Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1926-1927
- Issue
- Heft 7 (August 1927)
- Date
- 1927-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NACHRICHTENDIENST ßerausgegeben von ücr Hentralmoblfabrtsftelle der deutschen Juden unter Mitwirkung der hauptfteUc liir jüdiWe lüanderfürforgc und Hrbeitsnatbipeife Seschästsstelle: Berlin C2, «osenftraße Nr. 2/4 ^Mrnfprecher: Nmt Norden Nr. 5710-5716!.-r > ämfrx&v Bezugspreis: 3 Mark für das Jahr im vesteNnngen bei der öeschäflssteNe, Berlin C 2 Nachdruck mit Quellenangabe gestaltet und erwünscht Berlin, August bis November 1927 Nnsrusr Ein ernstes Wort an die jüdische Gemeinschaft, Männer und Frauen. Seid Ihr Euch bewußt, daß die Juden in Deutschland in ernster Gefahr stehen, an Zahl abzunehmen und an Kraft und Gesundheit zu verkümmern? Nein? Nun, dann werft einen Blick in die einstmals blühenden jüdischen Gemeinden der Klei n städte und seht, wie sie, selbst da, wo eine nennenswerte Abwanderung nicht stattgefunden hat, von Jahr zu Jahr mehr zusammenschrumpfen, sodaß viele von ihnen Rabbiner oder Lehrer nicht mehr besolden können und ihre Gotteshäuser selbst an hohen Feiertagen geschlossen bleiben müssen. Blickt auf die Veröffentlichungen der groß städtischen jüdischen Gemeinden, und ihr werdet erkennen, wie zahlreich die jährlichen Absplitterungen durch Austritt und Taufe sind. Unterrichtet Euch darüber, daß eine blühende und große Kinderzahl, einstmals Stolz und Stütze der jüdischen Familie, nur noch selten anzutreffen, daß die Geburtenzahl in langsamem und stetigem Abnehmen begriffen ist. Tie Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Preußen zeigt nach Angabe des Preußischen Statistischen Landesamts folgende Aufstellung: eheliche Geburten in % Sterblichkeit 1875-80 im Durchschnitt 11151 31 ca. 6000 1924 5 381 12,8 5685 1925 4 792 11,8 5554 Bevölkerungsbilanz für Berlin für das Jahr 19 2 6. (Nach Angabe des Statistischen Amts der Stadt Berlin.) Geburten in jüdischen Jüdische Sterbefälle 2 389 Ehen 1581 Jüdische Kinder aus Austritte aus dem Ju- Mischehen 298 dentum ca. 300 1879 2 689 Ter B e v ö l k e r u n g s v e r l u st der Berliner Juden betrug für 1926 also ca. S00! Tie Berliner jüdische Gemeinde, die 1914 zum Beginn des Krieges ca. 155 000 Juden zählte, hatte 1925 trotz starken Zustromes aus den besetzten Gebieten, dem Reich und dem Osten 17(2 00Ö Juden, was nur aus den starken inneren Verlusten zu erklären ist. Auf 1000 Berliner Juden kommen neuerdings nur noch ca. 10 Geburten jährlich gegenüber 17 bis 18 bei den Franzosen. Ein Teil des Nachwuchses geht durch die Mischehen verloren, die an sich gering an Kinderzahl sind. Tie Ehelosigkeit hindert zahlreiche jüdische Mädchen, zur Mutterschaft zu gelangen. Eine der Ursachen des Geburtenrückganges ist ferner die Spätehe; sie trägt erfahrungsgemäß auch einen großen Teil der Schuld an der traurigen Tatsache, daß Nervosität unter den deutschen Juden stärker verbreitet ist als unter anderen Bevölkerungsschichten, daß die Zahl der Selbstmorde erschreckend zngenommen hat und Mißstände auf geschlechtlichem Gebiete mit ihren schweren gesundheitlichen Folgen sich ausbreiten. Tie Selbstmorde betrugen in Preußen auf 100 000 Lebenoe der Bevölkerung im Jahre 1925 bei der evangelischen Bevölkerung 27,9, der katholischen^ 13,5, der jüdischen 53,2! Wollt Ihr solchem Niedergang mit verschränkten Armen znschauen? Nein und abermals nein! Ter Bestand des Judentums muß gesichert werden, und er kan n gesichert werden, wenn man die drohenden Gefahren erkennt undihnen zu begegnen sucht. Was aber kann geschehen? Wirksame Maßnahmen müssen einseßen. Von diesen sind zunächst ins Auge zu fassen,: die Ermöglichung der F r ü h e h e durch Ausgestaltung der E h e k a s s e n von seiten der jüdischen Gemeinden, die Einrichtung von Eheberatungsstellen, Wochenhilfe, Förderung der Stillpropaganda durch Wort und Tat, die Unterstützung aller Bewegungen, die auf körperliche Kräftigung unserer Jugend abzielen. Daneben muß an einer Berufsumleitung gearbeitet werden, die allen äußeren Schwierigkeiten zum Trotz berufstätige Juden da einreiht, wohin sie nach Anlagen und Neigungen gehören, und sie nicht sinnlos in wenigen Berufen anhäuft, weil man sie bisher nur in diesen dulden wollte. Ebenfo müssen die Siedlungsbestrebungen mit allen Kräften gefördert werden. So muß endlich eine vernünftige Verteilung von Juden auf Stadt und Land Zustandekommen und nicht die allmählich licht- und lustlose Großstadt zum einzigen Asyl eines verkümmernden Geschlechtes werden. Und vor allem: Mütter! An Euch ist es, in Euren Kindern das Verantwortungsgefühl für das eigene Geschlecht und für die künftigen jüdischen Generationen zu erwecken und zu stärken. Ter Wohlfahrts-Ausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden geht in Gemeinschaft mit gleichstrebendeu großen Organisationen voll Ernst an die Bearbeitung dieser Aufgaben. Er ist sich bewußt, daß ihre Lösung noch viel Zeit und Arbeit erfordern wird. Unlösbar aber müssen sie bleiben, wenn die Juden Teutschlands ihnen nicht das nötige Verständnis entgegenbringen. Tarum, Glaubensgenossen, achtet von nun an mit erhöhter Aufmerksamkeit auf alle Fragen der jüdischen Bevölkerungspolitik, arbeitet in Euren Gemeinden an ihnen mit und benutzt im Kreise Eurer Familien uno Eurer Bekanntschaft jede Gelegenheit, um Gleichgültige uno Ununterrichtete mit Hilfe des von uns zur Verfügung gestellten Materials darüber aufzukiären, daß es augenblicklich keine wichtigere Frage für uns geben kann, als einen ausreichenden Nachwuchs in körperlicher Kraft und geistiger Frische heranzuziehen! An die Rabbiner und Lehrer ergeht der Ruf, in gottesdienstlichen Veranstaltungen und öffentlichen Versammlungen im Sinne unseres Aufrufes zu wirken, den Gemeindevorständen