Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 3 (1860)
- Issue
- 1 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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festen Unglauben stecken, alle Glaubensdogmen, Unsterblichkeit, Offenbarung, Vorsehung läugnen, dabei dennoch die abergläubigsten Gebräuche mitmachen, und wo es gilt, sogar fanatisch für sie in die Schranken treten? Die Jugend wiederum, der dies Treiben der Väter gänzlich fremd geworden ist, hat ihr Gespötte aus demselben, und da die Kinder theilweise von den Eltern zur Theilnahme an ihm gezwungen werden, setzt sich bei ihnen eine höchst bedenkliche Gleichgiltigkeit, wenn nicht gar Erbitterung, auch gegen alles berechtigte Religiöse fest. So sieht es - nicht selten in jüdischen Familien aus, ein traurigZr - Zustand das, denn es ist traurig, die religiöse Substanz in ihrer Auflösung begriffen zu sehen, ein gefährlicher Zustand das, da er durch sein Beispiel ansteckend ist, und in der Folge auch aus die Moral influiren kann. Und nun frage ich: Wodurch glaubt man diesen Gegensatz besser und erfolgreicher aufzuheben, durch Bibelunterricht, d. i. Bibel-Uebersetzung und Bibellesen, oder mittels des lebendigen, eindringlichen, auf die Verhältnisse. weise eingehenden an ein Lehrbuch anknüpfenden Lehrerwortes, das den irrenden Verstand, das schwache, schwankende, gleichgiltige Gemüth gefahrlos durch den Strom der Zeit in den Hafen einer richtigen Gotteserkemstniß zu führen vermag? Ich habe stets die höchste Begeisterung, die größte Aufopferungs-Fähigkeit bei jenen jüdischen Individuen gesunden, die einen gelänterten katechetifchen Religionsunterricht genossen, während aus dem Reiche der nicht also Belehrten (man sehe Frankl's ״Nach Jerusalen>!") ganze Schaarew dem Väterglauben den Rücken kehren, wie überhaupt religiöse Frivolität zumeist bei einer des gründlichen Religionsunterrichtes ermangelnden, jedoch mit hebräischen Bibelfrasen vollgespickten Jugend anzHreffen ist. Abgesehen hiervon, lehrt die Vergangenheit, daß-der bloße BibMnterricht bei der Masse des Volkes keine klare und vollständige Religiönskenntniß zu erzielen vermag. In welchem Rosenschimmer man auch immer die Vergangenheit erblicken mag, wer nicht aus getrübter Brille den Blick rückwärts wirst, muß zugeben, daß trotz des enormen, dem Bibelunterrichte, gewidmeten Zeit- und Kraftaufwandes die religiöse Ignoranz des Volkes kolossal war , sich meistens nur auf die Kenntniß dks durch die Anschauung Md praktische Uebung erlernten Zeremoniells erstreckte, dessen Kerngehakt es kaum ahnte, geschweige, daß ihm eine klare Einsicht über wesentliche Theile seiner Neligron innewohnte. Wol gibt es einzelne, wolunterrichtete Köpfe, die sogenannten schönen baale battim, die tief und gründlich in das jüdische Religionsgebäude eingedrungen sind; allein dies Eindringen geschah trotz der schlechten Methode nur in Folge großen Fleißes und großer, individueller Begabung, wie durch, die Wirkung besonderer Werthschätzung religiöser Kenntnisse in der damaligen Zeit. Wie man früher auch Lesen lernte, trotz der unsinnigen Buchstabenmethode und Rechnen, trotz Adam Rieß, so erfaßte auch mancher Jude seinen Glaubensinhalt, trotzdem er — was den ganzen Religions-Unterricht bildete, allwöchentlich nur die ersten Paraschioth einer jeden Sidrah kanderwälschen lernte; allein die gewonnenen hebräischen Sprachkenntniffe wurden von den bessern Schülern nach vollendeter Schulzeit zu erhalten und zu erwei-