Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 27 (4.7.1862)
- Date
- 1862-07-04
- Page
- Seite 229 (sequence 3)
- Language
- German
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221) das die brüderliche Liebe erwärmt hat, erkaltet, bringe ein Jeglicher sein Opfer ans den Altar der Barmerzigkeit! Konferriy der jüd. Gemeindevertreter in Löhme». Die Verhandlungen der lsr. Kttltttsgemeinden Böhmens liegen nunmehr gedruckt vor. Die böhmische Judenschaft ist wegen deS Inhaltes wirklich zn beglückwünschen. Günstig und vielverheißend ist schon der Umstand, daß die Versammlung so zahlreich besuch: war: ״Fast alle nahnihatteren Gemeinden haben dieselbe beschickt und auch die kleineren Gemeinden haben in lebhafter Theilnahme ihre Vertrauenömanner unerwartet zahlreich abgcorduet. (Vorn׳.)" Noch erfreulicher ist der Takt der versammelten Vertreter, welcher den Gegensatz zwischen Orlhodorie und Reform, der ohne Zweifel in Böhmen ebenso vorhanden ist, wie anderSwo, kaum bemerkbar hervortreten ließ. Selbst der Fernstehende muß mit wahrer Befriedigung wahrnehmen, daß die Kulturstufe, auf welcher die Orthodoren in Böhmen stehen, sie vollkommen bereit finden läßt, an die Stelle der alten und veralteten Gemeindestatuten (ת^ות) eine zeitgemaße Gemeindeordnung treten zn lassen, Rabbinen von weltlicher, klastischer Bildung zu verlangen, und den Bedürfnissen der Gegenwart auch sonst Rechnung zu tragen. Die Böhm. Juden wollen die Vertretung ihrer religiösen Interessen von einer Gemeinde zur andern wandern lassen, ohne daß gegen irgend eine Gemeinde von der einen oder andern Seite die Besorgniß ultrareaktionärer Tendenzen oder ultrareformistischer Uebergriffe laut geworden wäre. Mit diesen nicht genug zn rühmenden Kulturzuständen hängt eS zusammen, daß die Gemeinden Männer zu ihren Vertretern wählen, die daö Wort so vortrefflich zu führen verstehen, und daß der in der Schule deS Thalmudö großgezogene Prager Vorsteher, der greise ehrwürdige Ernst Wehl:, dennoch ans der Höhe der Zeit steht, und die Vertreter der böhmischen Judenschaft mit einer sie selbst ehrenden Einmüthigkeit die Anerkennung seiner Verdienste aussprechen. So gerne wir indes; alleö dies konstatiren, so können wir dennoch nicht umhin, über das wichtigste Projekt der Versammlung, über das ambulante Zentralorgan nämlich, unser Bedenken unumwunden zu äußern. Zuvörderst scheint es uns sehr inkonvenient, wenn die Juden den: Staate gegenüber etwas ganz Apartes verlangen, wofür auf dem Gebiete der kirchlichen Administration nichts Analoges zu finden ist. In dem vorliegenden Falle scheint uns dieser Separatismus um so bedenklicher, als sich darin ein ge- ,wisseö von Juden gegen Juden gehegtes Mißtrauen ausspricht, welches kaum geeignet sein dürfte, die sonst so intelligente, fortgeschrittene und ehrenhafte Jndenschaft Böhmens in einem besonders günstigen Lichte erscheinen zu lassen. Ferner wollen uns die Motive nicht einlenchten, welche für eine so abnorme, fast bizarr scheinende Einrichtung angeführt werden könnten. Die protestantischen Gemeinden in Ungarn erfreuen sich bekanntlich des höchsten Grades kirchlicher Autonomie, ohne jedoch der stabilen Organe zu entbehren, welche zur Erhaltung einer guten Ordnung und zum Verkehre mit der Regierung erforderlich sind. Nicht minder dürften die mit der Ausführung des Projektes verbundeneu administrativen Schwierigkeiten in Erwägung zn ziehen sein. Was soll mit dem Archive des Zentralorganes geschehen? Soll dasselbe einen stabilen Wohnsitz haben, so muß der jeweilige Vorort im Finstern tappen. Es bleibt also nichts übrig, als daö Archiv ebenfalls wandern zu lassen. Welche Anomalie, welche unnöthige Störung und Unterbrechnng der laufenden Geschäfte, welch eine fruchtbare Aussaat zn allerlei Mißverständnissen und Unzukömmlichkeiteil! Endlich darf nicht außer Acht gelassen werden, daß zur Vertretung der religiösen Interessen einer so ansehnlichen Körperschaft, wie es die böhmischen Inden sind, Eigenschaflen gehören, die man schwerlich bei den Vorstehern eines jeden Vorortes vereiniget findet, und daß nicht sellen Angelegenheiten schon deshalb nicht die rechte Behändlung erfahren dürften, weil sie bei dem einem Forum in d. Mitte abgebrochen, bei d. andern in d. Mitte aufgeuommen wurden. Mögen d. böhm. Gemeinden alles dies einer sorgfältigen Prüfung unterziehen! — Es ist allerdings wahr, daß das Heiligthum Jsrael'S in d. Wüste ein Nomadenleben führte, und von Station zu Station wanderte; dies geschah aber nur, weil Israel selbst ans der Wanderschaft nach der verheißenen Heimat begriffen war. Das böhmische Israel ist aber Gottlob nicht mehr aus der Wanderschaft begriffen; eS hat in dem schönen Böhmenlande seine thenre Heimat gefunden. Und dennoch sollte die Repräsentanz seiner heiligsten Interessen verurtheilt sein, ein Nomadenleben zu führen? Es sei uns aber auch gestaltet, die absichtliche, tendentiöse und gehässige Ausschließung der Rabbinen zu tadein, und einige Spezialitäten, namentlich einige Behanptnngen des Hrn Dr's Robitschek, zu beleuchten und zu berichtigen. Hr. Dr. R. gibt sichln seinen, mit vielem Beifalle aufgenommenen, Aenßerungen als einen geistreichen jungen Mann zu erkennen. Wir lassen seinem Talente und seiner warmen Gesinnung herzlich gerne alle Gerechtigkeit widerfahren, ohne jedoch zu verschweigen, daß er sich in seinem an sich lobenöwerthen Eifer Hinreißen ließ, über Dinge abzusprechen, von denen er nur ein höchst oberflächliches,