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Der Israelit · 1938-10-27 · Heft 43 (27.10.1938) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 43 (27.10.1938)
Date
1938-10-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 43 1938 Was ein Esrog wert ist. (Schluß.) „Mein Mann ist zu Mincha jedenfalls wieder daheim, aber das Geld lasse ich nicht einen Augenblick länger auf meinem Tisch. Fast hätte es mich zum Schwanken gebracht, warum sollte ich meinen Mann ebenfalls einer solchen Versuchung aussetzen und zwar unnötiger Weise, denn Ihr dürft sicher sein, verkaufen wird mein Mann seinen Esrog nicht und wenn Ihr ihm alles Geld der Welt dagegen brächtet, also seid mauchel Rabbaußaj und nehmt Euer Geld mit." Die Herren gingen mitsamt ihrem Gelde, von dem Esroghändler begleitet, in dessen Wohnung zurück, um dort die Rückkunft Reb Itzigs abzuwerten. Er mußte auf dem Rückweg zuerst das Haus des Esroghändlers passieren, und darauf hatte der letztere einen neuen Plan gebaut, um das Esrog füglich doch zu erhalten. Nach wenigen Stunden kam der arme Händelsmann mit einem schweren Sack voll Ware beladen zurück. Der Esroghändler der sich am Eingang der Straße aufgestellt hatte, rief Reb Itzig; „Scholem Alechem und Masel tof" zu.; „Reb Mendel aus P. ist hier mit noch zwei Abgesandten vom Rosch Hakohol in P. Sie sind extra gekommen, um Euer Esrog zu kaufen. Was meint Ihr, wie es Ihnen Euer Weib gelassen hat? Na, ratets doch nicht: 400 Gulden, in bar ausgezahlt!" Die vierzig Gulden, die er verschwiegen, hoffte er auf irgend eine Weise noch zu seinen Gunsten bei dem Handel herausschlagen zu können. Reb Itzig nahm seinen schweren Packen nicht vom Rücken, sondern sah den Sprecher nur groß an. „Was sagt Ihr da? Mein Weib hätte mein Esrog verkauft? Das glaub* ich nicht, aber wenn sie es getan hat, so hat sie es ohne mein Wissen und gegen meinen Willen getan, und ich werde meine Käufer zum Din Thora fordern." Als Reb Itzig eben weiter gehen wollte, traten ihm die Deputierten aus P. in den Weg, riefen ihm den Friedensgruß entgegen und sagten: „Ihr scheint gar nicht zu wissen, was wir heute für Geld in Euer Haus gebracht haben: ein solches Geschäft macht man nicht jeden Tag!" „Meine Meinung habt Ihr gehört, gebt gutwillig den Esrog heraus, sonst passiert ein Unglück. Glaubt Ihr, ich lasse mir so etwas gefallen? Und glaubt Ihr, Eure Khilloh wäre mit einem solchen Esrog jauze? Glaubt Ihr, man dürfe das letzte der zehn Gebot übertreten, wenn es sich um eine Mizwoh handelt, sobald die eine Partei Schlucjvim von P. sind und die andere ein armer Handelsmann ist? Ihr seid doch gelernte Leute, wißt Ihr nicht, daß das Geld, welches man für einen Gegenstand gibt, nach dem man gelüstet, das Verbot „Lau Sachmod' nicht aufhebt? Und wenn Ihr hundertmal glaubt, mit Geld könntet Ihr einen armen Menschen berücken, das Verbot G'ttes, nach dem Cut eines Menschen zu gelüsten, könnt Ihr mit Eurem Gelde nicht aufheben." „Wo denkt Ihr hin," fiel Reb Mendel besänftigend ein, „daß wir so etwas tun. Es ist wahr, wir waren in Eurem Hause und wollten viel Geld für Euer Esrog geben. Wenn Ihr erlaubt, begleite ich Euch in Eure Wohnung, ich habe dort meinen Stock stehen lassen. Auf dem Wege dahin will ich Euch alles erzählen, wie sich's zugetragen hat." Erleichtert atmete Reb Itzig auf, als er hörte, seine