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Ben Chananja · 1864-08-24 · 34 (24.8.1864) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
34 (24.8.1864)
Date
1864-08-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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69a 694 Der Psalm ist — wann und wo er lebte, hat die Geschichte nicht überliefert — weinte. (Psam 1-19, 136) ,,Thränenströme vergoß mein Auge, weil sie deine Gebote übertraten." Heraclit, der melancholische, weinte über die Thorheiten der Menschen. ^) Es war das Gefühl der eigenen Schwache, welches dem Psalmisten seine Thränen erpreßte, es war das Gefühl der Schwachheiten Anderer, Welches den griechischen Filosofen weinen machte. Es war das Gefühl der Scham, im Kampfe deö Lebens — ״Leben ist fampfen* * 3) — untergegangen zu sein, welches in den Thränen des Psalmisten erschien; es War das Gewissen — an eine geoffenbarte Religion sich lehnend —, welches seine Macht ausübte. Der griechische Filosof stand auf der Höhe der allgemeinen Reflexion — eine geoffenbarte Religion stand ihm nicht zur Seite. — Es war das Mitleid mit den Menschenkindern, welches sich in Thränen verwandelte.׳') Der Psalmist hat hinauf gesehen zum höchsten Wesen, der griechische Filosof hat hinab gesehen zur mensch l ichen Gebrechlichkeit. Das Sehen in große Tiefe, wie in große Höhe verursacht Schwindel. Im Kreise des Ideals haben sich beide begegnet. Dort hat sich manches begegnet, was sonst nach verschiedenen Richtungen hin sich bewegte.3 * * 7) Diese Begegnung macht den tiefem Inhalt der Kulturgeschichte aus. Wenn nach dieser Richtung hin bis jetzt nicht so viel geschah, als wünschenswerth ist, so ist es, Werl die Kritik oft dem Urtheile im Wege stand. ״Viele, die ausgerückt sind und das wohin nicht wußten"3), haben Verwirrung gebracht. Hat Heraclit wirklich so viele Thränen über die menschlichen Thorheiten vergossen? vielleicht auch nicht. Es darf dem Leser nicht vorenthalten: werden, daß es viele gegeben hat, welche skeptisch genug waren, diese Thränen zu bezweifeln. Man darf gewiß zugeben, daß. eS viele andere Wege gibt, seine Zeit besser zu verwenden, als menschliche Thorheiten zu beweinen׳. Unter den schönen sprichwörtlichen Redensarten der Italiener befindet sich auch die folgende: ״wenn es auch nicht ist, so ist es doch schön erfunden." Dieses Sprüchlein mag. sich auch hier sehr dienlich zur Anwendung beweisen. Daß der P sä lmist lind H er a c l i t sich so nahe gerückt sind, wird manchen Leser vielleicht wundern. Es mag ג) Derselbe war ein Zeitgenosse des Da rill S. Den EinladungSbrief-des Königs und die abschlägige. Antwort deö Filoloftii bat D i ögeneS La er ti NS aufbewahrt. Hätte derselbe es angenommen , so hätte er dort Gelegenheit gehabt, den P ro se t.e n Da nie H kennen zu lernen.. 3) ©encca (Briefe Nr. 96.) In spezieller Mischna-Färbung tiitt UNS dieses Bild im Midrasch entgegen^ (Breschith rabba Kap: 9) □סל;זמן שהצריקים חיים;הם נלחמים ע□״ יצר »So, lange die: Frommen leben, kämpfen sie mit ihrer L.׳e id:e,׳n s>ch a f:t," Im Borbeigehen mag noch bemerkt werden, daß die Idee von der Stellung d,er Gegensätze (חמזרזח) in der Welt, wovon im. ס1?ר יצירח die Rede ist, in ihrer größten Allgemeinheit auf Heraclit znruckznführen ist. ") Varro(d6 Lingua latina B: 6; §.80) bemerkt. daß die Römer vorzogen, zu sage» ״cum muliero fuisse“ als ״concubnisse.