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Ben Chananja · 1862-07-04 · 27 (4.7.1862) · p. Seite 231

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
27 (4.7.1862)
Date
1862-07-04
Page
Seite 231 (sequence 5)
Language
German
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in Wien bereits ein ״Tempel" mit geordnetem Ehorgesang und d e nt sch e r Predigt vorhanden , und traf doch die Gemeindevorsichnng Anstalten, um einen zweiten ähnlichen Tempel z» errichten, der auch in der Leopoldstadt in würdigster Weise anfgeführt worden ist. Der Herr Geldwechsler und Banqnier reichte endlich —wie man uns erzählt — beim Kultus- und NntcrrichtSministerinm eine auf seine Anregung ailSgcarbeitete Denkschrift ein, welche nachzuweisen suchte, daß das Judenthum in zwei Sekten zerfallen sei, daß die orthodoren Inden unmöglich die Tempel der ״Reformindcn" als Gotteshäuser bctrachten könnten, und daß eS deshalb nothwendig wäre, in Wien neden den Tempeln eine große orthodore ״Synagoge" oder ״Schul ' zu errichten. Um seine Zwecke desto sicherer zu erreichen, schilderte er in seiner Denkschrift dem damaligen nltrakonservativen Gouvernement die Reformjudcn als gefährliche Neuerer und Revolutionäre, die cs ans den Umsturz alles Bestehenden abgesehen hatten. und verlangteman solle die hochkonscrvativen orthodoren Inden . die nicht einmal die Gleichberechtigung ansprcchen wollen, weil sic in derselben d. Untergang ihres Glaubens sehen, von Rcgicrungswegcn schützen und fördern, um dadurch dem Reformjudentbum einen kräftigen Damm cntgcgciiznsetzeii. Es handelte sieb aber, wie bei vielen andern derartigen ״fron,- men" Angelegenheiten um den Geldpunkt, um die Mittel, aus welchen die projektirtc Synagoge erbaut werden sollte. Es schien dem Herrn Wechsler denn doch nicht rathsani, für dieses Unternehmen seine und seiner Gesinnungsgenossen Opferfreudigkeit anfzurufcn. Im Gegentheil; da er die Unterdrückung oder Bekämpfung des ReformjndcnthnmS als einen Staats zweck ansah, so sollte nach seiner Ansicht auch die rettende Synagoge ans Staatsmitteln angeführt werden. Hier war aber guter Rath theuer, denn eS war doch bei aller Sympathie, die damals in einigen Ministerien für alle Gattungen von Ortbodorie herrschte, schwer vorauszusetzen, daß der betreffende Ban ans den lausenden Staatseinkünften bestritten werden würde. Ein ingeniöser Kopf läßt sich aber durch solch' ein Hinderuiß nicht abschrcckc». Der Herr Banqnier erinnerte sich an den eine Million betragenden Fond für Schnlzwccke der ungarischen Israeliten. Er schlug vor, man solle ihm davon eine halbe Million überlassen, um die orthodore Synagoge in Wien zu bauen. Allerdings stand dem Verlangen die ausdrückliche Widwung des FondeS entgegen. Aber das verschlug nur wenig. Hatte doch damals Niemand ein Wort drein zu reden, wie das Geld verwendet wird. Und überdies konnte nicht ein ״frommer" Sophismus über alle Bedenken binweghelfen? War der Fond nicht zu Schnlzwecken bestimmt? Und sollte denn nicht wirklich eine ״Schul" davon gebaut werden? Allerdings nicht in Ungarn, aber kam nicht ein großer Theil der nach Wien cingewanderten jüdischen Bevölkerung gerade ans Ungarn, nnd mußte diese nicht, um nicht in die ״Reformtempel" zu gehen, eine ״Schul" haben? Der Fond würde also dieser Gedankenreihe zufolge wirklich für ״nn g a r i sch e Schulzwecke" verwendet werden, wenn man auch aus demselben eine Syuagoge in Wien bauen würde! Das Projekt des Herrn Geldwechslers fand, wie es heißt. in dem Unterrichts- und Kultusministerium geneigtes Gehör und warme Befürwortung. Die halbe Million ans dem gedachten Fondc schien für den neuen Zweck gesichert. Indessen, der Geschäftsgang erforderte es dennoch, daß auch andere Ministerien über die Sache gehört wnrden, und da fand sich ein Widerstand im Pol izeimi u i sie rin m. Wer sich erinnert, daß in der Konkordatszcit gerade dieses Ministerium nach Möglichkeit gegen die ultramontane