Palästina-Nachrichten
- Journal
- Palästina-Nachrichten
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- Heft 16 (31.8.1935)
- Date
- 1935-08-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2550047-2550067-2550081--307-2550486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Industrie in Palästina Von Dr. Alirtd Marcus, HäÜä. V. Da* Bädete<tytth%uh% In diesem fünften und letzten Artikel der vorliegenden Reihe will ich mich nüt der Frage befassen, was hier in Palästina das industrielle „Betriebsoptimum" und seine Erreichung für besondere Probleme stellt. In Europa, auch gerade in Deutschland, ist man in der Zeit, in welcher ^uden an '..der industriellen -En^cklting* st$i,k\ beteiligt waren, meistens davon ausgegangen, daß ein Betrieb seinem Leistungsoptimum umso näher komme, je größer er sei und je mehr er von einem bestimmten Erzeugnis herstellen könne; dei#fi die Massehherstellung sei unter allen Umständen billiger als die in beschränktem Umfange, deshalb . konkurrenzfähiger; Dieser Gesichtspunkt war so länge richtig •— praktisch war ei*. es niemals ganz, wie zum Beispiel die Entwicklung im Zeitungsgewerbe schon frühzeitig gezeigt hat — als man sich in der europäischen Industrie mit eirtigern Recht sagen konnte, daß für deren Erzeugnisse ein fast unbegrenzt aufnahmefähiger Weltmarkt Vorhänden sei, jedenfalls vom Standpunkt des einzelnen Betriebes aus betrachtete;"•... Sie wurde aber auch für Europa in dem Augenblick falsch, als dieser Weltmarkt zu erstarren begann und nicht mehr mit . der früheren Leichtigkeit durchdrungen werden könnlc. Man hat; dann bald, eingesehen, da die Dimensionierung eines Betriebes einen gewissen optimalen Punkt erreicht, dessen Überschreitung im quantitativen Sinne genau so schädlich ist, wie " seine chronische ünfet^cTfreitung. Diesig( Erkenntnis ist; f ür uns hier in Palästina außerördentr^^if^cTitig/ Wir müssen wissen, ^aßrderinrder^popülärcri Wirtschaftsauffassung heute immer noch die Geister faszinierende Begriff des ^Großbetriebes"^ seine Problematik hat. Wir müssen wissen, daß die Dimensionierüng eines Betriebes mit dem Ziel, das Leistungsoptimum zu erreichen, standorüieh mit bedingt wird, und daß dieses Leistungsoptimum etwa in Mitteleuropa an einem ganz anderen Punkte liegt als in WesK asieri, also auch als in Palästina. Die wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Betätigung des aus Europä hierher - kommenden industriellen Unternehmers liegt nun darin, daß er. diesen Unterschied erkennt,;sich von den leistungsoptima- len Bedingungen frei macht, die ihn bisher beherrscht haben, und sich auf die hiesigen umstellt. In dieser^insichtrspielt vor allem eine Frage eine große Rolle, nämlich die,, wie weit ein Betrieb zu mechanisieren ist oder nicht. Iii Europa und lieh hohen\ Lohne möglichst viel, voin Betrieb niechäiiisieren. Man kann generell hiergegen sagen, und ich glaube sogar, man muß es tun\ daß dieAmöriisicrüng der zur Ausschaltung von Menschenkraft über das gebotene Maß hinaus benutzten Anlagen außerordentlich schwierig ist. Der Betrieb wird durch derartige Anlagen zu unelastisch und rückt schon allein hierdurch von seinem Leistüngsoptimum in ganz unerwünschtem Maße äb. r Das ist natürlich nur eine Seite des Problems. Eine andere liegt, beispielsweise in den Ertragserwartungen, die der Unternehmer an seinen Betrieb stellt. Auch hier liegen die Dinge völlig anders als in Europä. Halle der Unternehmer iil Europa —7 jedenfalls war das vor der Krise so — einen einigermaßen normal arbeilen len Betrieb in der Hand, so konnte er an das investierte Kapi\il Ertragserwartungen stellen, die prozentual gesehen recht hoch waren und auch däneben für seinen Aufwand an- Arbeitskraft und Unlerhchinüngsgeisteinen erheblichen Entgelt erwarten, liier iii Palästina liegen die Dinge so: Der Ertrag des investierten Kapitals ist für europäische Begriffe angemessen, Aber die Anschauungen von angemessenem Entgelt für aufgewendete Arbeitskraft des Unternehmers sind hier heute genau so krisenbedingt Weltkrise bedingt