Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 25 (20.6.1866)
- Date
- 1866-06-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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465 466 einwenden, wenn der in Rede stehende Aufsatz nicht zugleich daS Bestreben zeigte, daS Judenthum herabzusetzen und in seinen Fundamentallehren zu verleumden. Freilich sind dergleichen feindliche Angriffe schon häufig vorgekommen und haben sich auch immer tüchtige Federn gefunden, dieselben auf das Entschiedenste zurückzuweisen nnd in ihrer Lügen- Hastigkeit darzustellen. Ich hätte also den Gegenstand auf sich beruhen lassen und als abgethan betrachten können, wenn ich mich als Lehrer nicht verpflichtet fühlte, meine Stimme dagegen zu erheben, wo die Absicht hervorleuchtet, dem Ingendunterrichte das Gepräge des Gehässigen und der Jntoleranz aufzudrücken, und in die zarten Gemüther der Jugend den Samen des Vorurtheils zu streuen. Hören wir nun, von welchem Geiste der gelehrte Pädagog beseelt ist, und erlaube ich mir, ihm schrittweise in seinen Betrachtungen zu folgen. ״Zwar legten die Juden" sagt er ״ihrem Gotte die Eigenschaften der Gnade und Barmherzigkeit, der Langmuth und Güte bei, aber den eigentlichen Kern derselben hatten sie noch nicht erfaßt, weil ihnen ihre wahre Quelle, die Liebe Gottes, nicht bekannt war, daher konnten sie im Herzen des Volkes auch nie recht zur Geltung kommen, sondern wurden stets von den oben erwähnten Eigenschaften (Heiligkeit und Gerechtigkeit) niedergedrückt nnd verdrängt." Die Eigenschaft der ״Heiligkeit", der höchsten Vollkommenheit Gottes, sollte die Liebe ansschließen? — Und athmet nicht die ganze heilige Schrift den Geist der Liebe? Prägt sich dieser Geist nicht schon in der Schöpfungsgeschichte und namentlich in der Schöpfung deS Menschen als Gottes Ebenbild aus? Sind die Erlösung der Israeliten ans Aegypten 5 M. 7. 8. und die Offenbarung ans dem Sinai etwas anderes, als ein Ausfluß der unendlichen Liebe Gottes zur Menschheit? Soll ich sie namhaft machen die zahlreichen Stellender heiligen Schrift, die von der Liebe Gottes Zeugniß geben, und uns diese erhabene Tugend nachdrücklich ans Herz legen? Wenn es im 2. B. M. 33. 19 heißt: ״Ich werde alle meine Güte an dir vorüberführen", ist da nicht auch die Eigenschaft der Liebe darunter verstanden? und in der Aufzählung der göttlichen Eigenschaften 2 M. 34, 47. ״Gott, allmächtig, allbarmherzig, allgnädig, langmüthig und von unendlicher Huld und Treue, bewahrend die Huld bis zum tausenden Geschlechte, vergebend Schuld, Missethat und Abfall", sollte die Liebe nicht mitinbegriffen sein? Deuten doch die Schriftausleger die Wiederholung des Wortes ״Gott, Gott," dahin, daß der strafende, wie der belohnende Gott immer derselbe Gott der Liebe sei. Gott, der in seinem heiligen Worte daS Gebot der Liebe allen andern Geboten voranstellt, der uns anbefiehlt: ״du sollst lieben den Ewigen deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit allen deinen Kräften" 5 M. 6, 5 und ״du sollst lieben deinen Nebenmenscheu wie dich selbst." 3 M. 19, 18. ״Du sollst dich nicht rächen und dir den Zorn nicht anfhalten gegen die Kinder deines Volkes" 3 M. ebend. ״Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen, znrechtweisen sollst du ihn, aber trage ihm das Vergehen nicht nach." 3 M. 19, 17. ״Du sollst den Fremdling lieben wie dich, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizraim. Ich der Ewige euer Gott" 3. M. 19, 23, 34, der uns selbst Bethätigung der Liebe gegen unsere Feinde und Hasser 2. M. 23. 3, 4 Spr. 25. 