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Ben Chananja · 1862-06-27 · 26 (27.6.1862) · p. Seite 225

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
26 (27.6.1862)
Date
1862-06-27
Page
Seite 225 (sequence 7)
Language
German
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225 der Toleranz zeugt der Umstand, daß selbst Besucher des neuen Tempels zu diesen Spenden beitragen. In gleichem Geiste haben die ortho« doreu Chcvra-Gabbaim dem vorm. Vorbetcr der Reformgenosscnschaft Schönfeld ein sehr anständiges Leichcnbegängttiß bereitet, bei welchem jedoch Hr. Rabb. Meisel nicht erscheinen wollte!! Briefe ans Mähren. I. Daß Mähren ein fcl/önc3 Land ist — eine von den Perlen in Oesterreichs Krone — werden Sie, Herr Redakteur, als mährisches Landeökind, wol mit nntcrschreibcu. Wir haben fruchtbare, banatähnliche Thälcr und romantische, alpcngleiche Gebirgslandschaften. Wir bauen einen guten Wein und noch viel bcssere Spargel, wie herrlichen Flachs und ausgezeichneten Roggen. Wir haben tüchtige Handelsplätze, unsere industriellen Erzeugnisse — in Tuch und Leinwand, Barchent und Kanafaö, GlaS und Eisen — sind fast von europäischer Berühmtheit. Auch ein treues Volk sind die Bcwohncr Mährens, gute Patrioten, pünktliche Steuerzahler und — zumeist Großöstcrreicher. Doch nicht von Mähren und seinen Bewohnern überhaupt will ich hier referircn, sondern nur speziell von teilte» jüdischen Bewohnern. Nun, auch in oiefee Beziehung werde ich den Mund etwas voll «ehmen. Daß Mährens jüdische Landeökinder zu den Begabtesten, Talentirtcstcn, Anschicklichsten gehören, wird vielleicht Zeder zugeben, der seinen Blick -- meinetwegen durch Ungarn schweifen läßt. Es dürfte in dem großem Ungarn vielleicht selten eine jüd. Gcm. sein, die nicht in einem mährischen Landcskinde einen tüchtigen Jugendlehrcr eutweder vormals hatte, oder noch gegenwärtig hat. Und daß zu Ungarns tüchtigsten Rabbinen eben Söhne unseres Landes gehören, glaube ich, hier gar nicht erst erwähnen zu müssen. Nebenbcnbei bemerkt bieten wir jüdischen Mährer einen Beleg dafür, daß nicht immer die freie Lebensstellung eine Conditio sine qua uoq für die freie, geistige und fortschrittliche Entwickelung einer jüdischeu Bevölkerung bildet. Es ist wol auch schon von Andern, bemerkt worden, daß das Berhältuiß des ZudenthumS zur Wissenschaft nicht immer durch die äußere Lebensstellung seiner Bekenner, durch ihr freundlichcS oder seinblichcs Schicksal bedingt gewesen wäre. Man führt Hollaud und Frankreich als Beispiele an, in denen Inden und Judenthnm iui jüngsten Jahrhunderte einer weit weniger belästigenden Stellung sich erfrenten als in Deutschland, und doch haben jene Länder ihre Inden nicht zu dem Range der deutschen Israeliten zu erheben vermocht. Wir könnten ganz dieselbe Erscheinung auch an Mähren uachweiseu. Die mährische Judenheit war im österreichischen Kaiscrstaate die weitaus geprüsteste. Mit ihre,» Wohnrecht zumeist ans kleine Ortschasteu hingewiescn, wo das Leben in den kleinlichsten Verhältnissen sich abspinnt, wo weder Bildung noch Handel oder Industrie in rascher» Schlägen pulsirt, und selbst da eingepfercht durch die sehr engen Ghettoschranken, seufzend unter dem faraonischen Familienpatente — ist dennoch, wir dürsen's wol ohne Selbstüberschätzung sagen, von den Inden Mährens am ehesten das Streben nach dem Bessern, nach Fortschritt und Bildung auögegangen. In den mährischen Jeschiba'S herrschte schon vor einem halben Jahrhundert ein lichterer Geist und wehere eine kräftigere Lust, in der Männer wie Löw Schwab, Juda Schmied!, Daniel Frank, Joachim ׳Pollak und Andere erstarkten. Das Talmurstudium, das hier gepflegt ward, stand in seiner Art ganz vorzüglich da. Es war weder das flüchtige u. mehr oberflächliche Durchgehen der talmudischeu Traktate, wie dies nach dem Tode des großen Ezechiel