Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 33 (15.8.1862)
- Date
- 1862-08-15
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Vögel haben denselben ihren Charakter in der Fabel gegeben.׳') Die aesopische Fabel hat ihrem Inhalte nach und auch in ihrer Form einen großen Kreis durchlaufen, welcher von dem verschiedenen Stnfengang der Bildung Kunde giebt. Es hat sich dieselbe von der engsten Wirklichkeit des alltäglichen Lebens bis zu den höchsten Gebieten der allgemeinen Reflexion emporgehoben, und hat Verhältnisse dieser Art in ihr lichtes Bereich gezogen. Es dürfte hier nicht außer seinem Platze sein, einige Worte im Vorbeigehen über das berühmte Calila vedimnaH zu sagen. Es wurde dieses Werk in viele Sprachen übersetzt und auch ins Hebräische. Es stehet an d. Spitze der Fabelsammlnngen. In seiner geistreichen und angenehmen Form hat es das Gebiet der menschlichen Klugheit zum populären Gebrauch erweitert und zugänglich gemacht. Die vielen Sprüche, womit es in orientalischer Weise besäet ist, haben auch dazu beigetragen, es zum Handbuche der Nationen zu machen. Folgenden Satz gelegentlich auszuheben, sei uns hier erlaubt. אשר ילבש בגדי רקמה ורגליו יחפים וג. (ג ״Wer in prächtigen Kleidern erscheint und barfuß gehet u. s. f." Es folgt noch einiges nach diesem Satz, dessen allgemeiner Zweck ist, das Unschickliche und Unvernünftige zu zeigen, wenn jemand zwei Dinge verbinden will, die nicht zusammen passen. In Bezug auf den ausgehobenen Satz wollen wir bemerken, daß sich eine ähnliche Phrase im Talmud") findet. Das folgende arabische Sprichwort enthält denselben Gedanken: ״Sein Magen ist leer und er kaut dennoch Weihrauch?)" Es wird dies auf Arme angewandt, welche den Reichen nachahmen wollen. Die Fülle von Sentenzen, welche in diesem Buche sich findet, hätten demselben für sich allein schon großen Werth gegeben. Die vielen Werke, welche in neuerer Zeit erschienen sind in der bloßen Form von Sentenzen-Sammlungen beweisen, daß man den Werth derselben heute noch hoch anschlägt. 8) Die Grazien — so sagte man — begleiten die Musen. Leise wie die Fee im Zaubermährchen, schleicht allenthalben das Talent heran, u. läßt an Allem was es berührt, seine fühlbare Spur zurück. Es hat sich auch der Sentenz zuweilen genähert und mit seinem Merkzeichen gestämpelt. Es hat sich die Sentenz im Glanze der geistreichen Anschauung oder des eleganten Ausdrucks gezeigt, und es hat sich dadurch auch die Phantasie beim Verstand Eingang verschafft. Es mögen als Beispiel die folgendeu Zeilen Schillerö dienen. Des Genuffes wandelbare Freuden Rächt schleunig der Begierde Flucht. Diesen schönen Zeilen stehet der folgende hebräische Satz am nächsten *״ הקץ מגל קוצר התאוה : לDas Ende ist eine Sichel, welche die Lust abmähct." Wir haben hier zwei Edelsteine: einen wie ihn die Natur hervorbringt, einen kunstreich geschliffen. Wie im Jgereth Baale Chajim alle Thiere in den Werken der arabischen Philosophen bewandert sind, so sind dieselben im Calila vedimnah mit der arabischen Spruchweisheit höchst vertrauet. Es giebt ihnen dieses eine höhere Stellung an sich, indem es einen höheren Grad von Bildung der menschlichen Gesellschaft anzeigt. Wenn wir ein Beispiel aus der modernen Zeit als etwaige Vergleichung anführen dürften, so würden wir andeutend das Buch von Casti nennen?") Dessen Werk ״die redenden Thiere (gli animali parlanti) spiegelt moderne Zustände ab. Der Zustand der Gesellschaft in Europa vom Jahre 1800 war sehr verschieden von dem in Bagdad vor 1000 Jahren. Diese modernen Zustände, welche das italienische Buch von Casti abspiegelt, machen es interessant, und es erhält von selbst einen Anstrich von S a t y r e. Es giebt Gäste welche ungebeten kommen, ohne zu warten bis man sie einladet. Wir könnten manche solcher nennen. Der Leser zeichnet vielleicht unfern Aufsatz auch dazu. Die Satyre gehört unbestritten zur Classe dieser Gäste. Sie kann viele Gestalten annehmen, und viele Hüllen um sich werfen. Ihre Aufnahme in der Gesellschaft war von jeher verschieden. Sie ist vielleicht mehr willkommen, wenn sie nicht unter ihrem eignen Namen sondern unter irgend einem geborgten auftritt. Die Lektüre von Don Quirot macht mehr Vergnügen als die Satyren von Juvenal. Die Fabel und die Erzählung sind sehr geeignet, satyrische Elemente in sich aufzunehmen. Es waren die letztern, welche das Glück der erstem machten. . Sowohl im Jggereth Baale Chajim als in dem Calila vedimna ist ein guter Theil von satyrischen Bemerknngen zerstreuet, freilich muß man nicht den modernen Maaßstab daran legen. Klugheit hat ihren Boden nur in d. Gesellschaft, sie gedeihet nur dort. Die Gesellschaft ist der Markt, wo gute Preise dafür gezahlt werden. Es ist ein gangbarer Artickel. Weisheit gedeihet auch in der Einsamkeit. Es ist kein Markt für sie in der Gesellschaft. Die meisten Sachen, welche auf dem Markte verkäuflich sind, haben nur so viel Werth, als man ihnen beilegt. Dieses aber hängt von zufälligen Umständen ab. Auch die Weisheit gehört zu dieser Classe. Es finden sich viele Stetten in vielen Werken zer-