, daß sich uns ganz allmählich diese Werte enthüllen/' Wir können uns nicht damit begnügen, zu erhalten, was wir besitzen. Wir müssen schöpferisch auftreten. Das können wir nur durch unser religiösethisches Genie. Um uns dieses rein zu erhalten, hält der Redner von seinem zionistischen Standpunkt aus der Verwirklichung der national-jüdischen Bestrebungen für erforderlich. In der sehr anregenden Diskussion wird besonders darauf hingewiesen, daß die Nation mit dem religiös-ethischen Bewußtsein des Einzelnen nichts zu tun habe. Eine Weltanschauung auf religiös - ethischer Grundlage sei international. Am 29. April sprach Herr Assessor Dr. F. Cohn über „Judentum und Völkerbund". Der Redner wies an zahlreichen Zitaten aus dem jüdischen Schrifttum den Willen zum Pazifismus im Judentum nach. In der Debatte wurde besonders scharf gegen das Buch des jetzigen Reichsministers, Erzberger, über den Völkerbund opponiert. Einen Lichtbildervortrag über „Ausgrabungen in Vorderasien" hielt am 6. Mai unser Ehrenmitglied Herr Hirschfeld. Unter dem Titel „Die Zukunftskraft des Judentums" sollte am 10. Mai eine öffentliche Versammlung in der Philharmonie stattfinden. Die Herren Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsberg, Dr. Kellermann-Berlin und Dr. Seligmann-Frankfurt a. M. hatten die Einzelrefereate: „Gott und der Mensch", „Der Mitmensch" und „Die Messiasidee" freundlichst übernommen. Die rein religiösen Ausführungen der Redner wurden durch eine Schar Antisemiten, die mit Waffen und Schlagringen im Saal anwesend waren, unterbrochen, so daß die Versammlung vorzeitig geschlossen werden mußte. Der 1. Vorsitzende des I. L. I. Frankfurt a. M.; Herr Referendar Dr. Seligmann, sprach am 13. Mai bei uns über das Thema „Von der Erneuerung des deutschen Geistes ühd den Anteil des Judentums". In seinen Ausführtingen zeigte der Redner den tieferen Grund des Zusammenbruches Deutschlands. Er wies, auf die alten jüdischen Ideale hin und kam zu dem Schluß, daß diese allmählich im deutschen Geist Aufnahme finden müssen. Ein Vortrag unseres Mitgliedes Herrn Rabbiner Dr. Weyl, über % „Biblische Wunderberichte" fand am 20. Mai statt. Der Redner sprach üb§r den Wert und die Bedeutung der Wunderberichte vom liberalen Standpunkt aus. Am 17. Junv hielt unser Mitglied Herr Alfred Adam, ein Referat über das Thema „Der jüdische Liberalismus wie er ist und wie er sein sollte". In den Ausführungen wurden besonders die Beziehungen zwischen Kulturzionismus und Liberalismus und die Notwendigkeit des religiösen Erlebens im Einzelmenschen besprochen. Am 24. Juni sprach unser Mitglied, Herr Rechtsanwalt Dr. Breslauer, über „Die Gemeindewahlen und ihre Bedeutung". Er zeigte die Beschränkungen im Wahlrecht durch das Judengesetz von 1847, und stellte dann die Forderungen auf, die der Liberale Verein sich aneignen müsse: Allgemeines, gleiches, direktes Wahlrecht für Männer und Frauen (auch Ausländer unter Ausschluß fluktuierender Elemente). Einführung des Parochialsystems in Berlin, Erneuerung des Religionsschulwesens usw. Die Teilnehmerzahl an den Vorträgen schwankte zwischen 70 und 200. Die öffentlichen Versammlungen waren von 1000 bis 1200 Personen besacht. Der 2. Sederabend wurde gemeinsam unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Kellermann in kleinem Kreise von uns begangen. Es war ein^ stimmungsvoller und gemütlicher Abend. Der Bibelkursus wurde unter Leitung vor* .Herrn Lehrer Hirschfeld fortgesetzt. Es nahmen etwa 30 Mitglieder an ihm teil, die abwechselnd zu Beginn jeder Kursusstunde ein kleines Referat führten. Um den geselligen Zusammenhang unter den Mitgliedern zu fördern, wurden einige Ausflüge und ein Gesellschaftsabend veranstaltet. An diesem erfreuten uns erste Berliner Künstler durch ■ / Darbietungen. Tanz hielt uns bis %2 Uhr zusammen. Mit den anderen in Berlin bestehenden Jugendorganisationen stehen wir auf bestem Fuße und arbeiten mit ihnen in einzelnen Arbeitsgemeinschaften zusammen. Der freien jüdischen Volksschule sind wir beigetreten und haben in dessen Kuratorium 2 Sitze mit Stimme. Zu Ehrenmitgliedern wurden ernannt die Herren Lehrer Hirschfeld und Rechtsanwalt Stern.

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