Palästina-Nachrichten
- Journal
- Palästina-Nachrichten
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- Heft 14 (31.7.1935)
- Date
- 1935-07-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Frage der Industrialisierung Palästinas Von Dr. Alfred Marcus, Haifa. " ■' ■'■ ■■■ ■ iv. >./... Wurde iridein 111. Artikel dieser Reihe im wesentlichen-, über die rinr-l.ill'wirtsrf 1aflli-clMiii_■ Möglichkeiten Palästinas ge^- sprnchen und damit auch in großen Zügen der Rahinen abgesiet kt. der Ihm uns für die Entwicklung von Produktiqnsndttel- .'.industrieii gegeben ist, so soll jetzt übe» die Konsumgüler- .ifi'dus'lrieh und ihre .Möglichkeilen gesprochen werden, freilich auch mir grundsätzlich. . Denn üher eins müssen wir uns klarsein: Allenfalls kann in - einer ■■pressentäfügen Darstellung der vorliegenden Art ^eine Ani'Cijiiny für bestimmte industrielle —- und überhaupt wirt- ' scha l t liehe — Möglichkeilen des Landes und deren Ausnutzung gegeben werden, nieinals aber kann, eine solche Darstellung, eine* Sammlung von Rezepten" enthalten, in denen gesagt wird: 8ö und so ui\ßmit so und soviel Kapital kann ich diesen 11 hd jrnori He trieb gründen uncl in Gang: britigen. Solche Rezepte gibt -«es nicht. Und man mit f,V sich inanchnial sehr über (lie Aaivilät \\ undern, mit der an sich recht geschüf tserf ahrenc Menschen aus der Uolah Anfragen hierher schicken, die man auI' diese Distanz hin unmöglichbeantworten kanri,s,,Es wird -hierbei sehr oft eins vergessen: Das Vorliegen einer Wirtschaft- Tichoii Mögliehkeil ist . doch immer nur eine Konipönente des Prozesses ihrer Yerwii'klichung. Die zweite ist die Persönlichkeit , \veichediese. Möglichkeit auszunutzen sucht. Ich will hier nielil'..entscheide!i,welche dieser beiden Komponenten.die wichtigere ist. aber sehr oft wird dnv Bedeutsamkeit der zweiten maßlos untejsrhatzt und man liält. sich an sogenannte ^objektive*' Talsarhen, Statistiken usw^, die aber für sich betrach- 1 lel noch gar -nichts besagen. / Ich habe diesen llinweis in dein vorliegenden Zusammenhange f ü r not wendig gehal len, weil gerade auf dem Gebiet der jvons luiigüleriiulü Strien, die viel Jach in. verhältnismüßig klei-; neu Betrieben ausgeübt werden, dieses Mi ß versleben zum Ausdruck . kommt, das in der Üriterschätzüng der Wichligkeit der persönliehen Iv<;isliiiigsl'älügkeil des Betriebsinhabers li^gt, und das sich dami t begnügt, ein fach festzustellen, die und die ^objektiven' Möglichkeiten sind da, also kann ich sie ausnutzen.' Auf dem . Gebielder Pro(}üktiönsmittelindustrien, in denen deid^nz^ iind an die sich auch der Laie nicht so schnell heranwagt, kommt dieses ■Mißverständnis weniger häufig zürn Ausdruck. Aber kleinen Konsuihgüterindustrien, insbesondere aus der großen Gruppe der d^eiehtihdustrien'' und der erdverarbeitenden Industrien glauben sich viele Menschen mit gä^Ä^j^fläch-... Heber oder auch init gar kerner Kenntnis von der Art und dem Werdegang des zu produzierenden Artikels gewachsen, und das fuhrt sehr leicht zü gröbsten Enttäuschungen^ Ich kann hier leider auf diese sehr wichtige Talsache nicht näher eingehen —utrd—rrröckte~ntidi^hTher auf-folgenden Formulierungen be- —sclmm^ n Betrieb^oii innen heraus in jedem I landgriff genau kennen, sonst wird seine Kalkulation aulomatisch falsch und er verliert sein Geld. Auch derjenige, der sich als eingestandener™Nichjtfadimahn mit einem Fach mann assoeieren will, darf nicht davon ausgehen, daß er ohne jede Kenntnis des zu produzierenden Artikels auch , nur auf dem 'kaufmännischen Gebiet mit Erfolg Wird arbeiten köi mcii. 'S.o> i i ifach . 1 i ege n tlie Dinge n icht, und so weit lassen sie sich auch nicht, voneinander trennen. * Gerade deutsche Industrielle, also Fachleute, die hierher kommen, gehen nun sehr oft deshalb fehl, weil sie ihren Betrieb nur von oben her kennen. Das genügt hier nicht.- Es kommt lfier gär 'nicht darauf an, (len Betrieb zu „leiten". Es kömmt darauf an, ihn zu .iitachen'4! Dazu muß mau jeden Handgriff an jeder Maschine ebenso genau studieren, wie tun jedes halbe Prozent Skonto mit dem Lieferanten oder Abnehmer handeln. Vom Büro aus und vom Telefon her kami inan hier keine Industrie gleiten". Das sind Dinge, die es auch in Europa erst gab, als die Inflationszeit alle grundlegenden Bogriffe wirtschaftlicher Ja^Jä^-iLilbe.djML^Llaufeit geworfen halle. 