Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 18 (4.5.1864)
- Date
- 1864-05-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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376 376 Erscheinungen Oberungarns zu erforschen. Wir übertreiben nicht, wenn wir die jüdischen Zustände Oberungarns mit denen in Galizien auf gleiche Stufe stellen, wenn auch zum Vortheil Galiziens gesagt werden muß, daß daselbst wenigstens hebräische Gegenstände gelernt werden, was in Oberungarn nicht einmal überall der Fall ist. Für diese traurigen Erscheinungen einzig Und allein die Cbasfidäer verantwortlich zu Machen, wäre ebenso übertrieben, als ungerecht. DaS Uebel liegt tiefer, wurzelt mehr in, Unglauben als im Aberglaube», mehr in der Unterstützung des. Materialismus, als in der Begünstigung der Chedarim. Da wir bereits vor 10 Jahren diese Gegend in allen ihren Theilen besuchte» und mancher würdige Kämpe für Fortschritt und Bildüng seit dieser Zeit heinigegangen, wollen Sie uns gestatten, wenn wie hie und da einen Blick auf vergangene Tage werfen und die Vergangenheit mit der Gegenwart vergleichen. Das sonderbarste beim Ganzen ist, daß in Obernngarn eine Gemeinde der andern, wie ein Ei dem andern gleicht, und wenn auch Ausnahmen', vorhanden, diese nur wenige sind. Da findet man überall dieselben Parteiungen, dieselben Wünsche und Hoffnungen, nirgends eine Spur von geregeltem Gottesdienste, überall dieselben Anschauungen über Schule und Cheder. Da wird auf der einen Seite mit den Altorthodorcn, mit Männern, die es wahrhaft ehrlich meinen, doch nicht .auf der Höhe der Zeit stehen und mehr der Vergangenheit, als der Gegenwart leben, koquetirt und dieses nur, weil es hier zu Lande zum guten Tone gehört mit der schonungslosesten Härle gegen Alles was Ausklärung heißt loszudonnern. Auf der anderen Seite erheben sich Stimmen, die für die Aufklärung das Wort ergreifcn. doch durch ihren JndifferentiSmus für ewige Zeiten nur Maulhelden bleiben und nicht einmal die Kraft in sich besitzen, der guten Sache, wohin wir vor allem Hebung des GemeindelebenS rechnen, zu fördernd Von den Neuonhodoxen rede» wir nicht, ihre Zähl redüzirt sich bei uns auf Null, und ihr Anhang ist so winzig klein, daß der fromme Mainzer gar bald seine Rekruten außerhalb Ungarns wird suchen müssen. — Doch wenden wir uns in die von uns besuchten Städte, und da sei vor allem Sziget erwähnt, die Hauptstadt des Marmaroser KomitateS. . . Einfach wie der Vater lebt der Sohn, heute wie vor Jahren seinem Erwerbe, ißt alltäglich zum Frühstük seine Zwiebel, kleidet sich in seinen Schttbez und hat nur das eine Vergnügen, sich gemüthlich bei seinem Rabbi zu thun, de» er bei einer kindlichen Naivetät wie einen Heiligen verehrt. Dabei besaßt sich der Israelit mit der Landwirth« schaft und da seine Bedürfnisse sehr gering sind, so ist es natürlich, daß so manche im Schweiße ihres Angesichtes sich so manchen Groschen erwerben. .׳ . , , -, Ganz anders sind in diesem Komitate die Verhältnisse des christlichü, Bauern. Letztere sind größtentheils Fuhrleute, beschäftigen sich als׳ solche mit dem Abführen des ärarischen Salzes, sind meistens den ganzen Sommer.׳abwesend und vernachläßigcn zu Hause auf diese Weise die Landwirthschaft. Im Winter ohne Beschäftigung in der Heimat, ergeben sie,sich;sehr oft-dem. Trünke, machen Schulden bei dem Juden, und da der Boden nicht sehr fruchtbar ist, so kommen sie nicht selten in die Nothwendigkeit ihre Früchte im vorhinein zu verkaufen. Wir erwähnen hier nur nackte Thatsachen, die Folgerungen liegen auf der Hand׳ und was unter solchen Verhältnissen von Anschuldigungen gegen Israeliten zu halten ist, brauchen wir wohl-nicht weiter ju erörtern. - Der Rabbi in Sziget, ein Enkel des verstorbenen Rabbi Mosche Teitelbaum, der sich seinerzeit nicht dazu verstehen wollte, seinen Namen mit deutschen Buchstaben schreiben zu lernen, verwaltet seine