Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 35 1938 Der Maycrl aus der Türkengasse. Von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Schluß.) „Unsere Taschen sind leer . . . aber fromm ist sie, gut zu den Mitmenschen und verträglich . . ." Jakob ließ ihn nicht ausreden und letzte alle Welt in Bewegung, als er — ewig dankbar dem Geschick — seine Susanne heimführte. Die Mayerltöchter besuchten keine Feste und hielten sich stets bescheiden zurück. Trotzdem hatte der Schadehen die meiste Lauferei um sie. Aber nicht für den Mayerl rannte er, sondern für seine Auftraggeber, unter denen sich die Eltern am meisten um die frommen, schönen Mädchen bemühten. Jede, auch die kleine, schmale Ruth, die ein wenig lispelte, aber ein herzfrisches Lächeln dabei hatte, fand ihren Freier. Manche von ihnen zogen ein großes Glückslos, und hier und dorthin zerstreute sie der Wind, und das Haus des Mayerl wurde leer. Zu seiner Frau konnte er sagen, „wir waren über zwanzig und sind jetzt nur noch zwei." Sie lächelte nur dazu und war noch stolz darauf, daß sie ein leeres Haus hatte. Nur wenn sie vor nunmehr volleren Schüsseln saß, kamen ihr heimlich die Tränen, denn dann sah sie die flügge Gewordenen wieder um den Tisch sitzen, die lebenshungrigen Augen auf den Mayerl gerichtet, der von den Labsalen der Juden vorlas. Dann aber verstand es Mayerl, sie zu trösten Er lächelte, wenn er im Brief vorlas, den der Benjamin unter den Buben schickte, in dem er schrieb, was er bei einem Festessen hatte schmausen können. „Du siehst, Vater," schrieb er, „du hast recht gehabt. Eines Tages, sagtest du, bekommt jeder die Erfüllung seines Wunsches. Aber ich gestehe, mit einer sehnsüchtigen Wehmut denke ich an Mutters Wassersuppe, die mir tausendmal mehr mundete, ata dieses lange feierliche Essen, das man mir zu Ehren gab . . ." Darüber scherzte Mayerls Lächeln und die Frau hätte es für eine Sünde angesehen, ihn aus dieser Zufriedenheit zu reißen mit ihren Sehnsüchten. Denn nun kamen die Kinder nach und nach wieder ins Haus und hatten Anliegen) die sie in die Schusterwerkstatt trugen. „Vater, was hast du es nötig, noch alte Schuhe zu flicken. Sieh, ich fange an, reich zu werden —" oder der andere: „Vater, für dich und Mutter steht ein wunderschönes Haus bereit, darin du mit mir wohnen wirst." Und die Mädchen, die untereinander einen Kampf bestanden, weil jede einzelne die Eltern zu sich nehmen wollte. Dazwischen Mayerl und seine Frau. Er sah sie nur an, um zu wissen, wie gern sie hier und dorthin gegangen wäre, aber er sah tiefer in sie und deutete auf ihr Hauswesen, um zu sagen: „Hier bist du Herrin und die Schuhe, deren durchlöcherte Sohlen zwanzig Kinder ehrlich groß werden ließen, werden uns durch den Rest des Daseins doch schon bringen . . ." Er hörte, wie sie nachts schlaflos sich von einer zur anderen Seite wälzte und wußte, daß er nachgeben würde, wenn die treue Gefährtin sehnsüchtiger nach heserem Dasein gewesen wäre, als sie wirklich war. Schon am andern Tag erlauschte er ihr Gespräch mit der Tochter, die wieder bat und quälte, und hörte, wie Mutter behauptete, hier gelebt zu haben, glücklich gewesen zu sein und auch hier sterben zu wollen. Und damit nahmen die Bitten ein Ende. Ganz heimlich nur schickten sie der