Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 6 (1863)
- Issue
- 28 (8.7.1863)
- Date
- 1863-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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V j 471 mach Daran Cheth und Ain als Laute, die nur der von Kindheit daran Gewöhnte korrekt auSzusprechcn vermag, weshalb die Christen dieselben nicht auSsprechen können'). Heutzutage gilt dasselbe von einem großen Theilc der Juden! Bei der ausführlichen, selbst auf die Pronuntiation der einzelnen Laute Rücksicht nehmenden Behandlung der Liturgie kann man der Frage nicht auSweicheu: ״Warum hat der Thalmud den synagogalen Gesang gar keiner Norm und Regel gewürdigt? Warum erwähnt er dort, wo er von dem Tempelgcsange spricht''׳), deS Syuagogengcsangeö mit keiner Sylde? Wenn sich anö den letzten Zeilen dcö zweiten Tempels daS — übrigens unrühmliche — Gedächtniß eines hervorragenden Lcvitischen SängerS erhalten hat'); warum erhielt sich auS den Jahr- Hunderten der thaliniidischcn Periode nicht daS Gedächtniß eines einzigen durch seinen Gesang berühmten Vorbeterö? Antwort: weil in der thalmudischen Zeit der synagogale Gesang aus die Cantilation, ein sin« gen des Rezitativ, beschränkt, und von dem melodischen Gesänge keine Spur Vorhände u war^). Dieser wurde, nach den in der vorigen Nummer angesührten Worten R. VachjaS") zu urtheilen, erst mit den Pijjulim einheimisch in den Synagogen, und ist also jedenfalls cine Neuerung! Faßt man die in den Quellen spärlich zerstreuten Nolizen über den nach thalmudischen Cvnagogengesang näher inS Auge, so entdeckt man die höchst überraschende Thalfache, daß gerade der Chorgesang beim svnagogalcn Gottesdienste um Jahrhunderte älter ist, als die Singwcisc, an welcher die Orthodorie festhält! Der Chorgesang stammt auS der geonäischen Zeit. Der Gottesdienst am Sabbathe nach der Wahl eineö Crilarchen der persischen Juden wird nämlich von einem glaubwürdigen Zeugen, N. Nathan ha-Ko he n, folgender maßen beschrieben״Von seinem auS den vornehmsten Männern der Gemeinde destehcnden Gefolge begleitet, begibt sich der Erilarch am Sabbathmorgen in die Synagoge, wo am vorhergehenden Tage ein hohes, sieben Ellen langes und drei Ellen breites Gerüste für ihn errichtet, und mit farbigen, kostbaren Teppichen drappirt worden war. Am Fuße deS Gerüstes stehen treffliche, wohlunterrichtete mit wohlklingender und angenehmer Stimme begabte Jünglinge, welche von den Gemeindevorstehern gewählt worden waren"). Der Vorbeter beginnt Daruch sche-Amar, und auf jeden einzelaen Satz dieses HvnmuS respondirt der Chor der Jünglinge: Baruch hu! Nachdem der Vorbeter die Ueberschrisl dcö SabdathpsalmS rezitirt hat, fällt der Chor mit den folgenden Worten ein. Die ganze Gemeinde liest zusammen die Mor« genpsalmen biö' zum Schluffe. DaS Nischmath trägt der 472 > Vorbeter stehend und mit dem Chore abwechselnd vor. Die! Keduscha des Jozer spricht die Gemeinde mit 1 leiser, der Chor mit lauter Stimme (הקהל בקול נמוך ור,בחורי• בקול רם) , — welch eine reformistische Ke- ' yerei! — Hierauf schweigt auch der Chor, und der Vorbeter allein trägt die folgenden Gebete vor, bis er zur eigentlichen Thefilla (שמנה עשרה) gelangt, welche zuvörderst die Gemeinde leise verrichtet. Nunmehr begibt sich der Vorbeter vor die heilige Lade, um die Thefilla vorzutragen. Bei der Keduscha respondirt der Chor,2). Nach Beendigung der Thefilla setzt sich die Gemeinde nieder, der Erilarch tritt aus dem verdeckten Orte, wo er früher Platz genommen hatte, hervor, worauf die Gemeinde sich wieder erhebt, und stehen bleibt, bis er auf dem Gerüste Platz genommen hat. Der Rektor von Sura sitzt zu seiner Rechten, der von Pumbaditha zu seiner Linken. Auf die Segnungen, welche der Vorbeter über den Erilarchcn spricht, respondirt der Chor mit Amen." Wir brechen hier die in vielfacher Beziehung höchst lehrreiche Schilderung ab, um bei anderer Gelegenheit wieder daraus zurückzukommen. Unscrm gegenwärtigen Zwecke genügt daS Angeführte vollkommen, indem eS beweist, daß zwei oft angefeindete Elemente der neuern gotteSdüustlichen Ordnung, die Responsorien deö Ch orS und daS ruhige Verhalten der Gemeinde, während der Vorbeter vorträgt, zur Zeit der Geonim üblich waren. Z ur Zeit der Geonim! Weiß die Orthodorie in der Königsgaffe in Pest und in der schönen Latcrnengasse in Wien, waS daS sagen will? ״Die A n S sp r ü ch e der Geonim sind Aussprüche der Tradition!" So lautet ein Grundsatz der mittelalterlichen orthodoren GesctzeSlehrer. Und die Orthodorie wagt cö, gegen eine Einrichtung zu opponiren, welche ihre Herkunft auö der Zeit der Geonim urkundlich legitimirt? — Eine Orthodorie, die den Geonim den Gehorsam anskündigt, ist in meinen Augen eine entartete Orthodorie. — Echte und rechte Orthodoren sind die Mitglieder deS ZionvereinS in Wien, die durch ihre Mitwirkung den Gottesdienst zu verherrlichen befliffen sind. Sie sind würdige Nachfolger der ״Bach ur im", die in der geonä'tschcn Zeit bei der Installation deS Resch Gelutha, — und ohne Zweifel auch bei anderen Gelegenheilen, — durch ihren Gesang die Gemeinden erbauten. Hoffentlich wird aber der Zionverein in Bälde Gelegenheit haben, auch der Snnagoge in der schönen Laterngasse will« kommene Dienste zu leisten, indem die Wiener Orthodorie, von Ben Chananja eines Bessern belehrt, zur Besinnung kommen, in sich gehen, und bestrebt sein wird, den Trotz gegen die Geonim anfzugeben. Der herkömmliche Gesang ״mit Singer und Baß" uuterscheidet sich unter Anderem von dem Chorgesange durch die zahlreichen tertlosen Lieder die er produzirt. Wir.ab- 1