Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1938)
- Date
- 1938-09-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451050--83989-2542029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
.Seite -A Nr. 39 Der Israelit 29. Sfeptember 1938 für menschliche Kraft hoffnungslosesten Augenblick geschah. Damit diese Tatsache nicht aus dem Gedächtnis schwinde, gedenkt ihrer die Tefillah des Juden Tag für Tag. Ist aber die Situation des jüdischen Volkes heute nicht im höchsten Maße verzweiflungsvoll und für menschliche Kraft hoffnungslos? * Für lange Zeiträum© schwersten, dunkelsten Galuthgeschickes sei sich heute zu rüsten? . . . Heißt dies: Bei zwei Jahrtausenden Galuth kommt es auf einige hundert Jahre mehr nicht an? Zwischen den vergangenen zwei Jahrtausenden und jedem Tag Galuth heute weiter ist so wenig Vergleich zu ziehen als zwischen den zwei Jahrhunderten des Galuth Mizrajim und jedem Tag seinem Ende zu. Wie am Ende des Galuth Mizrajim die Kraft des Widerstehens im Schwinden war, so auch heute. Noch vor fünfzig Jahren wirkten Verflachung und Abfall an der Peripherie; das Gros des Vol kes, nämlich die damals in Struktur, Sprache und bewußter Basierung auf den Vätertraditionen einheitliche osteuropäische Judenheit bildete noch einen festen Kitt. Inzwischen haben sich auch bei diesem Zentrum durch umwälzende Ereignisse Veränderüngen einschneidenster Bedeutung vollzogen. Aus dem einen Staat sind ein halbes Dutzend Staaten mit verschiedenartigen Sprachen geworden. Die Einheit ist zerrissen. In dem einen der jetzigen Staaten, Sowjet-Rußland, wird jegliche Religion, also auch die jüdische, ausgerottet. In Polen sind größere jüdische Kreise in der Entfremdung von der Weise ihrer Vorfahren begriffen: Mag vielleicht in Litauen, Lettland usw. die Situation günstiger sein, so sind doch auch hier schon durch die Abtrennung von der jüdischen Masse für eine gesunde jüdische' Zukunft neue Gefahren entstanden. Jedenfalls liegt heute das zahlenmäßige Zentrum des jüdischen Volkes in Nordamerika. Von den dortigen mehr als vier Millionen Seelen hütet höchstens ein Zehntel den Sabbat usw. gegen neun Zehntel in dem Osteuropa vor fünfzig Jahren. In der Geschichte des Galuth gab es trotz Katastrophen stets wieder Erhaltung und Aufbau, weil das traditionelle jüdische Leben sich rettete. Doch jetzt? Nur auf Erhaltung von Bruchteilen als wirklich Thoratreue darf im Galuth gerechnet werden. Selbstverständlich muß jeder Thoratreue, der vor G'ttes Richterthron bestehen will, sein Bestes für den Thora-Zibbur geben, — und Agudas Jisroel bietet einem jeden ein Betätigungsfeld. Selbstverständlich muß die Arbeit im Galuth so geschehen, als sei sib für lange Zeiträume. ' . Aber die Aussicht auf Erfolg war während des Galuth nie so schwer, als heute in einer Welt sich überstürzender Ereignisse; vertausendfachter Eindrücke, die auf Jung und Alt einstürmen. Wer darum sich seine jüdische Seele schützen will, darf nie den Gedanken schwinden lassen: „Haschern möge ihn von Ziori; aus segnen und ihn begnaden, alle Tage seines Lebens das Gute von Jeruscholajim zu sehen." Mit dieser Tefillah schließt jeder Tag._Erez Israel bedeutet greifbarste Gegenwart und glühendste Sehnsucht. Nur mit diesem wachen Bewußtsein läßt sich Israels große Vergangenheit mit Israels Zukunft verbinden. (Der „Traum einer nahen Erlösung" hatte sich an dem Vertrauen auf menschli c h e , politisch-diplomatische Mittel entzündet — das waizm iVipl DK üvri ist gewiß kein Traum. Red.). Korrespondenzen. Deutsches Reich. Warnung des Hilfsvereins. Berlin, 23, Sept. . Der Vorstand des Hilfsvereins der Juden in Deutschland sieht sich zu folgender Warnung gezwungen; Der außerordentlich starke Auswanderungsdrang und die zur Zeit beschränkten Einwanderngsmöglichkeiten haben in steigendem Maße dazu geführt, daß von geschäftlich interessierter Seite Wege gewiesen werden, von denen es zum mindesten zweifelhaft ist, ob sie zu einem dauernden Aufenthalt im Einwanderungslande führen. Ueberdies werden für den Nachweis solcher Wege häufig Beträge gefordert^ die weder durch die