Mutter* reichlich Geld, und keiner wagte es mehr, es als eine Schande anzusehen, wenn Vater, getreu seiner Art, in der Woche heilungsbedürftige Schuhe in der Türkengasse und überall dort abholte, wo man sie ihm zu geben vorhatte. Und seltsamerweise, die aus der Türkengasse hielten die sonst SO losen Münder, und schwiegen, wenn sie die bescheidene Gestalt des Schusters daherkommen sahen; sie wichen freundlich aus, wenn am Freitagabend der Mann seinen Platz im Bethaus aufsuchte und versank im Gebet. Nur ganz heimlich nannte sie ihn ein Original, der zwanzig wohlversorgte Kinder hatte und dessen Hammer dennoch fleißig schwang und pochte. Er hatte es nicht nötig, von seinem Grundsatz abgehen zu müssen und dennoch ein Leben voll Sorge und Arbeit in ein solches voll geruhsamen Reichtums einzutauschen. Noch am Tage vor dem stillen Scheiden aus einem erfüllten Dasein sagte er zu seiner Frau, die ein ganz hutzliges, aber immer noch lebhaftes Weibchen geworden war: „Mir ist, als wenn ich der Boden zu einem Busch jüdischen Lebens gewesen wäre. Zwar war die Erde, die ich gab, dürftig und arm, doch sproßten, da die Luft, in der die Pflanze wuchs, rein und sauber war und die Sonne der Frömmigkeit und Liebe sie beschien, die Aeste so hoch, daß die Erde, in der ihre Wurzeln steckten, fern und versteckt wurde. Aber die Kraft, liebe Frau, ihr Fundament, ruht dennoch in den Wurzeln dieser Erde, diesem bescheidenen Schusterhaus vom Mayerl aus der Türkengasse . . . daran werden sie denken. Und lohnt es daher nicht, s o gelebt zu haben, wenn es auch zuweilen hart für mich war, auf alles zu verzichten, was es an Schönem im Dasein gab?" Er wollte keine Antwort, nach der die Frau vergeblich suchte. Aber als sie, nach einer Nacht voll Nachdenken, zu dem Schluß gekommen war, ihm recht zu geben und ihn den besten frömmsten Mann zu nennen, fand sie ihn schlafend in seinen Kissen — so tief schlafend, daß er. nie wieder erwachen würde. — Und die Leute aus der Türkengasse fragten sich: „Hört man denn heute nicht den Schuster hämmern? Er wird es sich überlegt haben — und sein armes Leben für ein reiches eingetauscht haben . . Und diesmal hatten sie recht . . . Aus jüdischem Geiste. Rabbi Israel Salanter riet einem seiner Freunde, der als Kaufmann gescheitert war, eine Rabbinerstelle anzunehmen. „Gerade das," sagte der Freund, ,.suchte ich stets zu vermeiden, Ich schrecke vor der Verantwortung für halachische Entscheidungen zurück." „Eben darum," erwiderte Rabbi Israel. „Oder sollten etwa diejenigen Rabbiner sein, denen das Verantwortungsgefühl für ihr Tur. fehlt?" * Man fragte Rabbi Jossef Bär, den alten Brisker Raw, was uns das viele Trauern um Jerusalem nützen sollte? Man könne doch mit Tränen nicht Ruinen aufbauen. „Nach einem Brande in der Stadt." antwortete Rabbi Jossef Bär, „sah ich zweierlei Menschen; solche, die resigniert von dannen gingen, und andere, die in der Brandstätte angestrengt nach den letzten Resten ihrer Habe herumstöberten. Die Letzteren konnten ihr Haus und Heim bald wieder aufrichten . . ." * Rabbi Levi Jizchok, der große Berditschewer, traf einen Magnat seiner Gemeinde, wie er sich am neunten Aw ein gebratenes Hähnchen wohlschmecken ließ. Gütig wie immer, sagte Rabbi Levi Jizchok: „Aber lieber Freund, wo