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Ben Chananja · 1862-11-14 · 44 (14.11.1862) · p. Seite 380

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
44 (14.11.1862)
Date
1862-11-14
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
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Briefe von Heinrich Heine an seinen Freund Moses Moser.!Leipzig, Otto Wigand 1862| Angezcigt von Dr. S. Kayserling in Hannover. Seit Veröffentlichung rer Humboldt - Varuhagenschen Korrespondenz ist ein großer Theil des lesenden Publikums gegen jeden neu erscheinenden Briefwechsel mißtrauisch geworden und zu den alten Bedenken in Betreff der Aechtheit haben sich noch andere gesellt. Man erwartet nicht mehr in jenen Blättern nur das zu sindci!, was inan sollte. eine Ergänzung des Schriftstellers durch Einblicke in sein inneres Wesen, wie er sich ungcnirt und unverhohlen den Freunden zeigt. Man hofft nicht mehr durch dieselben in die geheime Werkstatt, in der die Geistcswerke ans dem rohen Stoffe verarbeitet werden. zu dringen und Aufschluß und Aufklärung über das zu erlangen, was in den Schriften selbst dunkel geblieben man weiß nun sicherer, als vorder, daß auch Koryphäen es nicht verschmähen , sich aus den hohen Regioneu des Wissens und Denkens in die nicdern des ganz gewöhnlichen Klatsch zu ergehen. Wenn bas der Männern der Fall, deren äußeres Leben rein und fleckenlos erschien, was ist dann von dem Briefwechsel eines Heine zu erwarten, der m seine» Schriften, in denen sich der Schriftsteller wohl nie ganz gicbt. wie er ist. so schonungslos Alles und Jedes mit den Pfeilen seines Witzes angrcifl und Alles und Jedes verhöhnt und bespöttelt. In auffallender Weise machen die eben crschieneuen Briese desselben an seinen Freund Moses Moser eine rühmliche Ausnahme, sie enthalten wenig fast gar nichts von dem uiit Recht gefürchteten Hcinefchen Schmutz, desto mehr aber von jenen glänzenden Geistesfunken, jenem übcrsprndelndcn Witze. jenem unübertroffenen Humor, der uns in seinen Schriften so oft entzückte; dabet wird uns der klarste, tiefste Einblick in sein inneres Seelenleben gewährt, und wie er unter der Hand der Umstände und der Zeit werden mußte, was er ward. dafür finden wir deit Schlüßel und die Aufklärung. Wenn wir Auszüge ans diesen Briefen in einer jüdischen Zeitschrift geben, so denken wir dabei nicht an den, auf dem Tobtcnbettc bekehrten Inden, denn diese Bekehrung hat für uns nur Len Werth, den er selbst in seinen gesunden Tagen solcher Thal beilegt. ״Auf dem Todtbettc sind so viele Freidenker bekehrt — aber macht nur kein Rühmens davon." Diese Briefe datireu aber znm Theil vor seiner Taufe. sie sind an einen Juden gerichtet, sind die Nachklänge seines Berkehreö mit jüdischeu Kreisen in Berlin und wir begegnen darin so vielen bekannten und geschätzten Namen, daß es gerechtfertigt erscheinen wird, ein HeinischcS Nrtheil über diese Männer in diesen Blättern mitznthcilcn. In feinem ersten Briefe an Moser jvon Mai 1823! bald nachdem er Berlin verlassen, schreibt ec: ״Wahrhaftig, du bist der Mann in Israel, der am schönsten fühlt! Ich kann nur das Schöngefühlte anderer Menschen leidlich ansdrücken, deine Gefühle sind schwere Goldbarren, die meinigcn sind leichtes Papiergeld. Letzteres empfängt seinen Werth vom Zutrauen der Menschen; doch Papier bleibt Papier. wenn auch der Banquier Agio dafür gibt und Gold bleibt Gold, wenn es auch als scheinloser Klumpen in der Ecke liegt. Hast du an obigem Bilde nicht gemerkt, daß ick ein jüdischer Dichter bin? Doch wozu soll ich mich geniren, wir sind ja unter uns und ich spreche gern in