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Der Israelit · 1938-09-22 · Heft 38 (22.9.1938) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 38 (22.9.1938)
Date
1938-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit Ein Centraiorgan für da» orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mains Frankfurt a. M. 22. September 1938 26. Ellul 5698 Nummer 38 im Wandel der leiten. Unsere Feste sind so wenig einem Wandel unterworfen, wie das g'ttliche Gesetz, aus dem sie geboren sind. Aber sieht man sich die Liturgie unserer ,.Hohen Tage" an, so drängt sich uns der Wandel in der Art, wie sie empfunden und gefeiert wurden, dennoch auf. Ö^IOU CPa' ,.Tage von furchtbarem Ernst" waren diese Feste immer schon, Tage des Gerichtes, Tage des Gedenkens, Tage der Schicksalsgestalturig für den Einzelnen und die Gemeinschaft, aber sie hatten in alten Zeiten nichts vom grauen Düster, das ihnen später das Galuth aufdrückte. „Die Menschen", so lautet eine talmudische Sentenz, „hüllen sich in schwarze Trauerkleider, wenn sie bangen Herzens vor dem Gerichte erscheinen, wir aber stehen am Tage des Gerichtes in weißen Kleidern, frohen Herzens, vor dem g'ttlichen Richterthron." „Mit Trompeten und Posaunen jubelt vor dem König!" Das ist ungefähr der Grundton des Rosch Haschana, Die klassischen Gebete des Machsor, ob "pns ]n )D11 oder die zum Mussafgebete, gehörenden Psalmhymnen, alle atmen sie Freude, Vertrauen, unerschütterliche Welthoffnung. Auch die ersten P a i t a n i m, von Elasar hakalir bis zu den Kalonymiden, haben in Hymnen G'ttes Ruhm besungen, aber kerne Klagelieder angestimmt. Das haben erst die späteren Gebetdichter mit ihren Slichaus getan. Selbst unser Jomkippur zeigt, wie uns in der bekannten Mischna am Schlüsse des Traktates Taanith berichtet wird, in seiner Frühzeit viele der frohen Momente, die uns Heutigen beinahe unbegreiflich erscheinen, und zwischendurch klingen heute noch mit munteren Gebeten und Weisen die freudigen Töne von dazumal in den düsteren Ernst des Galuth-Jomkippur hinein, Es gehört freilich jener vielberühmte undunverwüstliche jüdische Optimismus dazu, in einer Welt, wie sie heute aussieht, von einem „Bunde um den Willen G'ttes" zu träumen, heute von 1133 und nnaw zu sprechen« Aber wir bringen diesen Opimismus auf. Denn unsere Gebete sind nicht aus dem Tage und seinen kleinen Sorgen geboren. Es haftet ihnen C:m Ewigkeitshauch an, 4er sie überzeitlich wacht. Wir denken und beten an den heiligen Tagen in großen Kategorien. Aus glorreicher Vergangenheit ragen sie, diese Gebete, in eine ferne Zukunft, und dazwischen steht unsere kleine Gegenwart, ein kleines Glied nur in der Kette, gehalten und getragen von Vergangenheit und Zukunft. Wann der erste trübe Ton erklungen ist, um die heitere Weihe ^unserer Feste zu umdüsi-ern, läßt sich historisch genau bestimmen. Als erstes Glied iri der Perlenkette der Tränengebete steht das rpll TOT des Rabbenu Gerschom, der „Leuchte der Diaspora" (geb. 960 zu Metz und 1040 in Mainz gestorben). Gerschom ben Jehuda, die größte judische Autorität im frühen Mittelalter, bekannt durch seine „Takonoth", die bis auf den heutigen Tag im gesamten abendländischen Judentum ihre Gültigkeit haben, mußte in seinen alten Tagen viel persönliches Leid erfahren. Eine Verfolgung zu Anfang des 11. Jahrhunderts, wohl die erste Judenverfolgung .' in der unter den Karolingern so ruhig ablaufenden j'üdischen Geschichte des Abendlandes, zielte in der Hauptsache auf die Zwangstaufe unter den Juden ab. Rabbenu Gerschoms Sohn wurde mit vielen Anderen zur Taufe, richtiger zum Marannentum gezwungen. Wohl gelang es bald den Männern jener Zeit unter Führung von Rabbi Schimeon hagadol, das Verhängnis abzuwenden und die abgedrängten Söhne in des Vaters Haus zurückzubringen. Für Rabbenu Gerschom kam die Erlösung zu spät, denn der Sohn war inzwischen gestorben und er wurde in fremder Erde unter fremden Bräuchen