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Der Israelit · 1938-09-29 · Heft 39 (29.9.1938) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 39 (29.9.1938)
Date
1938-09-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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^^S^^^^^P^B^^^^^^B^J^^^^^ä^^^^^R^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^S w Feüillißton- Beilage Der Israelit Nummer 39 1938 Sein Gebet. (Schluß.) Prochorow würde sich dann nicht mehr sinnlos betrinken und die Fensterscheiben der Juden, seiner Brotgeber, einschlagen. Die wenigen Beamten und Offiziere des Städtchens würden nicht mehr zu ihm sagen: ,,Leibke, Jud, fahr mich da oder dorthin!", sie würden ihn nicht mit Hundon vom Hofe jagen lassen, wenn er seinen ehrlich verdienten Lohn holen' will . . . Höflich würden sie seine angebotenen Dienste annehmen und dann sagen: „Leibe, bist ein ehrlicher Mann, sorgst treulich für Weib und Kind, sollst auch darum doppelten Lohn haben, ist besser angebracht als für Spiel und Gelage . . ." Und die Polizei würde auf Recht und Sitte halten und ihn, Leibe, vor Ueberf allen. rauf lustiger Bauern schützen, die zuchtlosen Straßenjungen zurechtweisen, die seine arme Stute plagen und mit Steinen bewerfen. Ja, ob es noch überhaupt rauflustige Bauern und zuchtlose Straßenjungen geben werde? Ob sie nicht alle, ja alle, selbst der Trunkenbold Prochorow, wie er, stehen werden und in Demut beten zu Ihm, dem G'tte Israels . . . Welch herrlicher, unfaßbar großer Gedanke,' . Da schieicht sich etwas wie Eifersucht in des Fuhrmanns Herz. Er möchte ihnen so viel Glück gar nicht gönnen: sie verdienen es, wie sie jetzt sind, wirklich nicht. Denn im Grunde ist es doch, was ihn bei allen Plagen und bittern Kämpfen erhebt und aufrecht erhält, der Gedanke, daß er anders, so ganz anders ist wie sie . . . Bauern mißhandeln ihn, Polizisten drangsalieren ihn, Straßenjungen plagen ihn und hohe Herren behandeln ihn wie einen Hund . . . Was will dies alles bedeuten? Wenn er bedenkt, daß alle diese Menschen doch eigentlich nur dieses eine Leben, diese eine Welt haben, während er, ein ganz anderes Leben hat, das mit dem auf der Straße nichts gemein hat . . . Was weiß Prochorow von einer Stunde beim En Jaakow-Schiur auf der warmen Ofenbank im Beshamidrasch? Welchen Begriff hat er von seinem Freitagabend, da er, der geplagte Fuhrmann, wie ein Fürst in seinem hellerleuchteten Familienhause sitzt, am reichen Mahle, das gewürzt ist durch den hellen Kindergesang; von einem Sabbatnachmittag, da er nach erquickendem Schlaf mit den Jungen den Wochenabschnitt durchnimmt? Was wissen die da draußen von jüdischer Srmcho, von einem jüdischen Feiertage? Wird doch selbst das neue Jahr ganz anders empfangen. Neujahr, Roschhaschana und lärmendes Trinkgelage! Der Gedanke scheint ihm so unfaßbar, daß er fast lachen möchte, würde er nicht andererseits etwas wie Mitleid mit diesen armen Menschen empfinden, die nichts, so gar nichts von der Welt haben . . . Das Flüstern, Brummen, Surren und Summen hört auf. Die Herzen haben sich erleichtert und eine beruhigende Ermüdung tritt ein. Dann intoniert der Vorbeter, erst feierlich gehoben, dann freudig jubilierend, das Kiddusch-Gebet. „Gelobt unser G'U, der uns auserwählt hat von allen "Völkern, uns erhoben von allen Zungen und uns geheiligt durch seine Gebote; uns in Liebe Feste eingesetzt hat . . Leibe greift sich an den Kopf. Er hat nicht andächtig gebetet und sich von unreinen Gedanken ablenken lassen. Was hatten auch die Polizisten und Prochorow i die Bauern und Straßenjungen mit seinem Gebete zu tun? Wollten ihm die bösen Geister und Ankläger -auch heute keine Ru3ie