unsere» Nationalbildern. Wenn einst Ganstown erbaut fein wird, und ein glücklicheres Geschlecht am Mississippi Lnlef benscht und Matzes kaut, und eine neue jüdische Literatur emporblüht. dann werden unsere jetzigen merkaiitilischen BörsenauSdrückc zur poetischen Sprache gehören und ein poctticher Urenkel des kleinen Markus wird in Talles und Tefillim vor der ganzen Gaiistowner Kille singen: Sie saßen an den Wassern der Spree u. zählten Trcsorscheine, da kamen ihre Feinde und sprachen: gebt uns Londoner Wechsel — hoch ist der Eonrs. — Genug der Selbstpcrsiflagc." — (S. G.) ״Grüße nur Gans, Zunz und seine Frau, sowie auch Lehmann, Rubo, Markus״ Grüße an Zunz und feine Frau fehlen in nur sehr wenigen Briefen. Die Bcrebrnng, drc er diesem Gelehrten zollt, die Achtung, die er vor seinen ״Notizen" hegt, könnte manchem Historiker zur Nachahmung vorgeführt werden. Zunz hatte ihm Notizen zu der AilSarbeitung der schönen Novelle.: der Rabbi v. Bacharach, die leider nnr Bruchstück geblieben, geliefert; er läßt dafür mit folgenden Worten danken: dem Dr. Zunz lasse ich für seine Mitlhetlung über die spainschcn Juden tausendmal banken. Objchon sie höchst dürftig ist, so hat Zunz mir doch, mit einem einzigen ,charfsinnigen Wink, mehr genützt als einige vergeblich durchstöbcctc Quarlbande, und er wird mibewußt aus den Rabbi instncnzirr haben. — Da Zunz kein Formelmensch ist, so kann ich enleu besonder« Brief spare», indem ich dir mittheile was du ihm sagen sollst. Dieses besteht noch darin, l. daß ich ihn liebe; 2. daß ich ihn schätze; 3. daß ich wünsche, er hätte die Güte mir aiiznwciscn, wo ich gute Notizen finde über die Familie der Abarbanelö fauch Abravancls genannt). fS. 114) Trotzdem Zunz kein Formelmeiisch, so bittet er dennoch seinen Freund, nicht zu sagen, daß er bei Grüßen Lehmann vor Zunz genannt. ״Wenn ich Zeit hätte," schreibt er ein ander Mal nach seiner Taufe, würde ich der Doktorin Zunz einen hübschen jüd. Brief schreiden. Ich werde jetzt ein rechter Ehrist; ich schmarotze »ämlich bei den reichen Juden." (S. 101.) Sein Urtheil über die Juden ist nicht immer sehr glimpflich; von Lüneburg schreibt er: ״Ich lebe hier ganz isolirt, mit keinem einzigen inenschlichen Menschen komme ich zusammcii, weil meine Eltern sich von allem Umgang zurückgezogen. Juden sind hier, wie überall, unausstehliche Schacherer und Schmutzlappeu, christliche Mmelklasse unerquicklich, mit einem ungewöhnlichen Rischcß, die höhere Klasse ebenso im höheren Grade. Unser kleiner Hund wirb ans der Straße von den anderen Hunden auf eigene Weise berochen!!. maltraitlrl und die Ehriflenhunde haben offenbar Rischcß gegen den Judcnhnud. Ich habe hier also bloß mit den Bäumen Bekailntschafl gemacht und diese zeigen sich jetzt wieder in dem alten grünen Schmucke und mahnen mich an alte Tage und ranschen mir alte vergessene Lieder ins Gedächtniß zurück und stimmen mich zur Wehmuth." HS. lO.) Anders klingen seine Worte einige Monate später (23. Ang. 1823): Daß ich für die Rechte der Juden und ihre bürgerliche Gleichstellung eiuhnsiastisch sein werde, das gestehe ich, und in schlimmeren Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, daß es in deutschen Bierstuben und Palästen wiederschalle." (S. 24) Ha! er sein Wort gelüst? Fortsetzung folgt. mit Schwierigkeiten verbunden, deren Beseitigung nicht in niemer Ge- Walt liegt. Etwaige ans den Verein bezügliche Mittheilnngcn werde ich mit vielem Vergnügen aufilchmen. L. Leipzig, Lomuiissions-Verlag von Franz Wagner. Szegedin, Selbstverlag der Nedaktlon. Druck von Sigmund Burger in Szegedin.

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