Auch das wird/ nämlich sehr oft vergessen nämlich durch die wie in anderen Ländern der Erde auch. Wir haben liier üitch in Amerika hat man bekanntlich in dieser Hinsich t den Bogen sehr Stork uberspannt, und es ist keine Frage, daß die weltwirtschaftliche Zerrüttung dieser Jähre zu einem guten Teile gerade auf diese Überspannungzurückzuführen ist, wenn auch nicht so ausschließlich, wie dies manche Theoretiker be- *haupt'en. Hier in Palästina mit den naturgebotenen kleinen Markldimerisiönen wäre eX geradezu verhängnisvoll, den Ideen nächzuhängen, die zu dieser Mechanisierung des Industriebetriebes in Europa und Amerika geführt haben. Vielfach kann man: gerade von solchen Menschen, die zu bequem oder auch zu unbeweglich sind, um sich von den altgewohnten Gedankengängen frei zu machen, den Einwand hören, daß die Mechanisierung gerade hier in Palästina nötig sei, weil ja „die Löhne doch so hoch seien4'. Diese Auffassung ist nachweisbar falsch. Auch wenn wir zugeben würden, daß das hiesige Lohnniveau über dem des Weltmarktes liegt — was übrigens im Durchschnitt bei richtigerAnalyse der Dinge keineswegs, firr^ den jüdischen Arbeiter zutrifft —, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß der hiesige Reallohn in ganz erheblichein Maße durch Belastungen beeinträchtigt wird, die hier der Arbeiter selbst trägt, während sie anderseilig( der Ünternehmer in Form von Steuern aufzubringen hat. (Zum Beispiel Schulgeld in den Volksschulen, das in anderen Ländern wegfällt, dafür bezahlt dort der Arbeitgeber Kommunalsteuern.) Es ist also meistens eine ziemlich oberflächliche Betrachtungsweise, die zu stem YorwaniLiührt^mau müsse^ auclvhier-infolge der angefc i■ . " •' " ■ " '• : ' - ' V -M die sogenannte „Pröspcrity", übrigens ein Begriff, den ich~ für verhängnisvoll halte, denn er paßt gaW nicht her; aber die Tatsache}^da;iß' es zur Zeit in Palästina wirtschaftlich auiwärts geht, bedeutet noch lange nicht, daß wir hier den Folgen der Weltkrise insofern entzogen seien, daß die Preise für industrielle '■'■Erzeugnisse^ den gedrück len Werlmarktspreisen wären. (Ich wies ja schon in meinem ■vorigen Aufsatz darauf hin, daß gerade deshalb eine planmäßige Zollpolitik für uns ein Lebensbedürfnis darstellt.) Und diesö Tatsache wirkt sichnun einmal wesentlich in der Gestaltung der Entgelte für die Aufwendung von Arbeitskraft und Initiative des industriellen Unternehmers aus. Mit an-;, deren^Worttm: /Auch an einen guten und „richtig*' dimensionierten Betrieb muß der Unternehmer mit viel niedrigeren JSrtnigs^]^ pa vor der Krise, gewöhnt war, man kann sogar sagen,-/daß der Betrieb nur dann „richtig"- dimensioniert werden kann, wenn diese Voraussetzung gegeben ist. Wir müsseiluns: hier großhuügern.' Eine andere Möglichkeit ist nicht vorhaudim. Das gilt besonders für die Industrie, genau so wie es für die jüdische Landwirtschaft galt undl zünr Teil auch heule noch > eiit...■ :•:• -^v- /■./:"'::■} Geht man von diesen Voraussetzungen aus, so kann Jüan sehr oft das rein quantitative Betriebsoptimum auf einer viel niedrigeren Ebene finden als der durchsclmittliche Unlernehmer, der mit europäischen Gesichtspunkte!)', hierher komrnl, das für möglich hält. Es gibt selbstverständlich für die einzelnen Industriezweige auch in dieser Hinsicht kein „Rezept". Aber es gibt heute bereits Erfahrung genug im Lande, um die objektiven Gegebenheiten dieser Art für jeden Industriezweig, mag er noch so* spezialisiert sein, sehr bald -übersehauen^zu künnenv ietr giffi^ industriellen Gebieten d a n n Ansatzinöglichkeiten bieten, wenn diese nur von Unternehmern gesucht werden, die ihr Fäcll^YerstelTeii, die die hiesigen" Verhältnisse in hezug auf die quantitativen Möglichkeiten und ihre starke Iksdirälikuug richtig begreifen und die wissen, daß wir uns hier in einem Entwicklungsstadium befinden, welches nur dann erfolgreich fortschreiten kann, wenn der Einzelne zunächst und in erster Linie an sich selbst Forderungen stellt uiul erst iu zweiter Lmie an setnen^ Nebenmenschen und ah die Gesamtheit.