aufgewandte Mühe, noch durch den Wert -der Gegenleistung für den Auswanderer gerechtfertigt sind. Es liegt deshalb im dringendsten Interesse jedes Auswanderers, vor Eingehung irgend welcher geschäftlicher Verpflichtungen die zuständigen Beratungsstellen des Hilfsvereins aufzusuchen. Hierdurch wird sowohl dem Interesse des einzelnen Auswanderers selbst; gedient, wie auch der Erhaltung einer möglichst großen jüdischen Gesamtauswanderung auf lange . Sicht. Pflichten der ausscheidenden jüdischen Kassenärzte. ■ ■■ Berlin," 23. Sept. Die Kassenärztliche Vereinigung. , Deutschlands, Landesstelle Berlin, weist, nach der „C. V.-Zeitung", darauf hin, daß diejenigen jüdischen Kassenärzte, denen nach dem 30. September 1938 die Ausübung des Aerzteberufs nicht mehr gestattet ist, die zu diesem Zeitpunkt noch vorhandenen Bestände an Sprechstundenbedarfsartikeln mit. den heiden Nummernstempeln und den Rezeptvordrucken usw. unverzüglich zurückzugeben haben. Die Rückgabe hat durch Uebersendung oder, Ablieferung bei der Geschäftsstelle des Verbandes der Krankenkassen im Bezirk des Oberversicherungsamtes Berlin, Berlin SO 16, Rungestr. 3—6 III, Zimmer 324, werktäglich xn der Zeit von 8—13 Uhr, unter Beifügung einer Aufstellung in doppelter Ausfertigung zu erfolgen. Der Einfachheit halben können für die Aufstellung, die. in Händen der jüdischen Aerzte befindlichen Bestellscheine zur Anforderung von Sprechstundenbedarf benutzt werden. Die Rückgabe ist unverzüglich nach dem 30. September 1938 vorzunehmen. Für diejenigen jüdischen Aerzte, denen für die Zeit nach dem 30. September 1938 die Ausübung des Aerzteberufs gestattet ist, werden neue, von 'der bisherigen Form abweichende Nummernstempel ausgegeben. Die zur Zeit von diesen Aerzten benutzten- Numernstempel verlieren mit dem 30. September 1933 ihre Gültigkeit und sind unverzüglich ebenfalls an die Geschäftsstelle des Verbandes der Krankenkassen im Bezirk des Oberversicherungsamts Berlin zurückzugeben. Die neuen Stempel können vom 26. September 1938 an bei der Abteilung Arztregister der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands, Landesstelle Berlin, Berlin W 35, Woyrschstr. 33, gegen Quittung abgeholt werden. Ab 1. Oktober 1938,dürfen nur noch die neuen Stempel verwendet werden. Sämtliche Verordnungsblätter, Krankenscheine und sonstigen Formulare sind mit dem Stempelaufdruck zu versehen. Diese Aerzte sind von der Rückgabepflicht der Sprechstundenbedarfsartikel, Rezeptvordrucke usw. ausgenommen. Soweit nichtjüdische Kassenpatienten noch bis zum 30. September 1938 bei einem jüdischen Arzt in Behandlung stehen und eine weitere ärztliche Behandlung nach dem 30. September 1938 notwendig ist, müssen sich die in Betracht kommenden Patienten einen neuen Krankenschein bei der für sie zuständigen Krankenkasse besorgen. f ~~~~~~ Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde, Berlin, 25. Sept. Der Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland teilt mit: Laut behördlicher Anordnung sind künstlerische Veranstaltungen der Jüdischen Winterhilfe genau wie alle anderen künstlerischen Veranstaltungen beim Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland zwecks Einholung der behördlichen. Genehmigung drei Wochen vor dem Veranstaltungstermin mit genauem Programm, Mitwirkenden usw. anzumelden. r l>av*v,r bwmm^ Der Hüter Israels. * Von B. Cohen. An dieser schicksalsschweren Jahreswende rufen wir mit noch innigerer Andacht als in früheren Jahsen . in der Morgenirühe unseren Notruf zum to Vk-iw. Auch in Gemeinden, die ftrrcp "isw nur als Fasttagsgebet kannten, ist es nun tägliches Gebet geworden. Das nötigt uns, den Sinn dieses dreifachen Notrufes zu erforschen. Wir bezeichnen in diesem Gebete bs*iE7' als ein piM 717« »«• — Wir kennen sonst unseren Namen ^.mi" als den höchsten Ehrentitel, der uns gegeben werden konnte. Oft ist in der Thora^-das Wort „Benei-Israel" geradezu als Gegensatz zu tnvr\ zur jüdischen Oeffentlichkeit zu finden, als Benennung der Edelsten im Volke; so am Anfang des zwanzigsten Kapitels von Wajikra. Im Gebete '"W bezeichnen wir