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Palästina-Nachrichten · 1934-05-03 · Heft 3 (3.5.1934) · p. Seite 2

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Journal
Palästina-Nachrichten
Volume
1 (1934)
Issue
Heft 3 (3.5.1934)
Date
1934-05-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Läden kaum eine wahrnehmbare Rolle. Betrachten wir nun zunächst die Entwicklung der Damenkonfektionsbranche! Noch immer bevorzugt die sich europäisch kleidende bürgerliche Palästinenserin für ihren Bedarf — etwa vier Kleider jährlich — die Maßarbeit ihrer Schneiderin. Sie zahlt ihr, wenn die Schneiderin die Arbeit im eigenen Atelier ausführt, n^cht unter 500 Müs pro Kleid. Billiger glaubt man es mitunter zu haben, wenn man eine Hausschneiderin annimmt, die zur Kundin ins Haus kommt, neben freier Verpflegung mindestens 300 Müs pro Tag erhält und im Durchschnitt ein Kleid täglich anfertigt. Kann die Konfektion den Wetbewerb mit der Schneiderin aufnehmen? Vorläufig sind die Meinungen geteilt. Bedenklich ist es, wenn die Konfektion, wie häufig zu beobachten, die Verbiüigung allzusehr auf Kosten der Qualität in Stoff und Verarbeitung erstrebt. Was die neuen eleganten Damenkonfektionsläden, die gegenwärtig in Tel-Aviv, Jerusalem und Haifa wie .die Pilze autschießen, ihren Kundinnen offerieren, kann drei Provenienzen haben: 1. Importierte Ware; sie wird von den Detaillisten direkt oder durch Vermittlung eines palästinensischen, Handelsvertreters im Auslande bestellt; Hauptlieferanten sind Wien und Paris; ferner kommen englische und deutsche Erzeugnisse herein. 2. Erzeugnisse der mit den Ladengeschäften verbundenen eigenen Schneiderateliers; von den gangbarsten Modellen wird hier in den üblichen Größen ein begrenzter Vorrat hergestellt, die erforderliche Abänderungsarbeit vorgenommen und ziemlich viel an direkten Maßüutträgön der Kundschaft ausgeführt. 3. Erzeugnisse palästinensischer Engros-Konfektionäre, die den Detaillisten beliefern; größter Betneb dieser Art ist bisher die 1931 begründete „American Dress Company" in Tel-Aviv, welche Kleider und Mäntel in Seide, Wolle und Baumwolle herstellt. Neuerdings sind noch verschiedene andere Unternehmungen dieser Art im Entstehen begriffen, als Beginn einer wirklichen Konfektionsindustrie, die auch über den lokalen Markt hinauszugreifen vermöchte. Die von der American Dress Co. produzierten Kleider werden im Einzelhandel zu folgenden Preisen je Stück umgesetzt: in Seide von etwa 0,900 bis 3,000 £P, in Wolle von 0,750 ois 1,500 £P, in Baumwolle (Hauskleider usw.) von 1 bis 3 £P. Der Durchschnittspreis tür ein fertiges Kleid ist heute in Palästina 2 £P. Gute Seidenkleider gehen bis zu 6 £P, gute Wollkleider bis zu 3 £P hinauf. Da die Kundschaft, wie überc^>haupt im Orient, ans „Handeln" gewöhnt ist, lassen sich feste Preise im allgemeinen nur in den^größeren Geschäften durchsetzen. Andererseits wird in der Kegel bar gezahlt. Mit Spannung erwartet man, inwieweit der Aufbau einer palästinensischen Textilindustrie das Kostenproblem der Konrektionsindustrie beeinflussen wird. Bisher hatte man Kleiderstoffe testlos aus dem Auslande zu importieren. Dadurch kamen zum Einkaufspreis „eif Jaffa; Haifa" noch erhebliche '* Sonderkosten hinzu, so an Zöllen für Seiden- und Kunstseidenstoffe 20 Prozent vom Wert, für Wollstoffe 12 