Frau habe noch den Esrog und die Abgesandten noch Ihr Geld, denn jetzt war er Herr der Situation. Ah die beiden in die niedere Stube eintraten, saß die Frau mit verweinten Augen da „Warum weinst Du?" „O, wie bin ich glücklich, daß Du da bist und auch der Schaliach von P. Wie groß sind die Worte unserer Chachomim, welche sagen, je mehr Vermögen, desto mehr Sorgen. Ich weiß nicht, ob ich Recht oder Unrecht getan habe, als ich die drei bekoweden Leute so hart abwies. Ja, ich muß sagen, wenn ich allein über den Esrog zu sagen hätte, ich hätte ihn gerne für die große Summe verkauft, wie viel Gutes hätten wir mit dem vielen Gelde tun können! Aber jetzt, da Du da bist, so handle Du, wie Du es für recht "halst/' „Boruch Haschern," erwiderte Reb Itzig, „daß Du Dich in keiner Weise gebunden hast. Wie würde ich auch eine solche Mizwoh für bloßes Geld aus den Händen geben! Nein, Reb Mendel, was der Esrog für Euch wert ist, ist er auch für mich wert. Sucht weiter, vielleicht findet Ihr anderswo, was Ihr sucht, mein Esrog ist für Geld nicht feil Jetzt aber seid mauchel, es ist Zeit zu Mincho, soeben hat man in1 Schul gerufen." Als sie durch den halbdüsteren Hausflur gingen, ergriff Rabbi Mendel die Hand des armen Handelsmannes und drückte sie mit innniger Zärtlichkeit. „Ihr habt eine große Versuchung glänzend bestanden. Ich habe einen Esrog gesucht und habe einen Juwel gefunden. Und nun habe ich eine Bitte an Eüch. Ich weiß, Ihr könnt auf Jomtof Geld gebrauchen. Nehmt hier von mir die zehn Gulden, nicht als Lohn für Eure große Mizwo, sondern als Freude darüber, daß ich einen Mann und ein Weib kennen gelernt habe, wie Ihr es seid. Seid nicht stolz und weist es nicht zurück! Ihr dürft das Geld später mir oder meinen Kindern zurückgeben, wenn Ihr es nicht mehr brauchen solltet. Ihr wißt es ja, daß die Welt ein kreißendes Rad ist. Wer heute hoch oben steht, steht morgen tief unten. Ich bin sicher, daß Ihr noch einmal hoch oben stehen werdet in der Welt, denn eine solche Handlungsweise läßt der Vater im Himmel nicht un~ belohnt. G'tt könnte alle Menschen reich und glücklich machen. Aber er tut es nicht, weil leider die meisten Menschen Reichtum und Glück nicht vertragen. Euch hat G'tt probiert und Ihr habt die Probe so glänzend bestanden, daß Eurem Glück und Eurem Reichtum nichts im Wege steht. Das Geld wird Euch nicht blenden, beherrschen und hart* machen. Ihr werdet Herr über Euer Geld bleiben, das Euch G'tt noch einmal in reicher Fülle zu Masol und Brocho geben wird." Mit diesen Worten drückte der Sprecher dem armen Handelsmann eine Zehnguldennote in die Hand und verschwand. Als Reb Itzig nach Mincho zu seinem biederen Weibe zurückgekehrt war und ihr die Zehnguldennote zeigte, fand er sie nicht so erfreut, wie er gehofft hatte. Ernst sinnend ging sie ein und aus, und selbst als der Jomtof kam lagerte ein Schatten über der Festesfreude, die sonst das Haus der armen Menschen verklärte. Auf das wiederholte Drängen nach der Ursache ihrer Unruhe erklärte sie ihrem beunruhigten Manne folgendes: „Ich weiß, daß ich als Frau jauze bin, wenn ich den Willen meines Mannes tue. Auch in dem Falle mit dem Esrog habe ich nicht anders handeln können, als ich gehandelt habe. Aber ob Du richtig gehandelt hast, das habe ich von Anfang an bezweifelt. Du hättest doch vorher wenigstens eine