Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M. 1. September 1938 5. Ellul 5698 Nummer 35 Wanderstrom und geschlossene Grenzen. Einwandaruhgssperre in Argentinien« - Amerikanischer Vorschlag- - Flüchtlingslager in der Schweiz. Sperre in Belgien und Luxemburg. - Was tut Rublee? Die Einwanderung nach Argentinien würde von der argentinischen Regierung zeitweise ges per r t. Das Ein w a n d erungsa rii t der Regierung wurde geschlossen. Eine neue Regelung der Einwandertingsbestimmungen wird am 1. O k t o b e r in Kraft treten, und sodann soll die Einwanderurig wieder e r m ö g 1 i c h t werden. Touristen soll eine Aufenthaltserlaubnis bis zur Dauer von drei Monaten gewährt werden. Als Ursache der gegenwärtigen Sperre wird angeführt, die Regierung wolle eine unterschiedliche Behandlung der gegenwärtigen Einwanderungskandidaten und derjenigen, die bereits, unter die neuen Bestimmungen fallen werden, y e r ni e i d e n. Verbreitete Gerüchte über eine Sperrung •der Grenzen von USA. erwiesen sich als jgrundlos. Freilich müssen sicji die Amerikareisenden infolge starker Inanspruchnahme der Quote auf lange Wartezei tgefaßt machen (Siehe Artikel auf Seite 6.) Ar Im übrigen liegt ein Vorschlag^orr; die Grenzen Amerikas etwas weiter f ür^j„jüdische Einwanderer zu öffnen. Der Vorschl^i kommt von ■dem Abgeordneten des -Repräsentantenhauses, Emanuel C e 11 e r , und geht danin, daß die Q u o t e; f ür G r oJß b r i t ä n n i e n , die 63.000' Menschen im Jahre umfaßt und nur zum kleinen Teile ausgenutzt wird, teilweise zur Quote f ü r Deutschland hinzugerechnet wird. Auch die sehr klein bemessenen Quoten für . R u m ä n i e n und Polen konnten durch den Ueberschuß aus England wesentlich verbessert werden. Käme dieser Vorschlag zur Ausführung, -Itönnte. damit etwa 60.000 Menschen geholfen werden, da erfahrungsgemäß von der Quote für Großbritannien nur ein paar tausend Auswanderer Gebrauch; machen. Ob dieser Vorschlag von Rublee aufgenommen und zur Gesetzeswerdung empfohlen wird, bleibt abzuwarten; ' •.; Bern, 26. Aug. 130 jüdische' Flüchtlinge sind jetzt in den Räumen einer unbenutzten Spitzenfabrik in der Grenzstadt Dieb old sau in der Schweiz untergebracht, und es sollen in diesem Hause, noch etwa weitere 400 Flüchtlinge ein Obdach Briden.' Nachdem bereits"Übet 2000 jüdische Flüchtlinge in der Schweiz sich aufhalten, wird man nach-dem Vorbilde von Dieboldsau .auch an andern schweizerischen Orten vorgehen ttiüssen. ' London, 27. Aug. Der Stellvertreter des High Commissioner for Retfugees, Lord Duncannon', hat längere Verhandlungen mit der schweizerischen Bundesbehörde wegen des Schicksals ' der jüdischen Flüchtlinge in der Schweiz durchgeführt. Lord Duncannon legte insbesondere größten Wert darauf, daß die Schweiz im Sinne der Flüchtlings- Konvention vom 8. Februar in keinem Falle Flüchtlinge - zwangsweise über die heimische Grenze zurückschickt. Es werden von Seiten der Londoner Instanzen alle Bemühungen unternommen werden, um eine Auswanderung der in der Schweiz befindlichen Flüchtlinge nach überseeischen Ländern zu ermöglichen. Lord Duncannon äußerte sich sehr befriedigt über das Hilfswerk, das von dem Schweizerischen Gemeindebund unter Führung von Herrn Saly Meyer organisiert worden ist. * * Fortsetzung siehe Seite 2. Aus dem Inhalt: Mandatskommission und Völkerbund . Seite 2 Ein mohammedanischer Bürgermeister