Gemeinde herköminlicher Weise, und wie eS hier mit dem Schulwesen steht werden Sie anch ohne meinen Bericht ahnen. Genug, wenn der Hierselbst fungirende recht gebildete Lehrer in seiner Schule ohne Schüler geblieben und seinerzeit, als der Schulzwang bestand, für jedes schul- Pflichtige Kind das Schulgeld unter der Bedingung empfing, dasselbe vom Schulbesuche zu dispensiren. Aehulich, wenn auch etwas freundlicher, sind die Verhältnisseim Nnger Komitate. Der Rabbi in Unghvar, ein ehrwürdiger Greis, gehört der alten Schule an, der nie aus seinem Weichbilde gekommen, und als er vor wenigen Tagen, durch die Gründung eines Rabbinersemminars anfgefordert, sich aufraffen sollte, nach Wien zu eilen, war er nicht zu bewegen, sein Wohnzimmer zu verlassen. Der Gottesdienst liegt sehr danieder und um nur ein Bild von den traurigen Gemeindezuständen NnghvarS zu geben, sei erwähnt, daß selbst am Jom Kipur die MizveS lizitirt werden und wurde am jüngsten Feste in unserer Gegen« wart ein Lizitant von seinem Nachbar mit dem Bemerken zum Schweigen gebracht, doch lieber das Geld zum Kaufe von Haker für seine Pferde zu verwenden. Die Schule gleicht einem kranken Manne, den man nicht leben lassen mag. Man entzieht ihr die Jugend »nd zahlt den Lehrern, damit sie schweigen und Winkelschulen gestatten sollen. Da die Gemeinde eine eigene jüdische Buchdruckerei hat und die jüdische Intelligenz manche vorzügliche Kraft besitzt, geben wir unser Hoffen nicht ganz auf und sei eS uns gestattet Schulfreunde bei Regelung des vaterländischen jüdischen Schulwesens auf diese wohlhabende Gemeinde hiermit aufmerksam gemacht zu haben. Ueber Ujhely und Umgebung in .unserem nächsten Reiseberichte. 3 S. A. Ujhely, 24. April Das Aktenstück,, welches Sr Hochwürden Herr Dr Meisel an den hohen königlichen ungarischen Statthaltereirath in Angelegenheit des MiSkolczer Tempels richtete, liegt in seiner vollen Ausdehnung vor uns und obwohl schon das unberufene Einmischen dieses Obcrhirten in fremde Gemeinden in seiner Eigenschaft als Pester Rabbi unsere und jedes Mannes Mißbilligung verdient, wollen Hochwürden dennoch im Interesse der Wahrheit und der Unpartheilichkeit Folgendem zur Steuer der Wahrheit in Ihrem geschätzten Blatte einen Raum gönnen. Herr Oberrabbi Dr. Meisel wirft in diesem seinem Aktenstücke den Oberrabbi Jeremias Löv in daö Lager der Nebbes und entblödet sich nicht, Dinge au die Oessentlichkeit zu bringen, die so sehr der Wahrheit in das Gesicht schlagen, daß es kaum begreiflich ist, wie ein - Seelenhirt es wagen kann, derartiges Einer hohen Landesstelle zu untcrbreiten. Herrn Oberrabbi Jeremias Löv zu den Chassidim rechnen 'zu wollen, wäre ebenso verfehlt, als Dr. Meisel Sympathien für Jeschibas zumuthen zu wollen. Wir haben wiederholt den würdigen Oberrabbi Jeremias Löv als Kämpe gegen Chassidismus bezeichnet und gehen nicht zu weit, wenn wir denselben als Schu tzmaner des nördlichen Ungarns gegen-Chassidismus betrachten. Wir wollen nicht den orthodoxen Standpunkt, den Herr Oberrabbi Jeremias Löv einnimmt, zum Gegenstand einer Besprechung machen, wir überlassen dieses Herrn Dr. Meisel bei Gelegenheit seiner Eingaben zu erörtern, nur-die eine Bemerkung wollen Sie gestatten, daß Herr Oberrabbi Jeremias Löv ei- . nen Bannstrahl weder gegen die Besucher des MiSkolczer Tempels oder den greisen Oberrabbi dieser Gemeinde, noch gegen diejenigen Eltern, deren Kinver die hiesige;Mnsterhauptschule besuchen, schleuderte. Hat doch Herr Jeremias Löv den MiSkolezcr Orthodoxen Versöhnung angcrathen und dieses dem greisen Oberrabbi Fischmalin in, Miökolcz bei seinem jüngsten Zusammentreffen durch die That bewiesen- Auch war die Ujhelyer Musterschule nie Gegenstand eines Angriffes des hiesigen Rabbi, vielmehr unterstützt derselbe stets das wissenschaftliche Streben seiner-Gemeinde, wie denn auch seine Kinder und Enkel die hiesige Musterschule besuchten.