Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 1 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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— 28 — klarer Blick, ein richtiges Urtheil, ein leichtes Auffaffen des Rechten nnd Wesentlichen, eine ruhige feste Haltung bei Berathungen, eme seltene Parteilosigkeit. die nie die Person, sondern immer nur die Sache ansah, eine Humanität, die Keinen verletzte, und nie die Schranken edler Sitte überschritt, eine Bescheidenheit, die persönliche Rücksichten nie geltend machte, und eigene Ansichten gerne fremder Prüfung unterwarf, das waren die Tugenden und Eigenschaften, durch welche er das Vertrauen rechtfertigte, und sich Aller Herzen gewann. Wo es galt Gutes zu thun, da war er gewiß einer der Ersten. — Die hohe Achtung, in der er stand, gab sich aber auch bei seinem Leichenbegängniß in einer wahrhaft erhebenden und rührenden Weise kund. Es war dies ein Leichenbegängniß, wie solches hier bei einem Israeliten wol schwerlich je vorgekommen ist, ein Leichenbegängniß, welches vor zwei Dezennien noch eine Unmöglichkeit gewesen wäre, und nach einer zweifachen Richtung hin, nach christlicher und jüdischer Seite, ein bedeutungsvolles Zeichen der Zeit war und den Beweis lieferte, wie Vorurtheil und Befangenheit schwinden, und konfessionelle und nationale Gegensätze sich versöhnen, wo das Reinmenschliche in seinem ungetrübten Glanze hervortritt. An die Trauermärsche spielende Musikkapelle des bürgerlichen Infanterie-Korps schloß sich der israelitische Tempelsängerchor in schwarzen, waltenden Gewändern an; hinter den mit den Hauptmanns-Jnsignien geschmückten und von brennenden Fackeln umgebenen Todtenwagen schritten die zwei alten ehrwürdigen Rabbinen Rapoport und Freund, deren düsterer Blick den Ernst der Zeit zu begreifen schien, die mit dem Hingeschiedenen zugleich ein großes Stück der alten Zeit zu Grabe brachte, und in das hebräische Gebet der Gläubigen mischte sich das düstere Glockengeläute ferner Kirchenthürme. Auf dem Friedhofe am Sarge wurde noch eine Grabrede gehalten, die, obschon in matten Zügen das Bild des Lebens des Verblichenen zeichnend, dennoch ihre Wirkung auf die düster und ernst gestimmten Gemüther der Theilnehmenden nicht verfehlte. Lorrespondenz. Aus Böhmen, Ende November. Der Deputation der Prager israel. Kultusgemeinde, bestehend aus den Herren Ernst Wehli, Vorsitzenden der Kultnsgemeinde-Repräsentanz, Prof. D1\ Wessely, den Fabrikanten Leopold Edlen von Portheim und Pribram, welchen sich Hr. M. Mändel aus Böhmischbrod, mit noch zwei anderen Repräsentanten der böhmischen Landesjudenschaft angeschlossen hatte, ist von Sr. Erzellenz dem Hrn. Minister des Innern, Grasen Goluchowsky in einer Audienz eine sehr freundliche Aufnahme zu Theil geworden. Nachdem der Sprecher Prof. Dr. Wessely in einer kurzen, aber würdig gehaltenen Ansprache auf den Fortschritt hingewiesen hatte, welchen die Judenheit des gesammten Kaiserreiches, und insbesondere die seines Kronlan-