in Jerusalem .......... Seite 2 Führende Araber zum Teilungspia» . Seite 2 Die Minoritätsrechte in Rumänien . . Seite 2 Wochenrundschau .......Seite 3 Stadt und Land in Palästina .... Seite 4 Der Psalm 27...........Seite 4 Wie ein Großer der Vorzeit ... (Zum 20. Todestag von Rabb. Chajim Brisker) Seite 5 Wenn man auswandern will.....Seite 6 Mitteilungen der Wiener Kultusgemeinde Seite 6 Aus der Agudas Jisroel.......Seite 7 Erez Israel ............Seite 8 Zertifikat und Affidavit. „Jedwede Zeit hat ihre Wehen", und, möchten wir hinzufügen, »ihre eigenen Worte. Das letzte Jahrzehnt hat das Vokabularium des Gälut stark bereichert, das jüdische Leid ist sprachschöpferisch. Käme unser Großvater, der Urgroßvater unserer Kinder, so -plötzlich und unvermittelt in unseren Kreis, so würden Enkel und Urenkel in fremden Zungen zu ihm sprechen. Woher sollte er wissen, was eine „Hachschara" ist, die man besuchen muß, um ein „Zertifikat" für die „Alijah" zu erlangen? „Zertifikat" und „Hachschara" fehlten in seinem Wörterbuch ganz und eine „Alijah" erhielt der Großvater, wenn er Jahrzeit hatte. Vollends unverstanden blieben wir von ihm, wollten wir ihm etwas von „Affidavit", „Quote und „Transfer" erzählen ... Aber auch wir selbst müssen uns beim Gebrauch der neuen Vokabeln ein wenig beeilen. Denn sie wechseln mit . dem Winde, der den Kurs unseres auf den hohen Wellen treibenden Galutschiffieins bestimmt und beständig ändert. Gestern noch kreiste all unser Denken und-Hotten um das „Zertifikat", heute beherrscht das ».Affidavitalle unsere Hoffnungen und Erwartungen. Welches neue Wort wird der morgige Tag hervorbringen, unseren Kindern so geläufig, als hätten sie nie von was anderem gesprochen? Scheinbar ein Wortwechsel nur, aber es ist doch ein Szenenwechsel, eine Umwälzung mitten in der Umwälzung. Worte iommen, Worte verschwinden, das Schicksal bleibt — ist aber auf ein neues Gleis 'umrangiert Zwischen Zertifikat und Affidavit liegt ein Ozean, nicht nur geographisch gedacht. Eine ganz bestimmte Seelenhaltung, die das Zertifikat bezeichnete, wurde durch das Affidavit abgelöst und umgestürzt. Mit dem Zertifikat, das aus der „Sphedule" (wieder ein merkwürdiges Wort, das mählich in Vergessenheit gerät) kam. rüstete man sich für die Reise nach „Erez". Mit Affidavit verläßt man das „Ursprungsland", um über ein „Uebergangsland" nach einem „Aufnahmeland" zu gelangen, (Was eine Fülle von neuen Wortbildungen!) Zertifikat hatte etwas vom Rauschen des Jordan und vom Rattern des Traktors über jüdische Felder an sich. Affidavit löst Vorstellungen von Maschinen, Wolkenkratzern und Busines aus. Mit dem Zertifikat lernte man Hebräisch. Iwrith kam in die Mode, war ein Konjunkturattikel, gehörte sogar schon zum guten Tone derer, die an Auswanderung noch nicht dachten. Mit dem Affidavit ging die „hebräische Stunde" zu Ende und wurde von der englischen ersetzt. Das „Schalom" wurde von „Alright" Äögelöst. - Wozu diese Feststellungen, die obendrein noch ein wenig übertrieben sind? wird man fragen; Es gibt ja auch heute noch so etwas wie eine Palästinaschedule, und es kommen auch einige Zertifikate zur Verteilung, man hört noch .von J u g e.n d a 1 i j ä h , und viele lernen auch heute noch Hebräisch. Gerade darum scheint uns die Feststellung des Wandels nicht ohne Wert und Bedeutung für unsere öffent- . ' (Fortsetzung siehe Seite 3,)