beigesetzt. Der Rabbi hatte den Sohn zweimal verloren und hielt doppelte Trauer, vierzehn Tage lang. Dann sang et sein pnS< M'pStt firm« n^3 113T> worin er von der „Akedath Izchak" spricht, aber an die vielen Akedoth seiner Zeit, seine eigene Akeda denkt. Ohne daß der Fall in dieser Trauerhymne behandelt wird, dringt doch die Vaterklage aus jeder Strophe, aus jedem Satz heraus, vergoldet durch die verbürgte Gewißheit, daß eines Tages, in Erinnerung an die erste Akeda, alle Abgekehrten und Abgedrängten „in Jakobs Zelte zurückkehr e n." Seitdem ist die Opferung Isaaks das Hauptmotiv fast aller Slichoth-Gebete. Abraham, so schildert Midrasch, wollte nach dem zweiten Anruf G'ttes den Altar nicht verlassen, das Messer nicht eher aus der Hand legen, als Dis ihm das* Versprechen geworden war, daß auch seinen Kindern später, wenn sie im Dickicht der Leiden 1303 um Hilfe schreien, der rettende Engel erscheint. Die Biiie wurde ihm gewährt und mit g'ttlichem Schwur bestätigt ^2^2 '3. Seitdem berufen wir uns auf diese Akeda und denken an alle Akedoth in der Geschichte, bis auf den heutigen Tag. Unser Machsor bekam ein neues Motiv. Und vollends am Tage der Versöhnung kamen die Slichoth, die ergreifenden Dokumente aus dem Galuthleid des Mittelalters, Platten, die die Tränen und Seufzer unserer Väter und Mütter aufgenommen haben, zu den heiterfrommen Gebeten und Gesängen hinzu. Nach dem Zeitalter Rabbenu Gerschoms kam es dann Schlag auf Schlag. Die Kreuzzüge zu Ausgang des 11. und 12. Jahrhunderts, die schweren Stürme zur Zeit von Rabbi Meier von Rothenburg, fünfzig Jahre später die Metzeleien .unter Anschuldigung der Brunnenvergiftung. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland war um 1400 dezimiert und zersplittert wie nie zuvor. Die letzten Reste mußten nach diesen furchtbaren Niederschlägen neu gesammelt und geeint werden. Und sie landen ihren Sammler und Führer in Rabbi Jakob Mölln, genannt „Mahäril", in Mainz. Er vollbrachte sein Sammelwerk mit Wort und Weise, Lehre und Lied, Minhag und Melodie. Maharil wurde zum Regenerator des Minhag und Nigun. Die meisten herrlichen Weisen, auch die - Lieder ohne Worte, wie sie bis auf den heutigen Tag besonders an den heiligen Tagen auf dem gesamten Erdenrund, wo Juden leben und beten, gesungen werden, gehen auf diesen Mainzer Rabbi zurück. Er ist Kommentator und Organisator auch in Tönen. Er, der große Rabbi und G'ttessänger, von dem die Zeitgenossen sagten, daß er unaussprechlich tiefe kabbalistische Geheimnisse mit Melodien ohne Worte aus Urtiefen hervorholte, dessen roVö l^aN" Gebete, so registrieren die Chronisten, die Heeresscharen Wenzels, die gelobt hatten, auf ihrem letzten Feldzug kein jüdisches Haus zu verschonen, besiegten, kannte die Kraft des Gebetes, wenn es auf den Schwingen des inbrünstigen einheitlichen Gesänge s zu G'tt emporsteigt. Aber in den Aufzeichnungen, mit denen die Schüler ihrem Meister ein liebevolles Denkmal gesetzt haben, befinden sich auch Ermahnungen, die heute noch um kein Jota ihre Aktualität verloren haben, Mussar- und Moralreden, die die Not der Zeit widerspiegeln, aber auch die Quellen der g'ttlichen Hilfe aufsprudeln lassen. In den dreihundert Jahren zwischen den beiden „großen Mainzern". Rabbi Gerschom .und Rabbi Jakob, waren neue erschütternde Slichoth hinzugekommen, die wir unserem Machsor liebevoll eingereiht haben. Und es kamen in der Folge noch viel mehr hinzu. Der Chassidismus zu Beginn des 18. Jahrhunderts freilich gab den ernsten Tagen, bei aller hingebungsvollen Inbrunst, die die chassidischen Gebete auszeichnet, aus der Tiefe seiner heiteren Weltanschauung heraus die g'ttfrohe Note von ehedem zurück. Gesänge, Aussprüche, Gleichnisse aus der chassidischen Welt atmen fast so viel heitere Freude, so viel Vertrauen und Welthoffnung, wie die ältesten klassischen Gebete unserer Machsor. Fortsetzung siehe Seite 3.

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