Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 5 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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NACHRICHTENDIENSr fterausgegeben von der 2entralrooblfabrtsftelle der dcuMcn Juden unter Mitwirkung der UauptfteUe für jüdische lüanderfürforgc und flrbettsnadtjumfe Befdiäftsltelle: Berlin - Cbarlottenburg 2 Kantftra0e issn fernfpretöer: Amt Bismarck Nr. 1064/65 Bezugspreis: 1 Mark für das Vierteljahr Bestellungen bei der Sefchäftsstelle Berlin - Cbarlottenburg 2 Nachdruck mit Quellenangabe gestattet und erwünscht Berlin, lunnluli 1928 Nach schwerer Krankheit ist am 14. Mai 1928 unsere teuere Freundin und liebe Mitarbeiterin Frau Henriette May von uns und aus unserem Arbeitskreise genommen worden, dem sie als Mitbegründerin unserer Organisation und als Mitglied unseres Vorstandes und unserer Geschäftsführung bis zuletzt in unermüdlicher Tätigkeit angehörte. Die immer und überall zur Hilfe Bereite, allen großen, neuen Gedanken Offene, die Gütige und Versöhnend» steht in der Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit ihres Wesens heute und allezeit vor uns. Wir gedenken in Dankbarkeit ihrer großen und segensreichen Arbeit. zentraiuiolUfahrtssteile der deutschen Juden Aus der großen Zahl der Nachrufe können wir an dieser Stelle nur einen mitteilen, der in den „Blättern des Jüdischen Frauenbundes" erschienen ist, und den eine der Verstorbenen durch lange Freundschaft und enge Zusammenarbeit verbundene Frau ihr gewidmet hat. Er wird mit geringen, durch die Wiedergabe in unserem Nachrichtendienst bedingten Abänderungen veröffentlicht. Henriette May Wir sind in tiefe Trauer versetzt. Uns ist die Frau genommen worden, die von uns allen als Schwester, als Freundin und Beraterin geliebt uno verehrt wurde. Wie sollen wir sie entbehren können, sie, die uns immer nahe und erreichbar war in ihrer stets wachen Bereitschaft zur Arbeit, die ihr in jeder Gestalt, zu jeder Stunde lohnend und lebenswichtig galt? Aus der Enge des Persönlichen war sie hinausgetreten und hatte ein Leben der grenzenlosen Hingabe an ein Größeres, Ganzes erwählt. — Jegliche Rücksicht auf sich selbst verachtete sie. Zögern und Zweifeln sah sie als Schwäche an und überwand mit frischem Anfassen und mit Geistesgegenwart die Schwere jeder Situation. Ihrer aktiven Lebendigkeit entsprach die Tat, und manches Werk verdantt seine Entstehung der Initiative dieser warmen Persönlichkeit, die den Blick für das Notwendige hatte, das Bedürfnis der Gegenwartsnot intuitiv erfaßte. Bis zu der Stunde, da auch sie sich dem Schicksal des Alterns und Leidens beugen mußte, war sie erfüllt von Liebe zum Leben und zu den Menschen und von der Freude an der Freude. Und weil auch sie diesem Leben manches zu verzeihen hatte, gerade darum wußte sie weise über seine Widersprüche, Unwegsamkeiten und Härten hinwegzusehen, und weil 'sie die Menschen kannte und liebte, maß sie Menschliches mit dem richtigen Maß und übte den mildernden Einfluß der gereiften Frauengüte. Der Grundzug ihres Wesens war die Treue: sie war treu gegen das Werk, gegen die Menschen, sie war gegen sich selbst treu in der Unveränderlichkeit und Geschlossenheit einer Natur aus vergangener, weniger problematischer Zeit. So war und bleibt sie uns Vorbild. Wir würden die, um die wir trauern, falsch verstanden haben und das teure Andenken schlecht ehren, wenn wir den Schmerz ohnmächtig walten ließen. Stets neue Kraft soll uns aus dem treu bewahrten Bilde ihrer Persönlichkeit kommen und uns in froh vertrauendem Schaffen an ein Leben der Hingebung an das Gute, wie sie es lebte, erhalten bleiben. „Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammen sind. Auch der Entfernte, der Abgeschiedene lebt uns." M. O.