Richtung, welche unser dama - liges Staatsleben genommen hatte, anzukämpfen versuchte, wird diese Erscheinung nicht überraschend finden. Das Gutachten des Polizeiminiüeriums soll erklärt baden, daß man sich zwar in ״dogmatische Streitigkeiten," in Unterscheidung zwischen Rcsormzuden und orthodoren Inden nicht einlaffcn könne, daß aber aus persönlichen Rücksichten in die Herausgabe der halben Million nicht eingerathen werden könne. Damit schien die Angelegenheit vorläufig abgethan. Indessen der Geldwechsler gab sich noch nich besiegt. Als das Konkordat mit Rom abgeschlossen wurde, da veranlaßtc er eine neue Denkschrift, um die Norhmendigkeit zu beweisen, daß auch die Inden eine Art Konkorbat erhalten und daß cs zur Sicherung ihres Glaubens höchst ersprieß-!ich wäre, wenn den Rabbinern über die Inden eine ähnliche Macht cingerännit würde, wie sic den Bischöfen über die katholischen Untcrthancn des Staates cingerännit worden war. Die jüdische Kon« kordatSidce sowohl, wie der Synagogenban fand abermals Beifall im Kultusministerium nnd eü soll, wie man erzählt, bloß einem, von Herrn von Schmerling abverlangten Gutachten zu danken sein, daß nicht auch die Inden ein Konkordat erhielten, und der gedachte Fond nicht angegriffen wurde. Noch einmal kam der Wechsler, der sich vielleicht mit dem ehrgeizigen Gedanken trug, ein deutsch-jüdischer Bischof zu werden, auf seine Plane zurück »nb zwar bei Gelegenheit, als der Mortara- Fall so großes Aufsehen machte. Mau erzählt, daß der gedachte hochorthodore Herr in einer neuen Denkschrift über seine Absichten die Mcinnng verfocht, daß die echten Inden sich durchaus dem Vorgehen der römischen Pricsterschast bezüglich des kleinen Mortara nicht entgegensetzen müßten! Aber auch das wollte nicht verfangen, obgleich wieder die Spitzen des Kultusministeriums sich beifällig nnd unterstützend äußerten. Die Synagoge wurde doch nicht gebaut und es gebührt hier einigen wohldenkenden und scharfblickenden Männern das Verdienst, durch eindringliche Aufklärung über die Natur der ganzen Angelegenbeit den Fond für seine ursprüngliche, nützliche Bestimmung gerettet zu haben. Was nun — um auf unfern Ausgangspunkt znrückzukommen, mit den Erträgnissen dieses Fonds geschehen ist, wissen wir freilich nicht Er fignrirt nicht in dem, dem Reichsrathe vorgelegteu Budget und dem ungarischen Landtage ist kein Landtagsbudget vorgelegt worden, ans welchem man vielleicht hätte ersehen können, ob er dort ansgeführt ist, oder ob er gleich dem Wiener StadterwciterungSfond als ein eigener, nur der Verwaltung zustehendcr Fond betrachtet wird. Aber wir glauben immerhin, in der vorstehenden Erzählung die Gefahren auseinandcrgesetzt zu haben, welche solche Fonde lause» können, falls nicht irgend eine Vertretung Einfluß darauf nimmt. Mgpst. Korrespondenz. 0. Prag, Ende Juni. H. Redakteur David Kuh wurde znm Landtagsdeputirten für den Brür-Katharinaberger Wahlbezirk gewählt. Ein wohlverdientes Zeichen der Anerkennung! Für seine GlaubenSgeuoffeii ist H. Kuh als Mitglied des 12-er Ausschusses thätig. Dieser Zwölfer Ausschuß hält häufige Sitzungen, doch sollen dem Vernehmen nach in dem Entwürfe die Bestimmungen bezüglich der Amtswirksamkeit der Rabbinen derart sein. daß dieselben fast der Willkühr jedes Einzelne« preisgegeben und die gewöhnliche Rücksicht auf die Gewissensfreiheit außer Acht gelassen sein soll. Dieses soll besonders bezüglich der nur im jüdischen Gesetz begründeten Ehehindernisse der Fall sein, wo gewisse Mitglieder, welche reich an Indifferenz aber arm an Kenntniß nnd Liebe zur jüdischen Lehre, an Fundamentalsätzen der väterlichen Religion zu rütteln wagen. Eben weil eS gewiß ist, daß solche dem jüd. Wesen widersprechende Punkte von der Plenarversammlung verworfen werden, ist eS Schade um die Zeit, die zur Diskussion und Abfassung solcher Paragrase verwendet wird. Der Bau des neuen

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