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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1919-09-01 · Heft 3 (September 1919) · page 1

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1919
Issue
Heft 3 (September 1919)
Date
1919-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Nr. 3 I September 1919 Jahrg. I Inhalt: Zum Neujahrsfest. — Der „neue Geist" in der Gemeindeverfassung. — Schrifttum und Literatur: Aus dem Talmud. — Etwas über den Entwickelungsgedanken im biblischen Schrifttum. — Verbands¬ und Vereinsnachrichten: Vorstandssitzung der Arbeitsgemeinschaft jüdischliberaler Jugendvereine Deutschlands. — Spender-Liste. Zum Neujahrsfest! Zum ersten Male feiern wir den Beginn des jüdischen Jahres wieder im Frieden; einem Frieden freilich, der sich vom Krieg nur dadurch unterscheidet, daß die Geschütze schweigen, daß die Heere sich nicht mehr in den Gräben gegenüber liegen. Die neue Weltordnung, die wir vom Frieden erhofften, ist nicht gekommen, der Haß ist nicht geschwunden, ist im Gegenteil durch diesen Frieden vertieft und vergrößert worden. Und die Menschheit leidet, die Schaffensfreude ist geschwunden, die sittlichen Werte haben ihre Geltung eingebüßt. Die Menschen haben den Glauben verloren an einen höheren Sinn des Lebens und an einen Zweck ihres Daseins. Noch besitzen wir Religionen; aber sie sind in ihrem Grunde erschüttert, weil es uns an Religion fehlt, an echtem gläubigen Bekennen. Wir feiern dieses Neujahrsfest nicht nur als den Anfang eines neuen Jahres; es soll der Beginn einer neuen Zeitepoche werden. Bedingung für den Aufbau einer neuen Zeit ist, daß .wir an die Zukunft glauben und an ihren Sinn, und daß wir selber die Kraft zum Glauben finden und den Mut, das Leben danach zu gestalten. Wer die Zukunft will, muß für den Glauben werben. Es ist der Sinn des Judentums, und unserer liberalen Gemeinschaft im Besonderen, diese Aufgabe zu erfüllen und zu gemeinsamer Arbeit in ihrem Dienste sich zusammenzuschließen. Das Neujahrsfest gehört zu den göttlichen Boten, die uns zum Kampfe aufrufen und zur hingebungsvollen Arbeit mahnen. Dieses Fest hat vier Namen: nj^3 ##1 Jahresanfang, pjjj Tag des Gerichts, J*h$J3 Tag der Erinnerung undHJP'hJ*) DT» Tag des Schofarblasens. Es ist auffällig, daß das Neujahrsfest, dem in unserer Zeit fast die größte Bedeutung unter den jüdischen Festen zukömmt, in der Bibel sehr stiefmütterlich behandelt wird. Kaum wird seiner Erwähnung getan, geschweige daß wir eine eingehende Begründung seines Charakters finden. Abgesehen von den Opfervorschriften für diesen Tag finden wir in der Thora keine Stelle, die sich mit unserm Fest befaßt. Allerdings möchte es fast scheinen, als ob die Bibel mit ihrem Schweigen eine bestimmte Absicht verfolgt und, indem sie ausdrücklich den Frühlingsmonat Nissan als ersten Monat bestimmt — ntfic^ bp^ ri#*i ö'TO DP^ nja tfjro HJ^n dieser Monat sei euch das Haupt der Monate, der erste sei er euch unter den Monaten des Jahres —, einen Gegensatz schaffen will zu den ursemitischen Religionen und Völkern, bei denen unser Neujahrsfest gleichfalls den. Beginn des neuen Jahres bedeutet. Die Geschichte des Hp^n VPtfl -Festes würde damit die Lehre des liberalen Judentums bestätigen, daß viele Institutionen der Religion aus dem Volksleben sich entwickeln und erst nachträglich ihre religiöse Sanktionierung erhalten haben. Obwohl ohne Begründüng in der Bibel, vielleicht entgegen ihrer Absicht, hat sich da9 HJl^n ItfK1"! -Fest aus der ursemitischen Neujahrsfeier zu einem der heiligsten Tage unseres neuzeitlichen religiösen Lebens entwickelt. Dabei hat freilich das Judentum wie alles, was es aus älteren Religionsformen übernommen hat, so auch dieses Fest mit neuem Geist erfüllt. Liegt vielleicht auch in dem Namen J^tf eine Erinnerung vor an den ursemitischen „Tag des Gerichts", so ist der Tag vielmehr zum Symbol des Rechtes geworden. Er ist der Träger des Grundgedankens jüdischer Weltanschauung, daß das Gedeihen und der Fortschritt der Welt gegründet sind auf den' Sieg des Rechtes und der Gerechtigkeit. Nicht auf blinde Liebe allein will das Judentum das Nebeneinanderleben der Menschen gründen. Ewiger Friede und Völkerbund haben nach jüdischer Lehre zur Voraussetzung den unbedingten Sieg des Rechts. Und darum »dürfte vielleicht ein einseitiger Pazifismus,

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