“ Die Leser erinnern sich vielleicht an baö קרי des ישגלנה und ישכבנה. Es ist das Prinzip deö Anstandes (לש(! נקיח), welches beides, bik>ir»e. r ' °) Dante: Paradies 14, v. 124. im ersten Augellblicke auch wirklich auffallend scheinen. T>aS AufsMnde verliert sich vor der tiefen eingehenden Betrachtung. Die reflektirende Geschichte hat noch andere solcher Regungen aufzubewakjren Gelegenheit gehabt. Epicur und R. Chanina den Dossa — welche Entfernung zwischen beiden! — stehen sich wol näher, als man gewöhnlich zu glauben geneigt ist. Der Psalm ist und Heracl it haben sich im Wernen begegnet.?) Es war die Genügsamkeit, worin Epicnr und der genannte Talmudist zusammentrafen. Was Epicnr am meisten geschadet hat, sind — die Epicuräer. Man hielt sie für seine Nachfolger, was aber nicht der Fall war. Ein Epicuräer in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes, ist der Mensch von Geburt, die Natur selbst hat ihn dazu gemacht. Ein Epicur aber wird der Mensch nur durch langes Studium und dnrch noch längere Uebung. Ein Epicur ist eben so selten, als ein wahrer Heiliger. Die vielen merkwürdigen Sprüche, welche in verschiedenen Werken — besonders in Senecas Briefen — zerstreut sind, geben ihm die vollsten Ansprüche auf die größte Achtung. Es wurzeln diese Sprüche in edler Menschlichkeit, dem Nächsten zur Weisheit. Viele derselben begegnen uns auch im Talmud, in selbstständiger Eigenthümlichkeit. Es gewährt dies Interesse für die Geschichte. Es möge hier der folgende Spruch ausgehoben werden. 8) ״Es ist mehr darauf zu sehen — sagt Epicnr — mit wem man ißt und trinkt״ als was man ißt und trinkt." In dem Munde eines Weisen — welches doch Epicur wol war — erinnert dies an die Aristokratie׳ des Geistes: Ein Ausdruck, welcher ans Frankreich kam. Dieser soeben angeführte Gedanke des Epicnr. ist auch auf andern Seiten urkundlich anfbewahrt. Unter den besondern guten Eigenschaften der edlen Jerusale m itan er gehörte auch, daß sie keine Einladung annahmen, bevor sie nicht die Namen der übrigen Gäste wußten.3') Der Boden, woraus alle diese Anschauungen hervorgegangen sind, ist Selbstachtung. Man darf dieselbe wol mit. den höher« Stimmungen in Verbindung bringen. Da Epicur hier, genannt ist, so darf noch ein anderer Spruch von ihm angeführt werden.. ״Unvernünftiger Zorn erzeugt Wahnsinn." wj Viele talmudische Stellen in mannigfacher Form könnten um diesen Ausdruck des griechischen Weisen gruppirtwerden.") Gleichheit dm: Stimmung ist ein nicht unbeträchtlicher Theil der höhe 1׳11־ Stimmnngen. °) Es. mag. nachträglich eine höchst interessante Zeile angeführt werden, welche Barro (de Lingua lätina 93: VI, §. 80) anfbewahrt hat: ״Oculis violavit q«i> viditinvidendum“ (Wer dasjenige stehet, welches ungesehen bleibe» soll. Ihnt seine» Augen Gewalt an.) Es Hangen diese Worte geistig mit dem früher bereits angeführten Spruch (Psalm. 11,9״ :(136 ״Thränenströme vergossen meine Angen,, weil sie »sicht dein» Geböte beobachteten:" Mit de» Worten des lateinischen DichterS würde es heißen, »veil: ihnen (,de» Atigen) G-ewalk a,age,th/am wurde. Vergl.. übrig, »S auch unsere Btumentese S. 193 Nr. 430. 7) Senecä Briefe Nr. 19. ') Bergt, auch das Glossar! unserer, Blumenlese Art: יסער* °)^k»eoaS Briefe Nr. 18. ") Vergl. niiter andern unsere rabbinische SprnchkltNve G. 7, Nr. 25. ") Briefe Nr. LI, wo auch diese Ueberschrist sich filldet.

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