Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1919)
- Date
- 1919-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Nr. 4 Oktober 1919 'Jahrg. I Inhalt: Simchas -Tauroh! — Zur Jugendbewegung! — Neutralität/ — Schrifttum und Literatur: Aus der Bibel; Aus dem Talmud. — Verbands- und Vereinsnachrichten: Vereins-Statistik. — Spender-Liste. Simchas -Tauroh! Von Rechtsanwalt Heinrich Stern. Der Festmonat Tischri schwingt in feierlichem Doppelklang aus; dem Schlußfest folgt das Fest der Gesetzesfreude, dem Tag des Gedächtnisses der Toten der Jubeltag des Freudenfestes, an dem nach altem Brauch den Kindern das Gotteshaus gehört und an dem sie in festlichem Zuge die Thorarollen geleiten. Und wie sich dem Tag der Erinnerung an teures Vergangene der Tag des Frohlöckens über unser ewiges Gut anreiht, so reichen sich am Simchas-Tauroh-Fest im Gotteshaus Ende und Anfang die Hand: der Erzählung vom Scheiden unserer Lehrer Mose reiht sich der gewaltige Bericht über die Weltschöpfung an, Vergehen und Entstehen, Zeitliches und Ewiges treten sichtbar vor unsere Seele. Uns jungen Juden ist dieses Fest der Gesetzes- * freude ganz besonders ans Herz gewachsen. Denn wir Juden von heut haben wieder gelernt, uns unseres Judentums zu freuen, es als Köstliches, Lebendiges zu empfinden. Unser Judentum ist uns nicht nur ein kostbares Erbstück, sorgfältig eingeschlossen im Preziosenschrank, und in einigen feierlichen Momenten des Lebens hervorgeholt, es ist uns nicht ein Stein des Anstoßes, den wir erst gewahr werden, wenn wir uns daran stoßen, eine klirrende Kette, die wir nur darum nicht abstreifen, weil wir das Urteil der Außenwelt scheuen oder eine sentimentale Erinnerung, der wir nachhängen, wenn .wir nichts Besseres zu tun haben. Darum können wir jungen Juden auch niemals in die schreckliche Lage des Zwiespalts und der Verzweiflung kommen, wie sie sich in dem vielbesprochenen Aufsatz von Georg Hermann so ergreifend und so anklagend kund gibt. Er, ein deutscher Jude, der an seinem5 Deutschtum irre geworden ist, greift nach seinem Judentum und kann es nicht fassen, weil er das nicht gehabt hat, ohne das lebendiges Judentum nicht denkbar ist: eine jüdische Jugend, die sich ihres Judentums erfreut. Uns liberalen Juden ist aber dieses Fest ein besonderes Symbol; denn auch in unserem Judentum ketten sich Vergangenheit und Zukunft unlöslich aneinander. Wir, die wir das Judentum als ein geschichtlich Gewordenes und ewig Werdendes erkannt haben, wissen, daß wir fest in der Vergangenheit wurzeln. Wir bauen auf, auf dem, was unsere Weisen gelehrt, unsere Propheten gekündet, unsere Dichter gesungen haben. Das Leben und Leiden unserer Gemeinschaft hat auch uns geformt und wir sind voll all des Köstlichen, das aus den Schächten und Quellen unserer Vergangenheit strömt. Darum wollen wir lernen und immer wieder lernen, beten wir doch in unserem Tefillah- Gebet nicht umsonst in der ersten Bitte um „Daass", um Erkenntnis und Wissen. Ohne Wissen kein Wollen, ohne Wollen keine Freude! Aber wir tauchen nicht unter im Meere der Vergangenheit, um auf dem Grunde zu bleiben. Wir wollen leben und unseren Kindern Leben hinterlassen. Wir haben uns freigemacht von den Fesseln der Normen und Formen, die dem Leben und der Geschichte nicht standgehalten haben. Aber wie jener große Weise wollen wir-nicht nur fragen: „frei wovon?", sondern: „frei wozu?" Diese Frage muß täglich und stündlich in unseren Herzen widerhallen, damit wir den Sinn und das Ziel unseres jüdischen Lebens erkennen. Und wenn uns heute aus Hunderten von jugendlichen Herzen der Ruf entgegentönt, wir wollen ein freies Volk auf freiem Lande werden, so gilt es zu beweisen, daß wir diesem Sirenenruf, der namentlich unseren jungen jüdischen Menschen so zauberisch ins Gemüt klingt, etwas gleich Lebendiges und Sicheres entgegenzusfellen haben. Es ist oft genug gesagt worden, daß wir Juden nicht leben um des äußeren Erlebens willen, daß unser Ziel nicht ist, uns und unseren Brüdern eine neue Gemeinschaft zu schaffen, eine neue Form des Lebens und Schaffens; Wir wollen leben auf unserem alten Boden, der uns Heimat geworden ist, wir wollen unser Judentum erleben nicht nur, indem wir Aecker umgraben und Häuser bauen für jüdische Menschen, sondern indeiruwir unseren jüdischen Geist, unser jüdisches Gewissen formen und erneuern. Wir wollen in unserem Leben die ewigen Lehren des Judentums, die Lehre der Einheit, der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Vollendung der Menschheit finden und festigen und nicht nur durch Wort und Lehre, sondern durch Leben und Beispiel dazu beitragen, daß auf diesen Pfeilern die neue Menschheit sich aufbaut. Wir müssen danach streben, daß dieses unser Wollen zu gemeinschaftlicher Tat werde, daß es mehr sei als ein Dogma der Bequemlichkeit, eine Entschuldigung vor eigenem Nichtstun, und dazu gehört, daß wir an unserem Leben und dem unserer Kinder gestalten, bauen und bilden, um es dem Ideal nahezubringen, das unsere Lehre von uns fordert. Gewiß wollen wir unseren jüdischen Brüdern, die, unglücklicher als wir, kein Vaterland haben, auf dem sie als Juden leben können, mit