Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 9 (1866)
- Issue
- 20 (16.5.1866)
- Date
- 1866-05-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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379 selber, nicht an der Belohnung der Gebote — hat sein Wohlgefallen; dem Manne nämlich, der, obschon einerffeits von der Furcht Gottes erfüllt, dennoch anderseits in ׳der Beobachtung der göttlichen Gebote, nicht durch die Vorstellung von Lohn und Strafe aus der Hand des göttlichen Richters sich bestimmt fühlt, sondern dnrch das Wohlgefallen an diesen Geboten selbst, an dem Guten und Sittlichen ihres Inhaltes; Heil dem Manne, der daS DemuthS- und Abhängigkeitsgefühl der ehrfurchtsvollsten Scheu vor Gott, dem Herrn, mit dem menschlichen FreiheitS- und Würdegefühle der sittlichen Selbstbestimmung verbindet. Wir sprechen hier von den göttlichen Geboten, weil .die Weisheit in der richtigen Erkenntniß nicht nur, sondern auch in der edlen Gesinnungs- und Handlungs» weise beruht. Nach jeder Richtung hin aber muß die Absicht, die dich bestimmt, ihr nachzustreben, eine reine sein. Nichts darf dich nach ihrem Ziele locken, als die Erlangung ihrer selbst, nichts dich leiten, als die Liebe zur Wahrheit und das Wohlgefallen an der Sittlichkeit. II. Die Natur der höhern Weisheit, sagten wir, erheische eS, daß der Mensch sie und seine Beschäftigung mit ihr nicht zum dienenden Mittel für des Lebens vergängliche Zwecke herabwürdige, sondern als Selbstzweck erfasse; mit einem Worte, daß die Absicht, in welcher er der Weisheit entgegen geht, eine reine sei. Welches aber ist der Weg, auf dem wir einer reinen und unserem Herzen eben so dringenden als theuern Absicht zu entsprechen vermögen? Welches ist der Weg , auf dem wir zur Weisheit gelangen? Der natürliche und ursprüngliche Weg, der zur Weisheit führt, ist des Geistes freie Forschung. Darum priesen wir ja die Geiftesbegabung des Menschen als die höchste Wohlthat, die der Schöpfer ihm verliehen, weil eben dem Geiste die Kraft innewohnt, aus und durch sich selber seinen Gott über sich und das Göttliche in sich zu suchen und zu finden. Allein der Menschengeist ist dem Jrrthume zugänglich und die Freiheit seiner Forschung kann, wenn jeder Leitung und Berathung er entbehrt, ihm gefährlich werden. Denn die Bahn der Wahrheit ist hier aus Erden von so unzähligen Bahnen deö Jrrthums, und oft in kaum merklicher Abneigung, durchschnitten, daß der Wanderer, ohne es selbst zu ahnen, auf Irrwege geräth, und auf der Bahn der Wahrheit rüstig vorwärts schreitend sich vermeinend, nur immer weiter von derselben sich entfernt. Darum ward uns das geoffenbarte Wort Gottes. Diese Offenbarung ist der zweite Weg der uns zur Weisheit führt. Er ist ein Lichtpfad, der neben jener Wahrheitsbahn in vollkommen gleichlaufender Richtung sich Hinzieht — so daß der Wanderer auf dieser nur immer jene ihre Parallele im Auge zu haben braucht, um vor Abwegen geschützt zu sein. Eine Richtungslinie ist die Offendarung, die dem Menschen den Weg der Wahrheit durch die eigene Kraft zu durchwandern nicht ersparen, sondern ihm dazu verhelfen soll. Eine Richtungslinie, die verläßlich ist. Denn das Wort Gottes ist unfehlbar. — Und damit es unter den Menschen nicht den Tod des Buchstabens sterbe, warb ihm daö ewig pulsirende Leben der Tradition verliehen. — Zwei sind also die Hauptwege, auf denen der Mensch zur Weisheit gelangt: die e i g e n e Forschung und die göttliche Lehre; Vernunft und Offenbarung. Und nicht die Eine oder die andere, sondern beide zugleich führen, dem hohen Ziel der, Weisheit dich entgegen, Die Weisheit beruhet freilich, wie wir früher sagten ebenso, wie in der Erkenntniß des Geistes, also auch