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Ben Chananja · 1863-06-30 · 27 (30.6.1863) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
6 (1863)
Issue
27 (30.6.1863)
Date
1863-06-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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457 458 Geschmacksrichtung, so wäre über die Differenz zwischen dem kunstgerechten Synagogengesang und dem wilden GesaugSvnlvcrsaliSm der polnischen Chazanim kein Wort zu verlieren: de gustibus non cst disputandum! Niederschlagend ist zwar, baß die Opposition gegen den neuenSynagogcngesang, welcher bereits eine dem Judenthume und den Juden zur Ehre gereichende Sammlung wahrhaft künstlerischer Com- . Positionen aufzuweiscn hat, auch dort nicht beschwichtigt wirb, I wo der ästhetisch resormirte Gottesdienst über die trefflichsten; GesangSmittel diöponirt. Man könnte sich aber auch hierüber trösten. Sagt ja schon der Thalmud: ״Flötenton erfreut den Edlen, Weber läßt er kalt^)."! Allein hier handelt eS sich um etwas Anderes! Die j Freunde deS chazanischen GesangSunivcrsaliömuS gcriren sich nämlich als crklustv orthodore Juden, und stempeln solchergestalt den abgeschmackten Singsang zu einer Institution > deS ortbodoren JudenthnmS. Daß sie, falls sie sich dies > klar gemacht haben, vor einer solchen Annahme nicht zurückl schaudern, ist für ihre ästhetische Bildung ebenso charakteri- ן stisch, wie für ihr jüdisches Selbstgefühl, worüber wir unS jeder Polemik enthalten. Entschiedene Einsprache müssen wir aber gegen die Unwissenheit oder Vermessenheit erheben, welche die Orthodorie zur Scbutzwchr eines Mißbrauches be« nützt, der gerade mit den auf die iinzwcidcutigste Weise verkündeten Grundsätzen der Orthodorie un grellsten Widerspräche steht! Und da dieö selbst in einer so hervorragenden I Gemeinde, wie die Pester ist, nicht allgemein bekannt zu sein | scheint, dürste eö wohl an der Zeit sein, daran zu erinnern. > Den Neigen der Verkünder jener Grundsätze eröffne der große Elhiker R. Bach ja b. Josef Jb n Bako d a in! Saragossa anS dem 11. Jahrhundert, welcher in seiner Sit tenlehre (תרדה חובות הלבבית) den cffeklsüchtigen Vortrag der »neuen Pijjulim" als Gott nicht swohlgefällig bezeichnet (ö, ö). Ihm folge R. Jehuda b. Samuel ha-Chaßid in RegenSburg, Verfasser deS Bucheö der Frommen, (gest. 1216). Dieser tadelt die Vorbeter bitter, daß sie die Schlußstellen der liturgischen Stücke, die von der Gemeinde bereits rezilirt wurden, repctiren. ״Diese Repetition", sagt er ״ist sündhaft, weil die Vorbeler dadurch nur ihre Stimme zeigen wollen; weil der Gemeinde eine jede solche Wiederholung lästig sein muß; und weil die Wiederholung nnnöthig ist. In der Synagoge soll der Gottesfürchtige überbaupt niemals daraus auSgehen, seine angenehme Stimme zu zeigen*).* Wie verträgt sich nun mit diesen Warnungen der effektsüchtige Vortrag der Chazanim und ihrer Gehilfen? — R- Jehuda gehörte zu den deutschen Chaßidäern, welche im Mittelalter so hoch verehrt wurden, und der Liturgie eine so skrupulöse Aufmerksamkeit schenkten, daß sie die Mühe nicht scheuten, die Worte, auS denen die altherkömmlichen Gebete bestehen, mit massoretischer Genauigkeit zu zählen. So weit gingen ihre spanischen Zeitgenossen nicht; aber io Betreff des Synagogengesanges und der Dauer deS GotteSdiensteS waren sie ganz derselben Meinung. Diebeweist der Bescheid, welchen der gefeierte R. Salomo b. Ad dereth in Darcellona (gest. 1310) der jüdischen Gemeinde zu HucSka in Arragonien ertheilte. Die HueSkaner nahmen nämlich Anstoß an dem selbstgefälligen Vortrage ihres VorbelerS, wie nicht minder an der Zeitdauer, welche der Gottesdienst in Folge dessen in Anspruch nahm. R. Salomo, an den sie sich wendeten, schrieb ihnen, wie folgt: ״In diesen Dingen kömmt Alleaus die Gesinnung an. Freut sich der Vorbeler in seinem Herzen, daß eS ihm gegönnt ist, sich seiner angenehmen Stimme zum Preise GotteS zu bedienen: so sei er gesegnet! Fordert ja schon der Thalmud, daß der Vorbeler eine angenehme Stimme habe. Das Ideal eines VorbeterS bei der wegen Regenmangel abgehaltenen öffentlichen Andacht wird nämlich nach R. Jehuda b. Jlai (erste Hälfte deö zweiten Jahrhunderts) durch folgende Züge realisirt: ״Der Vorbeler hat zahlreiche Familie, ohne über tie Mittel, dieselbe zu erhalten, verfügen zu können; feine eigene Aussaat lechzt nach Regen, und sein Hauö ist leer; er besitzt einen unbescholtenen Ruf, ist dcmüthig und beim Volke beliebt; eö fehlt ihm nicht an Modulation und seine Stimme ist angenehm; er ist im Stande, kaü Gesetz, die Profeten und die Hagiografen zu lesen, Mi׳ drasch, HalachaS und HaggadaS zu stndiren und tie vorgcschriebenen Benediktionen richtig anzuwenden \).Hat aber der Vorbeler, fährt R. Salomo fort, die Absicht, seine Stimme hören zu lassen, um gelobt zu werden, so ist er tadelnSwerth, und gilt nach dem Thalmud von ihm daS Wort deö Proseten Jeremiaö: ״ES erhebt gegen mich seine Stimme, darum haß ich es*)." Jedenfalls thut er Unrecht, daS Gebet in die Länge zu ziehen, denn bei vielen Gelegenheiten empfahlen die alten GesetzeSlehrer Kürze deS Gottesdienstes, um die Gemeinde nicht zu belästigen. Selbst R. Akiba b. Josef, der sich einer längeren Privatandacht zu überlassen pflegte, beeilte sich, den Gottesdienst zu schließen, sobald er die Gemeinde vertrat 6).״ Wie verträgt sich nun mit diesen orchodorcn Vorschriften daS Gebühren der Orthodorie in Ansebung der Chazanim? Sie leugnet eS ja gar nicht, daß die aus den Beifall der Masse berechnete Bravour ihren Synagogen unentbehrlich sei! R. Salomo b. Addereth war als Spanier von der Aufklärung der filosofischen Schule seiner Zeit tingirt; er spricht sich daher über den Eantor in HueSka mit Mäßigung au-, ohne sich über dessen Gesinnung ein absprechendeS Urtheil zu gestatten. Ganz anderbenimmt, sich R. Salomo'S Zeitgenösse, N. Ascher b. Jechiel, ein Deutscher von Geburt

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