Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1938-09-08 · Heft 36 (8.9.1938) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 36 (8.9.1938)
Date
1938-09-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2451012-2451047--83952-2541989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 120 Der Ersatz- Am Rosch-Chaudesch EUul ereignete sich das Unvermutete, daß nämlich die bewährte, durch 20 Jahre in. mustergültiger Weise ausgeübte Kunst des Schofarblasens Jakob Eisingers, des Wochentagsvorbeters, plötzlich versagte So sehr er sich auch anstrengte, es wollte durchaus nicht gelingen. Nur einzelne abgerissene und krächzende Töne konnte er dem Schofar entlocken. Nun, man konnte einigermaßen noch vom Glück sprechen, daß dieses betrübsame Ereignis rechtzeitig genug gemerkt wurde, um an eine irgendwie mögliche Abhilfe zu denken. Denn es wäre gar nicht auszudenken, wenn sich ein derartiges Versagen am Roschhaschono selbst zugetragen hätte. Der ganze hochheilige Ernst eines solchen Tages ist dahin, wenn alles in andachtsvoller Stimmung sich anschickt, den aufrüttelnden und zur Umkehr mahnenden Tönen zu lauschen, und statt derselben trotz gewaltigen Pustens und Stoßens nur ein jämmerlicher Mißton dem Widderhorn entpreßt wird. Doch, was man im ersten Augenblick des Vorfalls als ein großes Unglück angesehen hatte, erwies sich nachträglich nicht ganz so schlimmer Natur, da sich nämlich herausstellte, daß die Ursache, weshalb Eisinger den Schofar nicht mehr w:.e früher zu meistern imstande sei, nicht etwa im Nachlassen der körperlichen Kräfte zu suchen war — nein, er fühlte GsD, noch nichts von irgendwelchen Beschwerden des Alters, — konnte doch sein Magen unberufen bei einer Chasne- oder Barmizwoh-Sudoh die größten Mengen in sich aufnehmen — sondern in dem ganz natürlichen Umstände, daß kurz zuvor seine beiden Vorderzähne, die schon lange gewackelt hatten, endlich herausgefallen waren. Und ohne Vorderzähne, das mußte selbst ein Nichtfachmann einsehen, konnte doch unmöglich der schöne und zu Herzen gehende Klang der Töne erzielt werden, die hervorzubringen nun einmal jeder halbwegs gewissenhafte Schofarbläser den Ehrgeiz besitzt. Nun für Zähne läßt sich ja glücklicherweise leicht ein Ersatz finden. Jedoch, wer sollte die Kosten für die Neuanschaffung der Zähne tragen? Jakob Eisinger ließ die Gemeinde nicht im Zweifel, daß er nicht daran denke, auch nur einen Pfennig für die Instandsetzung seines Gebisses zu opfern. Wenn jedoch die Gemeinde Wert darauf lege, ihren alten und bewährten Schofarbläser, Jakob Eisinger, am Jomtof zu hören, so müsse sie auch die entstehenden Kosten tragen. Genug, es ist leicht begreiflich, daß eine solche Zumutung alle Gemüter in stärke Erre gung versetzen mußte. Moritz Ellinger, Besitzer eines gutgehenden Kaufhauses, Vorsteher der Gemeinde, fand es einfach empörend, die Gemeinde zu solch unerhörten Auslagen heranziehen zu wollen. Man leiste ja das menschenmöglichste an Opfern, aber alles habe seine Grenzen. Darum beraumte er eine Versammlung an, um zu den Forderungen des Gemeindeschofarbläsers Stellung zu nehmen. Mit roten verärgerten Gesichtern saß der hohe Rat am grünen Tisch. Alle brachten ihre Empörung zum Ausdruck. „Wir werden mit Eisinger nicht so bald fertig werden," rief David Lampl. „Heute verlangt er von uns neue Zähne, wer bürgt uns dafür, daß er nicht morgen von der Gemeinde einen neuen Anzug verlangt/'- „Das allereinfachste wäre es," meinte der schlaue; Lederhändler Elkan Fischl, „wir lassen uns einen Schofarbläser aus N. kommen." Doch mit die-J sem Vorschlag war keiner einverstanden. Nun meldete sich David Imber, der Friedensstifter,, zu Wort. „Aber meine Herren, dadurch, daß\ sie sich hier vielleicht die Zähne herausschlagen., wird Eisinger noch immer nicht zu seinen verlangten neuen kommen." In der Tat, mit all den großen Reden war die schwere Frage selbst um keinen Schritt ihrer Lösung nähergebracht. Aber etwas mußte geschehen, das sahen alle ein Denn ein Roschhaschono ohne Schofarblasen war wohl weniger denkbar als ein Purim ohne Megiila. > Da man aber zu keinem geeigneten Vorschlag kam, so mußte man sich wohl oder übel dazu entschließen, die ausgefallenen Zähne Eisingers auf Gemeindekosten durch neue zu ersetzen. Wohl noch nie war man auf das SchofatbJasen so gespannt wie dieses Mal. Alles war begierig, es zu sehen und zu hören, wie die neuen Zähne ihre Probe bestehen würden. Der Tag der großen Erwartung kam heran. Aber was war denn geschehen? Jakob Eisinger setzte den Schofar an den Mund. Sein Gesicht wurde durch die Anstrengung rot, aber kein Ton ließ sich vernehmen. „Was ist denn wieder los?" fragte hinzueilend der Schammes erregt und besorgt zugleich, „ist wieder der Schofar verstopft oder gar vielleicht gesprungen?" „Nein, das nicht," entrang es sich Eisinger mühsam keuchend, „aber ich kann mir nicht helfen, — mit de neuen Zähn', kann ich nix blosen!" Für den Kleinen Israelit bearbeitet von DEKA.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.