lassen? Mußten sie, die Versucher, auch am heiligen . Roschhaschana ihm in den Weg treten und ihn in seiner Andacht stören? Und doch, muß er wieder denken, verdienen diese Menschen, von Prochorow bis zum höchsten Natschalink, die so arm an wahrem Glück und echter Freude sind, die doch so wenig, so wenig vom Leben haben , . , unser Mitleid. Ein Jude darf nicht eigennützig und selbstsüchtig sein und muß auch anderen von seinem Glücke etwas gönnen. Auch er, Leibe, will heute für sie, seine unglücklichen Feinde, inbrünstig beten: „Meloch al kol hoaulom ... Regiere, o G'tt, die ganze Welt---daß erkenne jedes Geschöpf, daß Du es geschaffen hast, begreife jedes Gebilde, daß Du es gebildet hast und alles, was Odem hat, sage und bekenne! G'tt, der G'tt Israels, ist König und sein Reich erstreckt sich über alles ..." Gedankensplitter. Von Rabbiner Dr. Neuhaus in Frankfurt a. M. naffö und n»wa haben dieselben Buchstaben. Soll heißen: das „Lernen" ist die „Seele" des Judentums. * * * „Awoda" bedeutet „G'ttesdienst" und „Arbeit*. Unsere Arbeit, unser Wirken sollen ein G'ttesdienst sein, geweiht dem Schöpfer des Alls. * * * nb->ST) nVr rmw J'R Selbst unser Sprechen soll wie ein Gebet sein. Es ist nur ein Zufall, daß das Wort iw umgekehrt wia ergibt, ebenso nawn umgekehrt fician Erfordernis jüdischer Lebensführung ist, daß der wahren Umkehr Scham und Reue vorangehen müssen. Wer Anderen vergibt, vergibt sich nicht, Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit, die drei leitenden Momente der Jomim Noraim sind bereits wiedergegeben im 2. Perek der Sprüche der Väter. „Betrachte drei Dinge und du kommst nicht zur Sünde, wisse, daß über dir ein sehendes Auge, ein hörendes Ohr ist und all deine Taten im Buche verzeichnet werden." Das will sagen.' Ueber uns ist ein Auge, welches deine Umkehr sieht, ein Ohr, welches dein Gebet hört, eine Hand, welche deine guten Taten einschreibt. Wer sagt, er habe ke i n e Fehler, begeht den größten Fehler. an heißt „viel" und „Lehrer"; der Lehr meister soll auch ein Mehrleister sein. Rosehhaschana ein Mark stein der Vergangenheit; ein Merk stein der Zukunft. Es gibt keine schönere Uebersetzung der Worte aus dem Psalm 8: 'Wi inionni rnpan ot« p u-orn 'a s?ijn na als die des Dichters PI a t e n; „Daß du ein Mensch bist, der Gedanke beuge das Haupt dir; daß du aber ein Mensch bist, der Gedanke hebe dich freudig empor." „Ich werde nicht sterben, sondern leben und künden die Taten G'ttes." Nach Hirschs Psalmenkommentar bezieht sich dieser Satz auf das Volk Israel und seine Unsterblichkeit. Wenn man ihn aber auf den Einzelmenschen bezieht, so versteht man nicht recht, wie dieser sagen kann, er werde nicht sterben. Allein, wir sagen n»a atipr? w und so bedeutet der Satz: Ein Armer möchte ich nicht sein, der gleichsam tot ist, sondern leben will ich, und zwar s o , daß ich die Taten G'ttes künden kann, dai3 ich mit Hab und Gut tätig sein kann für Haschemnans und ms haben denselben Zahlenwert 13. Will das nicht besagen, daß der Einzige ein G'tt der Liebe und des Erbarmens ist? naa und haben denselben Zahlenwert 32. Bedeutet das' nicht, daß bei uns nur der Ehre beanspruchen darf, der ein gutes Herz hat? * * Die Welt sagt oft: Lerne weise, das Leben zeitig zu genießen. Die Jomim Niuraim sagen: Lerne zeitig, das Leben weise, zu genießen. Buche rbespr echungen. Die Memorbücher der jüdischen Gemeinde in Bayern. Von Rabb. Dr. M. Weinberg. Zweite Lieferung. S. Neumann. Jüdischer Buchverlag. Frankfurt a, M. Rabbiner Dr. M. Weinberg hat sich schon in früheren Jahren durch seine vortrefflichen Veröffentlichungen in den „Jahrbüchern der Jüdischliterarischen Gesellschaft" als Forscher der alten Memarhiieher