in der edlen Gesinnungs- und Handlungsweise; eben so wie in der W a h r- 580 h e i t, also auch in der Sit t l i ch k ei t. Aber eben auch nach beiden Richtungen hin führen Vernunft und Offenbarung dich zum Ziele. Indem die Vernunft auf ihren GeisteSschwingen in die Lichtregion der göttlichen Wahrheit dich emporhebt, erkräftigt deine Seele sich an dem ewigreinen Lufthauch der Gottheiligkeit, wie er auf jenen Höhen weht. Also die Vernunft. Und die Offenbarung? Giebt uns diese etwa nur die Lehre einer höhern und reinen Gottes erkenntniß, und nicht auch ein Gesetz zur Versittlichung unsers Lebens? Die von Gott durch Mose uns offenbarte Torah umfaßt nebst der Lehre auch ein Gesetz. Dieses Gesetz nun, welches uns Gott zur Regelung unserS Leben gegeden, umfaßt, wie daS Leben selber, ein doppeltestem Lußeres und ein inneres ist, also auch ebenfalls eine doppelte Pflichtenlehre in sich: die Lehre von den äußern und die Lehre von den inner« Pflichten. Unter äußern oder That-Pflichten verstehen wir diejegen Gesetze, die auf des Menschen äußeres Thun und Lassen sich beziehend die Ausübung oder die Unterlassung, gewisser Handlungen uns vorschreiben. Diese wurzeln freilich nnr zum Theil in dem Boden menschlicher Einsicht. Bei dem andern Theile hingegen, deren Grund einzusehen wir nicht vermögen, und in denen die menschliche Vernunft weder etwaS Gebotenes noch etwas Verwerfliches findet, wie dies z. B. mit den Speise- und Kleidungsgesetzen der Fall ־— da liegt der Verpflichtungsgrund der Gebote blos in dem nnbedingteN Gehorsam, den wir dem göttlichen Gesetzgeber schulden. Wir nennen sie daher Gebote des Gehorsams. Ganz anderer Art aber sind die innern oder die Herzenspflichten. Das sind Gebote der Sittlichkeit, Gebote der Nachahmung jener Gottheiligkeit, von »der, wie wir bereits sagten, auch die Vernunft uns predigt. Die Herzenspflichten sind daher sämmtlich Bern unft ge b ote. Gleichlautend mit der Gotteslehre richtet die Vernunft uns die innern Pflichten, die heiligen Obliegenheiten unsers Herzens zu. Gleichlautend mit der Gotteslehre ruft die Vernunst uns dazu auf — und sind daß nicht heilige Obliegenheiten unsers Herzens? — daß wir uns befestigenin dem Glauben an Gott, als den Schöpfer, der die Welt aus Nichts hervorgerufen, in dem Glauben an Gott, als den Allerhabenen, dem, in seiner Unendlichkeit, nichts auch nur vergleichsweise nahe kommt, ,in dem Glauben an Gott als den Einzigeinigen, daß wir ferner mit ganzem Herzen uns seinem Dienst hingeben, daß wir den Blick unsers Geistes in sinnender Betrachtung auf seine, im Kleinsten wie im Größten, wunderbare Schöpfung richten, auf daß wir stets und lebendig Gott in der Natur erblicken; daß wir ein festeS Gottvertrauen, ein unerschütterliches, in unserem Busen hegen; daß wir von tiefster Demuth gegen den allerhab'nen Gott durchdrungen seien; daß wir stetö Gott vor Augen haben, und was wir äußerlich thnn und waö wir innerlich denken — daß es begleitet sei von einer heiligen Scheu vor dem allsehenden Auge, dem alle Handlungen wie die geheimsten Gedanken der Menschen offenkundig sind, daß wir von hoher Gottesfurcht unö durchglühet fühlen, daß in unserer Seele eine hehre Sehnsucht webe nach der ewigen GotteSliebe; daß unser ganzes Leben und Streben und Wirken durch die Andacht an den heiligen Namen Gottes geweihet sei; daß wir Ihn lieben von ganzem Herzen und von gän- -er Seele; daß wir-unsere Nebeumeuschen lieben, und daß Wir mit jedem unter ihnen, die Ihn, den gemeinsamen Vater verehren, eine geistige Gemeinschaft in uns Pflegen, hingegen vor dem Einflüße der Gottesverächter überzeugungStreu unser Inneresverschließen! Schluß folgt. Druck von Sigmund Burger in Szegedin 1866.