Schaalo beim Rabbiner machen sollen, dann wärst auch Du gedeckt gewesen* Man macht ja so oft Schaalos über weit weniger wichtige Sachen. Wenn Du dem Raf gesagt hättest was Du für Dich, Deine Familie und die Jeschiwa Gutes hättest tun können mil einem Vermögen von 440 Gulden, so weiß ich nicht, ob er nicht anders gepaßkent hätte, als Du entschieden hast. Das ist's was mich bedenklich macht," „Du hast recht, liebe Frau, aber ich glaube, ich habe auch recht gehandelt. Man solJ immer eine Schaalo machen, wo man im Zweifel ist, aber ich war nie einen Augenblick im Zweifel, daß ich so handeln müsse, wie ich gehandelt habe. Wenn auf der einen Seite 440 Gulden liegen und auf der anderen steht eine Mizwo. die man nur einmal im Jahr erfüllen kann, kann ich da im Zweifel sein, ob ich für totes, kaltes Geld oder für die Worte des lebendigen, ewigen G'ttes mich entscheiden soll? Aber ich mache Dir einen Vorschlag zur Güte. Wir wollen noch nachträglich eine Schaalo, aber nicht an einen Menschen, sondern an G'tt richten," Erstaunt blickte die wackere Frau zu ihrem Manne auf und fragte: „Und wie willst Du das anfangen?" „Höre nur zu. Unsere Handlungsweise mit dem Esrog habe ich von vornhinein für ganz selbstverständlich gehalten. Erst als uns Rabbi Mendel die Zehnguldenriote schenkte und dazu seinen Segen gab, ging mir eine Ahnung von der Möglichkeit auf, daß wir vielleicht lifnim mischuras Hadin, das heißt in einer Weise gehandelt hätten, zu der wir nach strengem Recht nicht verpflichtet gewessen wären. Rabbi Mendel ist mir als frommer, gelehrter und wohlhabender Mann noch aus der Zeit seines Jeschibabesuches bekannt, Wir wollen nun folgende Probe machen. Von den zehn Gulden brauchen wir nicht die Hälfte, um ganz Jomtof sorgenfrei zu leben. Die übrigen fünf wollen wir in die Lotterie setzen. Will Haschern boruch hu wirklich, daß wir reich werden sollen, so können wir auf diesem Wege bis in 14 Tagen 100000 Gulden gewinnen. Will Er es aber nicht, nun, so sind unsere fünf Gulden allerdings verloren, aber wir wissen wenigstens sicher, daß G'tt meine Handlungsweise gerechtfertigt und den Besitz seiner Mizwoth für ein größeres Glück hält, als den Besitz von Geld und Gut." Mit diesem salomonischen Urteile erklärte sich die Frau zur großen Freude ihres Gatten einverstanden. Er selber war von dieser Art der Entscheidung gar nicht so sehr erbaut, da ihm fünf sichere Gulden lieber waren, als Hunderttausende höchst zweifelhafte. Aber höher stand ihm der Friede seines Hauses und die Ruhe seines geliebten Weibes, Er kaufte also kurz nach Jomtof ein Lotterielos, und was soll ich Euch länger damit aufhalten, nach drei Wochen war es wirklich mit dem höchsten Treffer herausgekommen. Reb Itzig und seine Frau wurden reiche Leute, aber niemand außer dem Rabbiner hat von der ganzen Geschichte etwas erfahren, Sie zogen einige Monate später unter denselben ärmlichen Verhältnissen aus dem Dorfe fort in eine entfernte große Stadt. Reb Itzig, der kaum seinen Namen schreiben konnte, studierte das großstädtische Geschäftsleben, und sein reger Geist und praktischer Sinn fanden dort bald Mittel und Wege, das gewonnene Geld geschäftlich anzulegen. Er lebt heute noch mit seiner Familie und seinen längst verheirateten Kindern in dieser Stadt und hat sich

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