große Verdienste erworben. Heute, da viele Gemeinden vom Auflösungsprozeß ergriffen' werden, kommt diesen Veröffentlichungen erhöhte Bedeutung zu. Man begeht einen Akt von "iTHS erp-a» in geistigem. Sinne, wenn man, wie es Weinberg in diesem Buche tut, Protokolle, Dokumente, Memorbücher in so übersichtlicher Weise registriert. Aus einigen Wiedergaben sieht man, daß auch kleine Gemeinden, wie etwa Kleinsteinach, große Listen von heiligen Märtyrern in ihren Annalen aufzuweisen haben. Die wiedergegebenen Zeichnungen der Titelblätter der Memorbücher zeigen, mit welcher Liebe man in den früheren alten Gemeinden die. heilige Kleinkunst gepflegt hat. Manche Eintragungen sind eine Fundgrube für den Historiker. Es sind nicht lauter Ehrenzeugnisse, so finden wir zum Exempel eine Einzeichnung, in der ein Vorbeter und Schochet seine Gemeinde anklagt, daß sie ihn unwürdig behandelt hätte. Wir wollen dem verehrten Autor aus vollem Herzen wünschen, daß es ihm gegönnt sei, dieses Werk der Sammlung von Dokumenten aus verklungenen jüdischen Zeiten bis zu Ende fortzusetzen. —tz. Bücher für die jüdische Jugend. B"m nMn nennt sich die methodische Einführung in das Hebräische von M. Abraham, Berlin und J. B. Levy, Frankfurt a. M. (Verlag von M. Lehrberger, Jüdischer Buchverlag, Frankfurt a. M-). Uebungsstücke und Lektüre sind gut gewählt und der methodische Aufbau zeugt von den dahinterstehenden Pädagogen, Es war ein guter Gedanke, einen Jerusalemer Hebräisten (Dr. Borodianski) zur Mitarbeit heranzuziehen, so daß, im Gegensatze zu früheren Ausgaben, ein lebendiger hebräischer Zug durch das Ganze geht. * * Der bekannte Pädagoge des jüdischen Ostens, J. L. 0 r 1 e a n, Direktor des B, J,-Seminars in Krakau veröffentlicht den zweiten Teil seines Lehrbuches „Jüdisches Leben" (Beth Jakow-Zentrale Krakau). In klaren lichtvollen Schüderungen zieht das ganze jüdische Jahr vor dem Auge des Kindes vorüber, mit all seinen gehobenen Momenten. Unaufdringliche Mussarkapitelchen dringen ins Gemüt. Dazwischen wird den Kindern (im zweiten Schuljahre) in anmu-" tiger Form die Kenntnis einiger religiöser Grundgesetze vermittelt. In jiddischer Sprache gehalten, bietet das Schulbuch auch jüdischen Pädagogen des Westens wertvolle Anregungen für ihr Metier. Die Psalmen. In neuer deutscher Uebersetzung. Herausgegeben von Rabb. Dr. Bernhard Königsberger in Berlin. I. Kauffmaöö, Jüdischer Buchverlag und Buchvertrieb. Wir haben gewiß keinen Mangel an Uebersetzungen der Psalmen, an Erläuterungen und Kommenatren. Es tut aber wohl* einmal eine Uebersetzung in die Hand zu bekommen, die ungekünstelt, einfach und doch erschöpfend Wort, Gedanken und Sinn der davidischen Lieder wiedergibt. Die Uebersetzung hält sich fern von jenen zweifelhaften Nachdichtungen, die, so tief empfunden sie bisweilen sein mögen, gar zu oft fremde Inhalte in das altgeheiligte Gefäß hineintun. Durch die genaue Angabe von Kapitel und Vers wird dem Lesenden und Lernenden erleichtert, den Urtext an Hand dieser Uebersetzung nachzulesen. So eignet sich diese Tehillim-Uebersetzung auch bestens zu Schulzwecken, besonders für höhere Altersstufen. Was die Titel der einzelnen Psalmen betrifft, so mögen sie teilweise sehr strittig sein. Ob nsjnb mit „Musikbegleitung", >*a<?» mit „Kunstgedicht", O'Wie? mit „Klarinette" richtig wiedergegeben ist, möchten wir ein wenig bezweifeln. Wir verweisen dabei auf die sehr instruktive Arbeit von Rabb. Dr. E. Baß in SIezka über die Psalm- Überschriften in Nr. 28 vom 14. Juli ds, Js. des „Israelit". Durch,- Ausstattung und Einband zeugen, wie es Tradition dieses. Verlages ist, von großer Sorgfalt.

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