1 lier gibt es das jedenfalls nicht, und wenn mau versucht so zu arbeiten, dann geht der Betrieb sehr bald zugrunde. Und noch eins: Wir können hier nicht mit europäischen Bedingungen der Abwicklung von Rohstoff anlief erungen einerseits und Fabrikatablieferungen .andererseits rechnen. Diese Dinge sind in, einem KploniaÜandc wie Palästina, das ja vor 20 Jahren überhaujpt jipch keine Wirtschaft im 'modernen Sinne hatte, nfcch' nicht so eingefahren, wie. in Europa, und deshalb' sehr vielen Zufälligkeiten ausgesetzt, die an/ die Nerven des .Beitriebsführers und an seine persönliche technische und kaufmännische Geschicklichkeit außerordentliche Anforderungen stellen. Das sind Dinge, die man nicht kalkulieren kann, die also in der Vörkalkulation stets einen dubiösen Posten darstellen, die aber manchmal ip der Endberechnüng einen noch so vorsichtig aufgemachten Kalkulationssatz glatt über den Haufen werfen. Sehr viele Betriebe kommen heute "im Lande trotz an sich guter Produktion und guter Absatzmöglichkeit deshalb materiell nicht weiter, weil ihre Inhaber diesen Vierhältnissen nicht recht gewachsen sind. Es kommt also "vor allem auch . darauf an, daß der betreffende Unternehmer außer fachlicher Beherrschung seines Betriebes und außer der normalen kaufmännischen Routine, die Nerven hat; um sich in diese Landesverhältnisse so hinein zu arbeiten, daß er ihnen gewachsen ist. Wenn diese persönlichen Voraussetzungen gegeben sind; so treten die „objektiven" wirtschaftlichen Gegebenheiten in vielen Fällen demgegenüber etwas in den Hintergrund. Die Dinge liegen ja so: Es gibt heute meines Wissens nur einiejn. einzigen industriellen Ar tik'el, in dem Palästina wirklich mehr.1 produziert als es braucht, dis sind künstliche Zähne. Undl daß diese Fabrik sich im Lande befindet —^ übrigens schon seit vielen Jahren das wär ein wirtschaftlicher. Zufäll. Daneben haben wir überall noch die Tatsache vor Augen; daß in bezug auf Konsumgüter ein ganz wesentlipher Teil unseres Bedarfes durch Import gedeckt wird. Nun kommt aber dieser Import oft zu wesentlich billigeren Preisen hier an den Markt, als ein gleichwertiges inländisches Erzeugnis dies tun, kann. Das hat seine guten Gründe. Die inländischen Betriebe sind noch juiigj sie sind zum großen Teil auch nicht von erhebUchem Umiang und haben deshalb nicht die Vorteile größter Maßpröduktion in ihren Gestehungskos ten, Außerdem haben sie vielfach-nocli kein ausreichend geschultes. Personal und auch in einer Reihe von Fällen keineausreichend geschulten Unternehmer. Das ist ein Stadium, welches in allen anderen Ländern der Welt als typisch für die Notwendigkeit von Erziehungszöllen angesehen werden würde. Nur mit Hilfe von solchen Erziehungszöllen können unsere Konsumgüterindustrien die Gefahren^ zone ihrer Produktiörisänfänge durchschreiten, ohne hierbei wieder zum Erliegen zu komttien. Nun hat man zum Teil derartige Zölle bereits durchsetzen können. Aber doch nur z um ~Teil und nur für Industriendie bereits bestehen. Eine "^mßg ^nzäin^änderer Möglichkeiten wäre viel leichter auszunutzen, wenn Fall zugestehen würde, das ein entsprechendes Unternehmen * sich im LandeJ ansetzen will, und nicht'— wie dies heute in Geltung ist — erst pöst fest um solche Zölle einführt, nachdem das Unternehmen bereits arbeitet, ohne sie vorher zuzusagen. In dieser Tätsache liegt ein großes Hemmnis für dia Ausnutziung sehr vieler/ industrieller Möglichkeiten; es steht zu hoffen, daß man in dieser Hinsicht in absehbarer Zeit systematischer arbeiten wird, als dies bisher der Fall war, freilich ist das noch keineswegs mit Sicherheit zu sagen. Vielfach gehen nun Neugründungen hier im Lande von einer Produktionskapazität aus, die auch einen niehr oder minder erheblichen Anteil von Exportmöglichkeiten mit in Rechnung stellt, und zwar von vornherein und als eisernen Bestand der Kalkulation. Es mag sehr unpopulär Sein, wenn hier vor dieser Berechnungsart nachdrücklich gewarnt wird. Der Begriff Export hat ja überhaupt in den letzten Jahren ganz international eine Wandlung erfahren. Er bedeutet heute nicht liiehr die Ausübung Beziehungen, wie dies früher einmal der Fall war, sondern er l