Landau in vielen böhmischen Jeschiba'S herrschend ward; noch das ewige Haschen nach lauter Spitzfindigkeit der polnischen Schulen — nein, seit die Schüler des unvergeßlichen Markus Benedikt die mährischen Rabbinatsstühle einnahmen, ward hier das talmudische Studium mit einem tieseingehenden, männlichen Ernst betrieben. Und Rabbinen wie Moses Karpeles in BoSkowitz, Ahron Spitz in Proßnitz, Michael Wronik in Neuraußnitz und Salomon Quetsch in Leipnik legten ähnliche Pflanzschulen an, aus denen nicht nur höchst ansgezeichnete Rabbinen, sondern überhaupt wackere, für alle Fächer und Gebiete des vielgestaltigen Lebens anschickliche und tüchtige Männer hervorgingen. Herr Redakteur, ich gestehe es Ihnen offen, es'stst ein ganz eigenthümliches Gefühl, das mich beschleicht, indem' ich diese Namen niederschreibe. Sind doch einige von den Männern, die ich da genannt, theils thenre Häupter meiner eignen Familie, theilS meine eignen, mir ewig unvergeßlich bleibenden Lehrer gewesen. Und obschon ich meinem ganzen Denken, Streben und Fühlen nach der Ncuzeut angehöre, so sind es doch nur Gefühle der reinsten Hochachtung, Dankbarkeit, Liebe und Berchruug, mit denen die Erinnerung an jene Männer mich erfüllt. Ich füge daher — und gewiß auch Sie mit mir, werthcr Herr Redakteur — jedem dieser Namen, die ich hier genannt, aus vollstem Herzen ein זכר צדיק לבריכה hinzu. Lassen Sie mich für heute hier abbrechen. Nach diesem kurzen Rückblick in Mährens vergangene und ״halbvergangene Zeit," will ich einen Blick in die Gegenwart meines engcrn Vaterlandes werfen und von Zeit zn Zeit die Erscheinungen, die sich mir darbietcn, ungekünfielt und ehrlich, in diesen geschätzten Blättern wiederzugebcn suchen.*) 86k. Gaya, 20. Juni. Daß Hr. Dr. Jellinck's Predigten die allgemeine Aufmerksamkeit erregen und allgemein bewundert werden, ist Thatsache. Die Diktion, die Auswahl des Stoffes, der alle Reden durchwehende orientalische Hauch, die gewandte Benützung des Midrasch nach den vom berühmten Vers, im ״B. CH." gegebenen Normen, dieß alles vindicirt diesem neuesten Produkte aus dem Gebiete der Homiletik das Prädikat der Klassicität. Als ich im Inhalte des 1. Bandes Nro 6 laö, ״Soll mit Zustimmuug der Wiener Gemeinde dem ungcregelten Gottesdienste in der Hauptstadt des Reiches eine Stätte erbaut werden?" erstaunte ich. Ein ungeregelter Gottesdienst ist kein Gottesdienst. Gott bedarf unseres Dienstes nicht, die Gebete sollen den Betendeu erbauen, und ihn zn sich selber bringen und kommen lassen, was aber ein nngeregelter Gottesdienst nicht vermag. Und das soll man in Wien wollen? Ja so ist es. In den beiden Tempeln in Wien ist die ganze Liturgie ortvdor. Keine Orgel, kein dreijähriger CikluS, keine Abkürzung der Gebete, nur daß ordentlich und feierlich gebetet, und daß von einem Mauheimcr und Jellinck gepredigt wird. Und doch sollte die Ordnung mit der Unordnung einen Kampf zu bestehen, Kultur mit der Niitnltur zu ringen haben! Und doch ist es so. Gegen diese Anomalität zieht der berühmte Jellinck mit der ganzen Schärfe feines Geistes, mit der ganzen Macht der Wahrheit, mit der ganzen Lauge der Satire zu Felde. Man muß die Predigt lesen, um das Unnatürliche der Wiener Reaktions-Opposition kennen zu lernen. Das nähere Eingehen in diese Mustcrprcdigten möchte ich mir nächstens gestatten.**) Dr. Dnschak. LiterSrische Anzeigen. Rom und Jerusalem, die letzte Nationalitäts-Frage. Briefe und Noten. Von M. Heß, korresp. Mitgl. d. Berliner filos. Gesellsch., Redakt. d. ehemal. Rhein. Jtg. Leipzig, 1862. 8. XVI. 239. Ein merkwürdiges, originelles, piquanteS, sehr anziehendes Buch.' Tr wird in jüdischen und wol auch in nichtjüdifchen Kreisen un- *) Womit Sie mich », d. L. d. Bl. sehr verbinden. Red. **) Die Bespr. soll mir willkommen sein. Red.

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