Prozent vom Wert, für Leinenstoffe 15 Prozent vom Wert, für bedruckte und gefärbte Baumwollstoffe 27 bis 150 Müs pro Kilogramm. Außeraem waren verschiedene Hafengebühren („Lighterage, Agencefees, Porterage"), bei Ankunft Jaffa mit mindestens (bis zu 1000 kg) 590 Müs für Seiden- und Wollwaren und 540 Müs für sonstige Textilien, bei Ankunft Haifa mit 340 bzw. 310 Müs in Betracht zu ziehen. Schon vor Jahren gründete die Firma Delphiner aus Wien eine Seidenweberei in lel-Aviv, die später längere Zeit still lag, jedoch vor kurzem wieder eröffnet worden ist. Ferner haben unlängst die Gebrüder Sacks (aus Patterson, New Jersey, USA.) eine Seidenweberei mit 56 Webstühlen» für die Herstellung von Seiden- und Kunstseidenstoffen errichtet. Für Baumwoll- und Wollwebereien schwebten seit längerer Zeit verschiedene Pläne. Der erste davon ist kürzlich durch die Registrierung der „Cottonia" (Spinnerei, Weberei und Wirkerei) realisiert worden. Ein außerordentlicher Unsicherheitsfaktor für all diese Unternehmungen und Projekte wie überhaupt für den internationalen Textilmarkt stellt natürlich der japanische Wettbewerb dar, dem Palästina vorläufig noch nicht durch Sonderzölle vorbeugen kann, da Japans Kündigungsfrist gegenüber dem Völkerbund — Meistbegünstigung als Völkerbundsmitglied auf Grund des Palästina- Mandats! — noch nicht abgelaufen ist. s Hinsichtlich der Herrenkonfektion ist die Entwicklung vielfach ähnlich vor sich gegangen. Ein großer Teil des Bedarfs wird in individueller Maßarbeit heute wie einst vom Schneidermeister angefertigt. Soweit Läden mit fertiger Männer-Oberkleidung anzutreffen sind, handelte es sich bisher hauptsächlich um Auslandsware (tschechoslowakischen oder deutschen Ursprungs). Seit einiger Zeit entstanden im Handwerkerviertel Tel-Avivs verschiedene Schneiderwerkstätten, die sich auf die Lieferung an Herrengarderobegeschäfte spezialisierten; sie waren primitiv ausgestattet und produzierten dementsprechend. Die erste wirkliche Männerkleiderfabrik Palästinas, „Chalifah" in Tel-Aviv, wurde im Herbst 1933 von den Gebrüdern Goldmann aus Deutschland gegründet. Sie begannen mit 12 Arbeitern und zählten Anfang 1934 bereits rund 40 Arbeitnehmer. Die Anzüge, die „Chalifah" produziert, werden im Detailhandel mit durchschnittlich 1,900 £P verkauft, die Mäntel von 1,950 bis 5,000 £P. Verarbeitet werden hauptsächlich englische Wollstoffe. Auch Auslandsbestellungen gingen bereits ein, und zwar aus Syrien und Aegypten. Da wir die Preise der Chalifah-Produkte erwärmten, seien auch die sonstigen Detailpreise für Herrenbekleidung genannt. Aus dem Auslande importierte fertige Anzüge kosten 2 bis 4 £P. Für erstklassige Maßanzüge (einschließlich Stoff) verlangen gute Schneider bei billigerem Material 4 bis 7 £P, bei besserem Material 7 bis 8 £P. Das schwierigste Problem für den Aufbau einer palästinensischen Herrenkonfektionsindustrie ist der Mangel an geeigneten Facharbeitern, der wiederum mit der allgemeinen Arbeirsmarktlage und Immigrationspolitik Palästinas zusammenhängt. Der für Maßkundschaft arbeitende Schneidermeister bezahlt erstklassigen gelernten (Gesellen, im Stücklohn, pro Rock 1,000 £P bis 1,200 £P, pro Hose 0,400 £P, pro Weste 0,250 £P, zweitklassigen Gesellen pro Rock 0,600 £P bis 0,800 £P, pro Hose 0,13U £P bis 0,250 £P. Das Zuschneiden ist dabei nicht