Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 26 (29.6.1864)
- Date
- 1864-06-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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645 546 Lus item Solle Leben, aas der -fiafleniig Licht. Zwei naturwissenschaftliche Erklärungen. Von Z. W. Schütz, Neallehrer in Waag - Neustadt!. I. Die Tekufa. Nichts Lebendes wird vom Tod verschont, dies istwol ein weitläufiger Ausspruch; daß man aber diesen Satz auch umkehren und sagen kann: Nichts Todtes wird vom Leben verschont, dies lehrt die Naturwissenschaft, obwol letzterer Satz Manchem minder annehmbar scheinen dürfte. Aus den mit verwesenden Pflanzen- und Thierstoffen gedüngten Aeckern und Blumenbeeten sprießen die uns ernährenden Getreidekörner und die uns mit Dust und Farbenpracht ergötzenden Blumen hervor. Jeder der freien Luft ausgesetzte und sich nach und nach zersetzende Stein überzieht sich mit der ihn in mannigfachen Zeichnungen und Farbenuuancen zierenden Flechte; verwesende Nahrungsstoffe (Fleisch, Käse, Brot u. ftw.) werden alsbald mit dem grauweißlichen Schimmel überdeckt, der bekanntlich nicht anderes ist, als kleine, dem unbewaffneten Auge kaum wahrnehmbare Pilze; ja sogar Hefe, jeder im höchsten Grade verwesende und in andern Stoffen Verwesung ^) hervorbringende Körper besteht, durch Mikroskop betrachtet, aus lauter kleinen Pflänzchen. — Also überall entsteht aus dem Tode Leben-Wahrlich ein!röstender, erhebender und uns in dem Glauben an einen guten und mächtigen Gott des Lebens bestärkender Gedanke!!- Der geistreiche Naturforscher Noßmäßler erwähnt in ffeinen ״vier Jahreszeiten" (S. 17) eines winzig kleinen einzelligen blutrothen Pilzes, der in feuchten, warmen Wohnungen auf dem Brote und andern Speisen zu erscheincn pflegt °) Ich will mir mm hiermit erlauben, die Vermuthung auszusprecheu, daß diese erwähnten blutrothen Schimmelpilze vielleicht mit dem sogenannten Blutstropfen, der in den Zeiten der Tekufa auf die Speisen fallen soll, identisch seien. — Bestärkt werde ich in dieser Annahme durch einen diesen Gegenstand behandelnden Artikel von Landau. (Im letzten Theile des הערוך Art. תקפה). Es heißt dort, daß man im Jahre 1822 in einer Mühle auf verschiedenen Speisen nach 48 Stunden in warmen Tagen rothe Punkte bemerkte; nur solche Speisen, die in eisernen und kupfernen Gefäßen waren, blieben verschont. Ferner heißt es, man brachte Kartoffel aus der Mühle in andere Gebäude, und wieder aus anderen Gebäuden Kartoffel in die Mühle, die letzter» Kartoffel bekamen die rothen Fleckchen, die erstem nicht. Wer nun weiß, daß allenthalben auf der Erde, im Wasser und in der Luft, selbst in Thieren und Pflanzen thierische^) und pflanzliche Lebenskeime enthalten sind, daß es aber nur der von Natur zur Entwicklung erforderlichen Bedingungen §) bedarf, auf daß diese Keime zum Leben erweckt werden^), der wird ') Fäulniß ist ein niederer Grad der Verwesnng, und Währung eine Art Fäulniß. *) und bemerkt hiezu, daß man selben für ein^Blutzeichen himmlischen Zornes gehalten habe. Ob diese Meinung auch beim Juden herrschte, ist mir nicht bekannt. 3j Ich erinnere an die Maden, die sich im Sommer im alten Fleische und an die sogenannten Käsewürmer, die sich im alten Käse finden; beiderlei Thierchen entstehen keinesfalls aus nichts, sondern ans in das Fleisch und in den Käse hineingelegten Znsekteneiern, und zwar sind die rrstern die Larven der Fleischflirge, und die letzter« die der Käsefliege. 