Nachrichtendienst
- Journal
- Nachrichtendienst
- Volume
- 1922-1923
- Issue
- Heft 3-4 (Dezember 1922)
- Date
- 1922-12-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ist, wett er mit raffinierten Kellnern zu rechnen hat, denen die herrschende Sexualmoral mit ihren Folgeerscheinungen: Prostitution, Reglementierung, Bordell, Vorschub Leisten. Weil es aber immer praktisch wirksamer ist, das Kind zu retten, bevor es in den Brunnen gefallen ist, sind die prophylaktischen Maßnahmen auch im Kampf gegen den Mädchenhandel von der größten Bedeutung. Alle Menschen, alle Einrichtungen, alle Lebensumstände, die dazu beitragen, daß eine gesunde, arbeitsfreudige, selbstverantwortliche, frohe Jugend heranwächst, sind die besten Helfer, die der Jugend Erziehung und Schutz im Kampf gegen den Mädchenhandel geben. Uick» doch haben wir Juden es geschehen lassen, daß die jüdische Bahnhosshilfe, welche vor Jahren in kleinen Anfängen da und dort bestand, fast ganz aufgegeben wurde. Alle noch so großen Anforderungen, die naturnotwendig an uns gestellt werden, können uns nicht dafür entschuldigen, daß wir an den Bahnhöfen der .Großstädte, an den Grenzorten, an den Hafenplätzen, kein wachsames Auge haben für die allcinreisenden Frauen und Mädchen, keine Unterweisungen für die häufigen Weltfremden, keinen vorübergehenden Schutzaufenthalt für Durchreisende, die so auf den Rat und die Trughilfe oft Uebelwollender angewiesen sind. Welche jüdische Gemeinde, welcher jüdische Verein ist sich dieser großen Pflichtverletzung' bewußt und will versuchen, sie gut zu machen? Der Jüdische Frauenbund ruft alle, die helfen wollen, auf und bittet um Mitteilung der Stellen, die bereit find, durch die Bahnhofshilfe gegen den Mädchenhandel zu kämpfen. Auch in interkonfessionellen Kreisen beschäftigt man sich ernlsthaft mit diesen Fragen. Wir entnehmen dem Dezemberheft der „Frau" folgende" Notiz, die gleichzeitig für die Bedeutung des Fraueneinflusses im Parlament, spricht: Gefahr der Erleichterung des Mädchenhandels. Die Abgeordneten Dr. Luders und Dr. Bäumer haben eine Anfrage an die Reichsregierung gerichtet, mit Bezug auf den neuerlich verfügten Wegfall des Sichtvermerks auf Pässen in das Ausland. Dieser Sichtvermerk wird durch die sogenannte Unbedenkliichkeitserklärung der Finanzämter ersetzt, die rein zu Zwecken der Bekämpfung der C 'rirrrffiMfjt erforderlich ist. Durch diese Ursache wird die Auswanderung von Mädchen ungemein erleichtert und jeder Kontrolle entzogen. Es ist unmöglich, nur mit diesem Rechtsmittel gegen jede Art von unsauberen Vermittlungen anzukämpfen. Die Schutzlosigkeit deutscher Mädchen im Ausland ist aber naturgemäß zurzeit noch größer als früher, da das Auslandsdeutschtum zerschlagen ist. Es ist darum dringend erforderlich, daß das von der Reichsregierung seit 3 Jahren in Aussicht gestellte Auswanderergesetz endlich erlassen wird. Nach der Verfassung darf die Auswanderungsfreiheit nur durch Reichsgesetz beschränkt werden. Cs gibt daher, ehe nicht ein solches Reichsgesetz erlassen ist, kein Rechtsmittel, um die Mädchen zu schützen. * Ueber das Gemeinde Wahlrecht der jüdischen Frau ist in Nr. 46 des Hamburger Israelitischen Familienblattes ein Aufsatz von Frl. Bertha Pappenheim erschienen. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden veranstaltet unter Beteiligung der verschiedensten Organisationen demnächst eine auf breitester Grundlage aufgebaute Hilfsaktion, deren Mittel dazu dieen sollen, die dringendsten Bedürfnisse der jüdischen Wohlfahrtspflege zu befriedigen. In dem mit der Durchführung -dieses Hllfs-. Werkes betrauten Hauptausschuß wird der Jüdische Frauenbmck von Frl. Bertha Pappenheim-Frankfurt a. M. und Frau Bettina Brenner-Leipzig vertreten. Wir bitten unsere Ortsgruppen und angeschlossenen Vereine- (in Lokal-Komitees ihre Mitarbeit zur Verfügung zu stellen und Sondersammlungen während dieser Zeit zu unter-, lassen, um die Werbe- und Wirkungskraft dieses Hilfswerks i nicht abzuschwächen. (S. S. 1.) > Im „Heim dos I ü di schen Fraueu b unde ö in Neu-Isenburg" wurde — wie alljährlich — auch in diesem Jahr das Chanukah-Feft fröhlich begangen. Freunde der Jugend hatten, trotz der schweren Zeit, schöne Gabentische ermöglicht, und die kleinen Ausführungen der Kinder waren geschickt geleitet und freudig ausgeführt. — Besonders bemerkenswert ist, daß ein ncugegründeter Jsenburger Gemeinde- Verein zum ersten Male alle Juden des Städtchens zu einer schönen Chanukah-Feier vereinte, die die gute Gesinnung der kleinen Gemeinschaft ganz ursprünglich hervorqnellen ließ. Manche unserer Ortsgruppen, und angeschlossenen Vereine (Berlin, Beuchen, Breslau, Hameln, Frankfurt a. M., Leipzig, Wilhelmshafen) hatten reiche Liebespakete gesandt und die Freude der Kinder vermehrt. Im Zusammenhang mit dieser Mitteilung möchten wir alle dafür interessierten Kreise, besonders auch die Jngendvereine, bitten, uns gute Aufführungen, die sich zu Channkah- oder Purun-Feiern eignen, zu nennen. Immer wieder sucht man vergeblich nach geeignetem — vor allem jüdischen — Material. Wir möchten daher den Versuch machen, wirklich Gutes zu sammeln, zusammenzustellen und vor den betreffenden Festen ein geeignetes Verzeichnis zu veröffentlichen. Alle diesbezüglichen «Mitteilungen und Anfragen sind zu richten an Hannah Karminski, Frankfurt a. M., Langestraße 30. Die „H e i m ko m mi s si on von Neu-Isenburg" gibt bekannt, daß sich der jeweilige Pslegesatz für Kinder, Jugendliche und Mütter, die von unseren. Ortsgruppen und angeschlossenen Vereinen eingewiesen werden, um 10 °'o ermäßigt. aus Ortsgruppen und Oeremsarbeit. Berlin. In einer größeren Versammlung, an welcher auch Männer teilnahmen, sprach. Bertha Pappenheim über den Jüdischen Frauenbund in der Großstadt. Mit besonderer Eindringlichkeit ging sie aus b;c Bckümpsung des Mädchenhandels ein. Nach unfreiwilliger Unterbrechung dieser ernstesten alter Aufgaben durch den Krieg hat das Nationalkomitee' sie wieder ausgenommen. Da jüdische Händler bekanntlich ebenso wenig selten in diesem Gewerbe sind, . als jüdische Mädchen dabei unglücklich gemacht werden, so greift die Forderung der Bekämpfung des Mädchenhandels streng mahnend an unser Gewissen und muß mit aller Hingabe und Zähigkeit erfüllt werden. Die Durchführung führt selbstverständlich über die Grenzen konfessioneller und nationaler Organisation hinaus. Ferner erinnerte die Rednerin an die bisherige Erfolglosigkeit des Vorgehens der Ortsgruppen in den preußischen Großstädten, um Sitz und Stimme in den Gemeindekörperschaften zu erlangen. Eine neue Eingabe seitens der Ortsgruppe B. ist in Vorbereitung, in welcher sie auf die endliche Gewährung der Gleichberechtigung dringt. Aus der praktischen Arbeit sei erwähnt, daß für die Mittelstands-Speisung eine zweite Stelle, und zivar in Charlottenburg und eine dritte im Stadtteil NW. eröffnet worden ist. Auch hier hat sich das Bedürfnis durch regen Zuspruch überzeugend erwiesen, so daß es nur, eine Frage kurzer Zeit ist, in anderen Stadtgegenden ähnliche Einrichtungen zu schaffen. Die Mittel, die dazu erforderlich sind> sind uns bisher in reichem Maße zugeflossen und werden, wie wir zuversichtlich hoffen, auch weiterhin für diesen Zweck zur Verfügung gestellt werden. Die Ortsgruppe Breslau des J.F.B. hat als praktische Fürsorge für eine begrenzte Anzahl von unbesoldeten Volonteurärzten, die hier an den Kliniken arbeiten, einen Mittagstisch eingerichtet. Eine Rentnerfürsorge im Zusamrnenhang mit den städtischen Stellen wird geplant. 9 _