Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 6 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 308 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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— 308 — unter ihnen der spanische Gesandte, das Bureau der gesetzgebenden Verjammlung, Vorstände und Vertreter verschiedener Justiz- und Verwaltungsbehörden, der christlichen Geistlichkeit, der städtischen Unterrichtsanstalten, der israelitische Gemeinde-Vorstand u. A. — Nachdem der Zug auf der erhöhten Estrade angelangt war, umgab eine Schaar junger Schüler und Schülerinnen der israelitischen Realschule, die letzteren in weißen Festkleidern, mit rosenfarbigen Schürzen und grüne Kränze in den Haaren, zu beiden Seiten den Lesepult. Nun begann ein dreimaliger Umzug vor der heiligen Lade, nach dem der Festzug vom Chore herab mit den Segensworten begrüßt worden war: ״Gesegnet sei, wer da kommt im Namen des Herrn; wir grüßen euch vom Hause des Ewigen." (Ps. 118, 26.) Ergreifend war der Augenblick der Einweihnngsfeier als der Rabbiner Stein, auf der Estrade angelangt nnd das Antlitz gegen der Gemeinde gewandt, das שהחינו sprach. Während des dreimaligen Umzuges der Thorarollen sang der Chor die paffend gewählten Sprüche aus der heiligen Schrift. Damit schloß der hebräische Theil der Feier, und der deutsche Theil nahm seinen Anfang. Der Rabbiner betrat die kleinere Redestätte und sprach das deutsche Einweihungsgebet. Darauf folgte die Festkantate, die vom Rabbiner Stein gedichtet und von dem rühmlich bekannten Komponisten, Jakob Rosenhain in Musik gesetzt. Während noch die Schlußworte der Kantate erklangen, bestieg der Rabbiner die Kanzel, um diese Redestätte mit dem ersten religiösen Vortrage ihrer würdigen Bestimmung zu weihen. Der Vortrag des Redners bestätigte, was schon beim Rezitiren einzelner Sprüche angenehm war empfunden worden, daß nämlich der Bau auch in akustischer Beziehung so vorzüglich gelungen war, daß hierin nichts zn wünschen übrig bleibt. Die Predigt war des Ruhmes vollkommen würdig, welcher Stein als einen der bedeutendsten israelitischen Kanzelredner der Gegenwart preist. Anknüpsend an den Tert: ״Dieser Monat sei euch das Haupt der Monate, der erste sei er auch von den Monaten des Jahres," (Erod. 12, 2.) theilte der Redner die Einweihnngsfeier in 2 Tbeile, von denen der eine der Erinnerung an die Vergangenheit, der andere der Hoffnung auf die Zukunft gewidmet sei. Von den Erinnerungen setzte er sich vor, am Festabende, von den Hoffnungen am anderen Morgen zu sprechen. Hierauf nahm der Sabbath-Gottesdienst seinen Anfang, bei welchem das neue Gebetbuch mit seinem reichen Schatze deutscher Gesänge und Gebete zum ersten Male in Anwendung kam. Aufs innigste gehoben und angeregt verließ die zahlreiche Versammlung das Hans. Es mögen gegen 1600 Personen dieser Abendfeier beigewohnt haben. Eine nicht viel geringere Anzahl hatte sich des anderen Morgens eingegefunden, an welchem der Gottesdienst um 9 Uhr begann und in seinen einzelnen Theilen die dreifache Bedeutung des Tages, den Sabbath, den Neumond des Nissan und die Einweihungsfeier vertrat. Blicken wir auf die allgemeine Theilnahme der Bevölkerung zurück, auf die Bedeutung dieser Stadt unter den Städten Deutschlands, so dürfen wir diesem Tage eine gewisse kulturgeschichtliche Bedeutung einränmen. H. Zirndorf.