Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 1 (1858)
- Issue
- 1 (1858)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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So lauten die Anklagen fast eines Jahrtausends! Vom Enfrath und vom Quadalquivir, von der Weichsel und vom Nil dringen sie zu unseren Ohren! Immer und allenthalben tritt in verschiedenen Gestalten dieselbe Anklage auf: die Anklage der jeweiligen Gegenwart! Ursachen dazu waren ohne Zweifel stets vorhanden. Bei der Unvollkommenheit unseres Geschlechtes kann es an solchen Ursachen niemals fehlen. Männer von hohem Ernste und tiefer Religiosität müssen auch bei der mildesten Beurtheilnng ihrer Staub- und Himmelsgenossen manches Tadelnswertste an denselben entdecken. Bei einem Liefern Blicke in die Natur und Beschaffenheit der mannigfaltigen Anklagen wird indeß andererseits wol auch eingeräumt werden müssen, daß nicht immer unbefangene Beobachter das Wort der Anklage führten, und daß die Verurtheilung der Zeit nicht selten ans einer einseitigen und daher irrigen Beurtheilnng derselben hervorgegangen ist. Oft waren die Forderungen und Ansprüche an die Zeit überspannt, und man hatte kein Recht zu zürnen, wenn dieselben unerfüllt blieben. In vielen Fällen war es blos die Beobachtung eines engen Kreises, welche die Wehklage veranlaßte, es würde in der Welt nur immer schlimmer! Dem schwachen Auge schien es beim Anblicke eines dürren Baumes, als wäre der ganze Wald im Absterben begriffen. Und das vorgerückte Alter erhebt die eigene, weit bessere Jugendzeit schon deshalb so wortreich über die Gegenwart, weil es vergißt, daß ein Auge, aus welchem das volle Feuer der Jugend stralt, die Erscheinungen des Lebens ganz anders ansteht als das, welches die Last der Jahre schon halb geschlossen hat. Alle diese Wahrnehmungen reichen wol hin zur Begründung der alten Warnung: „Sprich nicht: wie ist es geschehen, daß die früheren Tage besser waren als diese; denn nicht aus Weisheit fragst du also (Pred. 7, 10.)". Auf die Befangenheit früherer Zetten und überwundener Standpunkte mitleidig hinabzuschauen, ist nun freilich nicht schwer. Viel schwieriger ist es, Werth und Wahrheit an der eigenen Richtung unparteiisch zu beurtheilen. Wer könnte aber thöricht genug sein, zu meinen, er allein habe den Stein der Weisen gefunden,