uns als r-p*isiB- Ueberrest dieser Elite. Diesem Ueberreste erflehen wir die Möglichkeit des Ueberbleibens dafür, daß er täglich' haw »»» spricht. Das läßt uns_ an die Worte denken, mit denen unsere Weisen die Worte des «*7»nV» nitin (Dewarim 20, 3) erläutern: Selbst wenn wir kein itot haben als das des täglichen »»»-Lesens, 'werden wir aas unseren Kämpfen erlöst; aus Gefahren .und Krieg.; Wir neigen in ruhiger Zeit leicht dazu, den hohen Wert der täg- 1 ich e H Mizwoth zu ürirVrschätzen. Die Zeiten, in denen es im ganzen Menschenleben nichts Tägliches und nichts Festes gibt, lehrten uns den Wert der täglichen und ständgien Mizwoth als ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht aufs Neue erkennen und schätzen. Und ganz gewiß denen, die lange Zeit aus dieser Regelmäßigkeit der Mizwoth herausgerissen waren. Unsere erste Bitte meint also: Hüter '-ymw- Hüte den Rest derer, die nicht in den verwirrenden Strömungen der Zeit ihre regelmäßigen Mizwoth aufgegeben hatten, damit dieser Stamm nicht schwinde, sondern weiterhin seine regelmäßigen G'ttesdienste obliege! Und hier ist der Ehrenname Vm»' „Kämpfer G'ttes" angewandt, weil erster gerade dieser Name uns als diejenigen kennzeichnet, die nicht bezahlte Beter, sondern freiwillige Ueberwinder aller Versuchungen sind, — und weil außerdem dieser Name, der Name unseres Erzvaters, zugleich ein Bekenntnis ist: Höre, Vater Jakob, wir sind deinem G'tt treu geblieben! — Obgleich nun; unser höchster Ehrenname ist, bitten wir danach noch um Errettung als ,Tnx 'i> einziges Volk, das täglich G'ttes Einzigkeit preist. enrpan- Wir wurden das erste Mal ' "»n« m das unvergleichliche Volk benannt, als (II. Sam. 7, 23) unserem Könige David die Fortdauer seines Königtums verheißen, aber ihm : selber die Errichtung des Tempels versagt wurde. Die W.orte bvhb1* •>» pKa,nriK 'U stellen als.o den Dank für alle in die Zukunft weisenden Verheißungen dar. Unwillkürli6h; stellt David mit diesen "Worten sjch selber da?>- Zeugnis der Unvergleichlichkeit aus,' zugleich aber -"ist in diesen Worten ^unserem ganzen Volke bezeugt:' ^MHP' ,ist das Volk, das auf lange Sicht rechnet. Auch; Generationen, die sich selber aller Zukunftshoffrm^g beraubt sehen, werden an unserer ewigen Besttürmung nicht irr; so das Geschlecht der Wüste, so David, so wir. Deshalb eben konnten wir das-Volk werden, das "G'ttes Einzigkeit täglich verkündet. Und so können wir, wie als vor unseren Erzvätern, so als in« "«u vor unseren Nachkommen uns verantworten und dürfen bitten, daß uns dieser Rest unseres Hoffens nicht geraubt werde. Am Sinai schon wurden wir ermahnt, ein "A tpnp. zu werden, ein priesierlich heiliges Volk,, das Detreffs des G'ttesgehorsams keine Standesünterßchied? kennt, — keine Teilung in heilige" und'" unheilige Kaste, -— das Volk, in welchem keine Volksklasse der anderen gegenüber sagen kann: Ihr seid die Männer des Lebens, wir die des Heiligtums. Sondern wir sind das Volk des iov>v>. und desr.pVat zur gleichen Zeit. Wirsehen imi Handwerker, der in der Werkstatt, im Kaufmann, der in seinem Handel den Geboten des Allgütigeri folgt, den Bruder und Mitarbeiter des Kohen am Altar und des Forschers in der Thora. Deshalb will uns auch eine Jüdischkeit nicht echt erscheinen, die nur von Alten und Kranken gelebt wird und; im Leben des Berufstätigen nicht zur Geltung kommt. Wir bitten aber in diesem - Jahre mit ganz besonders inniger Andacht um die Erhaltung des «mp '»U imsp.: denn nur ein kleiner Ueberrest . der Juden der überseeischen Länder, zu denen wir unsere Hoffnung erheben, weiß hoch .vun einer Jüdischkeit mitten im Berufslehen;., die Meisten hegen nur vor der Jüdischkeit Respekt,, die von den Alten und v Untätigen erfüllt ,wird. Ja, sie .sprechen der religionsgesetzlichen Gewissenhaftigi'keit Jüngerer gern unedle Motive», zu. In ein so, gejfahrvölles Milieu müssen viele von uns ihre Kinder senden. Darum schreit unser.; Herz: ,,0.. Herr, hüte den Rest des »np'm: das täglich das dreifache »Hpspricht!'.': Dehn .> dieses '.dreifache ' ^f»? ..(ftene Hirsch zu sai) ist ja keine Erhebung G ttes