eingeschlossen. Erstklassige Zuschneider verdienen 10 bis 12 £P monatlich. Eine wichtige Rolle spielen, dem Klima gemäß, weiße Sommeranzüge und kurze Hosen. Der Stücklohn an erstklassige Gesellen beträgt bei weißen Sommeranzügen für den Rock 0,850 £P bis l,00ü £P, für die Hose 0,300 £P, und für kurze Hosen erreicht der Stücklohn 0,035 £P bis 0,070 £P. Die Löhne in de^*" Herrenkonfektionsindustrie bauen sich ebenfalls auf dem Stücklohnsystem auf: In Serien-Anfertigung für Arbeitshosen 40 bis 60 Müs, für Tuchhosen 120 bis 17ü, für kurze Hosen 30 bis 70, für Overalls 120 bis 150, für Reithosen 80 bis 200, für braune Lederhosen 400, für komplette Anzüge 300 bis 600, für Mäntel 550 bis 600, tür Ledermäntel 350, tür Kindermäntel 350, für Kinderanzüge (kurze Hose) 350, für Kinderanzüge (lange Hose) 400 Müs. Bei Anfertigung nach Bestellung kommen in der Herrenkonfektionsindustrie diese Stücklöhne in Betracht: Anzüge von gutem Tuch 1050 bis 1250 Müs, Baumwollanzüge 800 Mils, Tuchhosen von guter Qualität 180 bis 250, Raglans 750 bis lüOO, Ledermäntel 000, schließlich für weiße Sommeranzüge: Palmbeacji-Anzüge 650 bis 750, Schantung-Anzüge 900 bis 1050, weiße Tuchanzüge 500 bis 600 Mils. Große Aussichten hat zweifellos die Fabrikation von Arbeits- und Berufskleidung in Palästina. Kurz vor Ende 1933 haben Fachleute aus Deutschland diesen Geschäftszweig hierher verpflanzt und zwei neue Fabriken in Tel Aviv errichtet. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, daß kleine und kleinste Werkstätten durch Preisschleuderei eine gesunde Entwicklung dieses Spezialfaches sehr erschweren. Der immer noch sehr tiefe Le(?enshaltungsstandard der breiten Bevölkerungsschichten in Palästina und anderen orientalischen Ländern bringt es mit sich, daß der Uebergang zur europäischen Kleidermode zunächst oft seinen Weg über den Konsum gebrauchter Kleidung („Second-hand Clothfrng") nimmt. Hauptsächlich wird diese aus Nordamerika bezogen. Dieser Geschäftszweig ist vermutlich noch ziemlich ausbaufähig. Wenn Palästinas Damen- und Herrenkonfektion sich auf dem einheimischen Markte — der 1932 noch „für 101710 £P an fertiger Oberkleidung aus denn Auslande importierte — ein sicheres Absatzfeld organisiert haben wird, kann sie weiterhin die Intensivierung ihres Exports nach Nachbarländern zuversichtlich in Betracht ziehen. Es bezogen an Herren-, Damen- und Kinderkonfektion aus dem Auslande im Jahre 1932 Aegypten für 137 330 £P, Syrien für 133 470 £P, der Irak für III 870 £P, Persien für 48670 £P. Inmitten dieser Absatzgebiete, die durch den Ausbau ihrer Bahnen und Autostraßen immer leichter und schneller erreichbar werden, liegt Palästina in günstigster zentraler Position. Sicherlich werden die Konfektföns-Importeure dieser Länder sich bald dem neuen palästinensischen Angebot zuwenden, wie schon die noch so junge und doch schon bemerkenswerte expansive Entwicklung der letzten Monate lehrt — noch in keiner Statistik verzeichnet, aber aus unmittelbarer Anschauung feststellbar! Die Hauptsache ist, daß die an sich gesunde Initiative im Aufstieg der palästinensischen Konfektionsindustrie nicht manchem anderen Beispiele folgt und sich in Parallelgründungen aufreibt oder in Kleinbetriebs-Zersplitterung sich verzettelt. J. Ben-Nathan, Tel-Aviv 2

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