wollt Ihr eine „Kapporo" für Jomkippur hernehmen, wenn Ihr ietzt schon den Hahn aufzehrt?" (Zweideutig, da Kapporo-Versöhnung zugleich das für das Kapporoschlagen h&tuitzle Geflügel bezeichnet). * Zum Chatam Sofer in Preßburg kam einmal ein angesehener Mann mit Namen Luria und rühmte sich sehr seines Stammbaumes. „Als Luria," sagte er, „bin ich ein Nachkomme von Maharschal (Rabbi Schlomo Luria) und Maharschal. war ein Nachkomme von Raschi. Raschi führte seinen Stammbaum auf Rabbi Jochanan hasandler zurück, und dieser Rabbi Jochanan war bekanntlich ein Sproß der davidischen Dynastie." „Und mir," unterbrach Chatam Sofer bescheiden, „genügt es vollkommen, daß ich ein N a c h k ommo von Abraham, Jizchak und Jakow bin." KURIOSA. Im Frankfurter „Jüdischen Gemeindeblatt" veröffentlicht Carl Cohn einen an sich ganz interessanten Artikel über die jüdischen Sprachen. Da lesen wir u. a.: „Offensichtlich erst nach Abwanderung der heute jiddisch redenden Juden sind Wörter wie ,, o ß e r " und „nebbich" entstanden. Beide sind unklarer Herkunft, und es dürfte wohl nicht richtig sein, mit Zoozmann das Wort „oßer" aus Schillers Don Carlos (O Sire) abzuleiten." Wer über jüdische Sprachen referiert, muß die älteste und eigentliche jüdische Sprache: Hebräisch, kennen. Wer sich aber im Hebräischen auskennt, weiß, daß 'iwm im Sinne von „gebunden' oder „gefesselt" unzählige Male in allen Teilen von Tnach vorkommt. Im Talmudischen bezeichnet man mit „ossur" — was das Gleiche ist — alles, was verboten ist. Der Volksmund braucht das Wort als kürzeste Formel einer Verneinung. „Ossur" oder „oßer" gleich verboten, nicht existent. Beispielsweise wird man auf die Frage, ob der Verfasser obigen Satzes hebräisch kann, antworten: „oßer! ..." * Der Tel Awiwer „Hajessod" berichtet über eine Konferenz von jüdischen Kaninchenzüchtern in Galiläa, Die Zahl der Kaninchen in jüdischen Kolonien, schreibt das Blatt, sei groß. Vor Jahren hätten die ersten Kaninchen viel Staub aufgewirbelt, heute nehme man gar keinen Anstoß mehr daran. Soweit „Hajessod". Als Rabbi Akiba und Andere Füchse und Schakale auf dem heiligen Berge sahen, lachten sie — weil sie in dieser Erfüllung einer pf>- phetischen Weissagung die Sicherheit für die Realisierung der prophetischen Verheißungen gewannen. Ob sie noch gelacht hätten, wenn ihnen auf jüdischen Feldern Kaninchen über den Weg gelaufen wären? . . . Meeresleuchten. Durch das Dunkel seh* ich's glühen Weilend an dem Meeresstrande; Feuerfunken seh' ich sprühen Dort im Wasser, hier im Sande! — Und ich schaue ohne Ende In das Wogen und das Wallen —, Sind wohl gar vom Firmamente Sterne in das Meer gefallen? — Noch erhabener wird das Schauspiel, Das hier hält den Blick gefangen; — Wellen brechen auseinander Ünd gebären Feuerschlangen. Seraphime sind's, Feuerengel, Die aus dunkler Tiefe dringen Und den Herrn im Himmel droben Preisen und ein Loblied singen. — Und in Andacht still versunken Steh' ich da und heb' die Hände: G'tt, wie groß ist Deine Allmacht, Deine Lieb' ist ohne Ende. Wochenkalender. Vom 3. — 10. September W38 I Vom 7. - 14. El 1 5698 '»Y» ip MP Samstag 3 7 1 D*>aDs? nn» Sonntag 4 8 T Montag 5 biVs 9 n Dienstag Uig .6 10 B - MiHwoeh 7 11 i Donnerstag 8 12 K"> Freitag 9 13 "i Samstag 10 14 V> tran '3 na»