4) Diese sind im Allgemeinen Licht, Luft und Feuchtigkeit, und natürlich ein geeigneter Boden. s) Treten die Bedingungen nicht ein, gedeihen die Keime auch nicht zum Leben, und Millionen solcher Keime verderben in der That, trotz der ungeheuren Fülle der zum Leben erweckte». leicht begreifen, daß die Keime allenfalls in beiderlei Karlöffeln enthalten gewesen sein können; in der Mühle aber waren die Bedingungen zur Lebenserweckung (Feuchtigkeit und eine gewisse hierzu erforderliche Zusammensetzung der Luft) eingetreten, daher konnten aus den Keimen die rothen Pilze entstehen, in den andern Gebäuden jedoch waren wahrscheinltch diese Bedingungen nicht eingetreten, daher sich auch keine Pilze zeigten. Was die in Metallgefäßen verschont gebliebenen Speisen betrifft, ist es jedem Chemiker bekannt, daß der Sauerstoff dev Luft ein sehr vorzüglicher Erreger der Verwesung sei; (und die meisten Schimmelpilze wuchern auf verwesenden organischen Stoffen) unedle Metalle (Eisen, Kupfer, Zink u. s. w.) find aber wieder anderseits sehr leicht oridirbare Körper, d. h. sie entziehen sehr leicht der Luft einen Bestandtheil, den Sauerstoff, und verbinden sich mit demselben. Da nun diese Gefäße den in der Nähe befindlichen Sauerstoff der Luft gleichsam für sich in Anspruch nehmen, so wirkt derselbe (der Sauerstoff) weniger auf die Speisen, die also nicht so schnell in Verwesung übergehen können, in Folge dessen sich auch die allenfalls vorhandenen Keime der rothen Schimmelpilze nicht zum vollen Leben entwickeln konnten, denn aus den verwesenden Stoffen, d. i. solchen, in denen die einzelnen Grundbeftandthekle anseinanderfallen, ziehen die Schimmelpilze ihren Nahrung; ohne Nahrung aber keine Entwicklung und kein Leben. Da man nun damals annehmen zu müssen glaubte , daß die rothen Fleckchen (der sogenannte Blutstropfen) aus der Luft fallen, oder von Inselten herrühren, konnte man das hier erwähnte Phänomen deshalb auch nicht erklären. (Vorzüglich den Umstand nicht, warum die Kartoffel von anderwärts in der Mühle roth wurden, und die von der Mühle anderwärts nicht.) Eine solche Erscheinung mag nun, wie schon Landau bemerkt, der Grund zur Einführung der Tekufaverwahrung gewesen sein. Aus dieser Auseinandersetzung kann man eö zugleich erklärlich finden, warum bei der Tekufa das Eisen als Mittel zur Verwahrung gegen dieselbe angewendet wird. Im Jahre 1824, als Landau den erwähnten Artikel, schrieb, waren alle Arten der Schimmelpilze noch nicht so genau erforscht, weil damals nämlich noch der Gebrauch des- Mikroskops nicht so wohlthätig auf die Naturwissenschaft einwirkte. Aber trotzdem bemerkte der geistreiche Verfasser schon damals, daß der Grnnd dieses Gebrauches ״in einem seltenen Naturereigniß* * 3 4 * 6) liegen müsse, das zu den unaufgelösten Räthseln der Physik gehört", um vor Aberglauben zu wahren. Durch die hier versuchte Erklärungöweise hat man den Vortheil, nicht alles, was aus Mangel einer vernünftigen Erklärung ins Gebiete des Aberglaubens verwiesen zu werden Pflegt, negiren zu müssen. ״Wir sind weit, davon entfernt, alle Kräfte der Natur zu kennen, und es wäre unwissenschaftlich und unfilösofisch, die Eristenz mancher Erscheinungen zu leugnen, einzig, weil sie nach dem gegenwärtigen Standpunkt unseres Wissens uns unerklärlich sind." Merkwürdig ist, daß mit diesen Worten des französischeu Physikers La Place die des Verfassers von ״ElHoa« darim" in einem gewissen Sinne znsammenfallen; denn letzterer sagt: ״Noch gut, daß die deutschen'Rabbiner, Augengläser tragen, sonst würden sie uns für Aberglauben halten, denn was die Gebildeten nicht sehen, halten sie für Aberglauben." Wie geistreich! — °) Auch ich wollte diesen Gegenstand nur vom Naturwissenschaftkicheu Standpunkt aus zu erörtern versuchen, denn von andern Seite» betrachtet, ist hierüber schon ziemlich viel geschrieben, ich erinnere z. B. an den 4. Brief im ״Jgroih Jvschcr" von Reggio. Druck von S gm und Burger in Szegedin.