Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1864-07-20 · 29 (20.7.1864) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
29 (20.7.1864)
Date
1864-07-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2542917-2543121-2543151--3769-2547677
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

585 686 Gleich der erste der sieben Punkte beginnt mit der Behauptung, daß die Inden ״unstreitig das meiste bare Geld in Händen haben." In dieser allgemeinen Fassung enthält aber dieser Ausspruch eine offenkundige Unrichtigkeit: Die ungefähr 400,000 Seelen zählende jüdische Bevölkerung Ungarns hat ganz gewiß nicht so viel bares Geld in Händen, als alle übrigen Landesbewohner zusammengenommen! Allein gesetzt, daß sich irgend ein Verhältniß auffinden ließe, nach welchem die angeführte These ihre Richtigkeit hätte, so folgt daraus noch immer nicht die ״moralische" Verpflichtung der Juden, möglichst viel Kapital der Bodenkultur zuzuwenden. Wäre dies eine ״moralische" Verpflichtung, wie die ״Ungarischen Nachrichten" meinen, so hätten ja die Christen dieselbe Verpflichtung; warum predigen aber die ״Ungari» schen Nachrichten" nicht den christlichen Kaufleuten in Pest, Preßburg, Oedenburg und Kaschau, ihre Handelsgeschäfte zu unterbrechen, und ihre Kapitalien der Bodenkultur zuzuwenden? In Wahrheit kann aber hier von einer moralischen Verpflichtung gar nicht die Rede sei». Die Moral verbietet dem Kapitalisten, seine Kapitalien auf unredliche oder unehrenhaste Weise zu verwerthen. Die Wahl der redlichen Verwendungsart seiner Kapitalien ist Sache seiner Berechnung und Kombination. Die Kapitalisten, die nach ihrer individuellen Berechnung ihr Kapital ganz oder theilweise fruchtbringend in Grundstücken anlegen können, beeilen sich in ihrem eigenen Interesse, dies zu thun, während es ganz natürlich diejenige» unterlassen, die sich davon keinen, oder von anderen Unternehmungen größer« Nutzen versprechen. Das Religionsbekenntniß hat hierauf keinen Einfluß; mindestens hat man nicht bemerkt, daß die Neutestamentlichen Kapitalisten anders zu Werke gegangen wären, als die Alttestamentlichen! Gegen jene haben auch die ״Ungarischen Nachrichten" nichts einzuwenden, wenn dieselben auch kein Kapital der Bodenindustrie zuwenden; diese sollen aber bei einer ganz gleichen Handlungsweise ״sich selbst verdammen, und die harten Urtheile ihrer Gegner b e kr ästigen!" Wer wird die Gerechtigkeitsliebe der ״Ungarischen Nachrichten" nicht bewundern? Welche Gegner hier gemeint seien, ist uns nicht klar. Der Hauptgegner der Juden»Emanzipation in der ungarischen Presse ist der ״Pesti Hirnök", welcher die Juden allmälig emanzipirt wissen will. Hierin stimmt der ״Hirnök" mit den ״Ungarischen Nachrichten" überein; ersterer eiferte aber noch vor Kurzem gegen die Zulassung der Juden zum Grundbesitze. Das Verfahren der beiden genannten Journale erinnert an jenen Ehemann, dem, wie im Talmud erzählt wird, sein altes Weib die schwarzen, sein junges Weib die grauen Haare ausrupfte, so daß er am Ende einen Kahlkopf zur Schau trug. ״Hirnök" sagt: ״Die Juden wollen wir allmälig emanzkpiren, aber bis dies geschehen ist, wollen wir sie rupfen, und sie sollen keine Grundstücke erwerben dürfen, mindestens nicht von adeligen Besitzern. Die ״Ungarischen Nachrichten" sagen zustimmend: Auch wir sind keine Emanzipationsfauatiker; aber rupfen wollen wir die Juden im entgegengesetzten Sinne: sie müssen Grundstücke kaufen, je mehr, desto besser! Die gesunde Vernunft sagt glücklicher Weise: Ihr traget Beide lange Zöpfe! Die Inden müssen vollständig emanzipirt werden; wie sie ihre Kapitalien verwenden sollen, bleibe ihrer eigenen Einsicht überlassen! Besonderes Mißbehagen dürfte bei den jüdischen Lesern der ״Ungarischen Nachrichten" der vierte Vorschlag erregt haben, welcher die Gründung israelitischer Ackerbauschulen zum Gegenstände hat. Viele werden hierin einen uunöthigen, ja schädlichen Separatismus erblicken, und sich auf das Beispiel des Auslandes berufen, wo es keine jüdischen Ackerbauschnlen gibt. Wir verstehen das Gefühl, das sich hierin ausspricht, vollkommen zu würdigen. Dies hält uns aber nicht ab, unseren Lesern zu bedenken zu geben, daß das ganze Unterrichtswesen in Ungarn einen sehr konfessiouellen Charakter hat, und diesen nach menschlicher Berechnung wol noch lange Zeit behalten wird. Für die vorliegende Frage ist es ohne Zweifel von bedeutendem Interesse, daß das protestantische Kirchen- und Schulblatt vom 24. April l. I. Nr. 17 einen Leitartikel brachte, in welchem Daniel Morocza die Protestanten Ungarns dringend und nachdrücklich auffordert, protestantische landwirthschaftliche Schulen zu gründen! Der Vorschlag, eine iüd. landwirthschaftliche Schule zu gründen, dürfte mithin nicht unbedingt zurückzuweisen sein. Die französischen Juden sind längst emanzipirt. In diesem Augenblicke ist der französische Finanzminister ein Jude (Fould) und der Präsident des obersten kaiserlichen Gerichts- Hofes ein Jude (Anspach), der zahlreichen Staatsbeamten und Offiziere verschiedenen Ranges gar nicht zu gedenken. Nichtsdestoweniger besteht bis auf den heutigen in Straß bürg eine jüdische Kunst- und Gewerbeschnle (136016 des ai’ts et de mötiers)! Weit entfernt, sich dieser besonder« Anstalt zu schämen, sind die französischen Juden eifrigst beflissen, dieselbe in blühendem Zustande zu erhalten. Herr Markmilian Wormser hat derselben erst im vergangenen Jahre ein Legat von 5000 Fr. zugewendet. Vor Kurzem ist der Anstalt eine sehr erfreuliche Anerkennung zu Theil geworden. Die französische Negierung hat nämlich eine Kommission niedergesetzt, welche die Aufgabe hat, die Frage des gewerblichen Unterrichtes zu studiren. Der Präses dieser Kommission, General Morin, verlangte von dem leitendem Ausschüsse der Straßburger jüdischen Schule für Künste und Gewerbe Auskunft über die Organisation dieser Anstalt. In Folge der gegebenen Auskunft erhielt der Ausschuß von dem General folgendes Schreiben:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.