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Ben Chananja · 1867-01-15 · 2 (15.1.1867) · page 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
10 (1867)
Issue
2 (15.1.1867)
Date
1867-01-15
Page
– (sequence 30)
Language
German
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mit vollem Rechte der Jugend beigebracht wünschen? Kann sich die Orthodoxie rühmen, diese Geschichte kultivirt zu haben? — Hätte sie dies gethan, so würde es den Forschern nicht so schwer werden, über die Vergangenheit Licht zu verbreiten! — Allein „einem Zeitalter, das mehr glaubte, als wusste und gläubig das Wissen Anderer geringachtete, konnte wenig an Gelehrtengeschichte — und überhaupt an Geschichte — gelegen sein (Zunz, Literaturgeschichte S. 5).“ Von einer Geschichte des Judenthuras kann auf orthodoxem Standpunkte überhaupt nicht die Rede sein, da die Orthodoxie jeden Gedanken an eine historische Entwicklung perhorreszirt, und im Judenthume nur eine stationäre, sich immer gleich bleibende Vergangenheit anerkennet Ehrwürdiger Herr! Es ist wirklich niederschlagend , einen Theologen von Ihrem Scharfblicke in so handgreiflichen Illusionen befangen zu sehen. Sie betrachten die jüd. Fämilieninnigkeit, Barmherzigkeit und Brüderlichkeit als ausschliessliche Attribute der Orthodoxie! Bereisen Sie doch Ungarn und studiren Sie dieung.-jtid. Verhältnisse genau. Sie werden finden, dass Ehescheidungen in orthod. Gegenden am häufigsten Vorkommen. Der durch die Gitterfrage so berühmt gewordene Losonczer Rabbiner petitionirte in den ersten Jahren seiner ämtlichen Wirksamkeit zu Losoncz um eine Gehaltszulage, indem daselbst weniger Ehescheidungen vorkamen, als in seiner früheren Gemeinde, woraus ihm materieller Nachtheil erwachsen müsste Der Rabbiner bedachte nicht, dass er durch dieses Gesuch seiner früheren , allerdings sehr orthodoxen Gemeinde kein sehr schmeichelhaftes Zeugniss ausstellt! Auch die jüdische Barmherzigkeit vermissen Sie bei den Reformern! Also die Schulen, die Kinderbewahranstalten, die Handwerkervereine’, die Stipendien für Studirende und die Spitäler, die so häufig von den reformistisch gesinnten Juden gegründet und erhalten werden, sind Ihnen nichts, als flüchtiger Duft, keine erquickende Frucht? Verschaffen Sie sich doch die Verzeichnisse der Wohlthä- 'tigkeitsspenden aus orthodoxen und reformistischen Gemeinden, und dann entscheiden Sie, w o die jüdische Barmherzigkeit grössere Segnungen verbreitet: ob unter Ihren verherrlichten „Palrabäumen“, oder bei den „Myrthen“, die von Ihnen eine so geringschätzende Behandlung erfahren! Die Alliance israölite universelle, ein Verein, der in der Gegenwart und Vergangenheit Israels seines Gleichen sucht, ist das sprechendste Denkmal jüdischer Brüderlichkeit. Die hebräischen Zeitschriften nennen dieselbe geradezu: CHan i?o! Nun rufen Sie sich gefälligst die Namen der. Männer ins Gedächtmss, die sich um diesen Verein die meisten Verdienste erworben haben und noch immer erwerben, und entscheiden Sie dann, ob dieser Verein, der Ausfluss der edelsten Brüderlichkeit, wirklich ein Monopol der Orthodoxie sei! Nein, hochwüfdiger Herr. Der von Ihnen leider sehr einseitig beurtheilten Fortschritts¬ oder Reformpartei ist es nicht um äusseren Flitter zu thun. Dies beweist ihr bisheriges Streben , dessen Erfolge von der BildungsfÜhigkeit der Juden ein wahrhaft herzerhebendes Zeugniss geben. Das Werk dieser Partei ist zumeist der Kulturfortschritt der Juden. Die Bahn zu einer bessern sozialen Stellung der Juden hat sie gebrochen, und die Wortführer der Emanzipation sind fast allenthalben aus ihren Reihen hervorgegangen. Bei fortschreitender Bildung gibt allerdings auch die Orthodoxie nach, und sie wird hoffentlich noch viel mehr nachgeben. Aber je erfreulicher diese Nachgiebigkeit ist, desto verdienstlicher ist der Impuls dazu, der seinen Ursprung der Reform verdankt. In Ungarn will sich die Orthodoxie noch zu keiner Nachgiebigkeit entschliessen. Sie erklärt den Jargon für die Nationalsprache der Juden, der jedenfalls in den Synagogen heilig gehalten werden soll. Aber auch dadurch wird der Reform Vorschub geleistet. Denn d i e Gemeinden, die nun einmal darüber hinaus sind, das Reden nach der Grammatik und das Singen nach Noten für einen Verräth am Judenthume zu halten, wofür es die Synode von Nagy-Mihaly hält, werden sich zu neuen Fortschritten aufgemuntert fühlen, indem sie denken werden: Da uns die Orthodoxie einen Absagebrief gegeben hat, so wollen wir trachten, wirkliche Reformer zu werden. So wird der. Geist der Reform von Freund und Feind unterstützt,- und „in Freudigkeit läuftwie ein Held er den Pfad (Ps. 19,6)! Lj i t e r atur. . Von Dr. Ehrentheil ist eine zum Gedächtnisse der gefallenen Krieger gehaltene Rede, von Dr. Sonneschein sind zwei in Prag gehaltene Gastpredigten erschienen. Wir wünschen diesen wohlgelungenen homilet. Erzeugnissen rtthmlichst bekannter Kanzelredner die weiteste Verbreitung. ' Inhalt: Die Unentbehrlichkeit des Gotteswortes. Von Dr. H. Jolowicz. — Ein Traürede. Von Dr. A. Adler. — Frucht und Duft. - Offenes Sendschreiben ah den Herrn Rabbiner Dr. A. Schmiedl in Prossnitz. Von Dr. Abraham Frenon. — Litatur. -r Bemerkung. Druck von Sigmund Burger in Szegedin 1866.

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