21. Ps. 7, 5. und Schonung und liebevolle Behandlung der Thiere anbefiehlt 5 M. 25, 9. Spr. 12, 10., sollte nicht zu seinen vorzüglichsten Eigenschaften die Liebe zählen? — Und die Tugend'״der Liebe und Barmherzigkeit, der Langmuth und Milde, sollte nie" nach der Meinung des Hrn. Vrf. ״im Herzen der Israeliten haben zur Geltung kommen können?" Müssen unjere größten Gegner uns nicht zugestehen, daß wir uns zu jeder Zeit des Titels und Ehrennamens: 1״-VU 'רחמני חסדי׳" würdig gezeigt? Wurde die Pflicht der Nächstenliebe nicht zu jeder Zeit und unter allen Verhältnissen in vorzüglichem Grade von den Juden bethätigt, und übt der Jude dieselbe nicht mit Freudigkeit, wo es gilt, auch gegen Nichtisraeliten? Trotz des harten Druckes, den Israel durch so viele Jahr- Hunderte hat tragen und dulden müssen, hat es sich doch nie, selbst seinen Unterdrückern gegenüber, den Werken der Mildthätigkeit entzogen. DaS Judenthnm gebietet Bethätigung der Liede durch die Ausübung von Liebeswerken im Namen Gottes, es muß also nothweudiger Weise in Gott einen ׳Gott der Liebe anerkennen, und wahrlich, wenn das Christenthum sich eine Religion der Liebe nennt, so steht dem Judenthume dieses Prädikat mit demselben Rechte zu, dem doch die erstgenannte Religion ihren Ursprung verdankt und dem einzig und allein sie die Lehren von der Liebe Gottes und der Pflicht der Nächstenliebe entnommen hat! In der Anerkennung des Prinzips der Liebe von Seite des Christenthumes kann also sein Gegensatz zum Judenthume nicht liegen. ״Den Juden", sagt der Verfasser an einer andern Stelle, ״war Gott als Schöpfer und Gesetzgeber ein Herr, der mit ihnen freiwillig einen Bund abgeschlossen hatte, durch welches sie in ein knechtisches Abhängigkeitsverhältniß zu ihm traten. Deshalb konnten ihnen nur diesenigen charakteristischen Merkmale Jehovas klar zum Bewußtsein kommen, die mit dieser Thatsache in innerem Zusammenhange stehen." An einer andern Stelle: ״Die Religivnsformen des Heidenthums sehen wir, genügten dem Menschenherzen nicht, das Judeuthum führte zu dem verzweifelten Bekenntniß eines Paulus: ״״Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen aus dem Leibe des Todes?"" '״ ייUnd würde es uns vielleicht besser gehen, wenn wir keine höhere Religion, als die jüdische kennen gelernt hätten, wenn Jehova auch unser Gott wäre, oder haben wir, .da wir uns doch auch nicht frei von Selbstsucht wissen, vielleicht ein Mittel, durch welches wir unS in den Besitz jener Gerechtigkeit setzen könnten, die wir von Jehova haben sollten?" ״Der Gott der Juden kann nicht der wahre Gott sein, er der so heilig, schrecklich, löblich und wunderthätig ist, kann nur Furcht, nie Vertrauen erwecken, kann nie Hoffnung, sondern blos Verzweiflung einflößen." Welche Blasphemie! Weist die Bibel klar und deutlich nach, daß das Prinzip der Liebe in der Religion Israels vorherrscht und im gesammten Judenthume Ausdruck findet, so kann auch der Bund, den Gott mit Israel geschlossen, uns nicht, wie der Verf. meint, in ein knechtisches Abhängigkeitsverhältniß zu ihm bringen, und wahrlich hätte er mit der Bezeichnung כרית ״Bund" den richtigen Begriff, wie ihn das Wort der Schrift ansfaßt, verbunden, er wäre auf diesen Abweg nicht geralhen! Das Wort ״Berith" bezeichnet allerdings das Verhältniß Gottes zum Menschen und im engern Sinne das Verhältniß Gottes zu Israel. In diesem Sinne hat Gott schon einen Bund mit Noa, dem zweiten Stammvater der Menschen, geschlossen und in diesem Sinne hat er auch denselben mit dem Patriarchen Abraham und später mit dem gesammteu israelitischen Volke erneuert, und ist ihnen durch das Eingehen in diesen Bund die Verpflichtung geworden, die Erkenntiliß Gottes und die ihm geoffenbarten ewigen Wahrheiten unter den Menschen zu verbreiten, wie dieses die folgende Stelle im 2. M. 19, 6. klar und deutlich auöspricht: ״Ihr aber sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk", und worauf das Volk einstimmig erklärte: ״Alles, was Gott gesprochen, wollen wir tyun!" Wo ist aber da von einem knechtischen Abhängigkeitsverhältniß die Rede? 25*