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Der Israelit · 1938-08-11 · Heft 32 (11.8.1938) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 32 (11.8.1938)
Date
1938-08-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Israelit J -------/jf| Frankfurt a. M. 11, August 1938 14. Aw 5698 Nummer 32 Nach Evian und London---Was nun? Der Londoner Schlußakt der Evian-Konferenz liegt hinter uns. Er hat sich in sehr einfachen Formen während zweier Sitzungen abgespielt, und es wird nun alles darauf ankommen, wie die gewählten neuen Organe: das intergouverne mentale Komitee und der ihm unterstehende Direktor des permanenten Amtes ihre Aufgaben anpacken und lösen werden. Dem Komitee gehören Lord Winterton, Mr. Myron Taylor, Senator Berenger, der brasilianische Vertreter Senator M. Cesar de Wegnelin Vieira und für Holland Herr W. Bencker Andreae an. Zum Direktor hat man einen hervorragenden amerikanischen Spezialisten des internationalen Rechtes gemacht, Mr. George Rablee, dem seine siebenzig Jahre hoffentlich nicht das nötige Maß von Tatkraft geraubt haben, zu seinem Assistenten Mr. Rober Pell, einen Beamten des amerikanischen Staats-Departements. Entkleidet man die während der beiden Sitzungen, gehaltenen Reden der amerikanischen und englischen Vertreter ihres rhetorischen und persönlich-gesellschaftlichen Schmuckes, so bleibt als sachliches Ergebnis der bisherigen Verhandlungen etwa folgendes übrig: 1. Man hofft, nach den bisherigen Methoden — also auf dem Wege der individuellen Aus- und Einwanderung der sogenannten „Infiltration" — während der nächsten 5—6 Jahre zwischen 500 000 und 600 000 "Auswanderer aus Groß-Deutschland in die überseeischen Länder aufnehmen zu können. 2. Amerika stellt zu diesem Zwecke seine Quote von 27 000 zur Verfügung und rechnet darauf, daß die fehlenden ca. 90 000 jährlich von der Gesamtheit der anderen Länder absorbiert werden. Die Verhandlungen darüber werden in der Stille geführt werden, um die öffentliche Meinung gewisser Einwanderungsländer nicht unnötig zu provozieren. 3. Voraussetzung für die Ausführbarkeit dieser Pläne ist (neben anderen Bedingungen) das Gelingen der geplanten Verhandlungen mit den Ursprungsländern, die zum Ziele haben, den auswandernden Juden die Mitnahme ihres Vermögens — in dieser oder jener Form, individuell oder kollektiv — zu sichern. 4. Von dem Gedanken einer oder mehrerer geschlossener jüdischer Massensiediungen in menschenleeren Territorien, der sich unleugbar in steigendem Maße Sympathien in der OeffehtHchkeit erringt, will bis zur Stunde der mtergouvernementale Ausschuß der Eyian- Konferenz nichts wissen. Trotzdem ist anzunehmen, daß der Ausschuß es nicht ablehnen wird, kleinere Siedlungsprojekte zu prü- *en, wenn sie ihm in greifbarer Form unterbreitet werden. So spricht man jetzt von einer nachträglichen Einladung Portugals, in dessen westafrikanischer Kolonie Angola 500 jüdische Familien zur Ansiedlung kommen sollten. Vielleicht ist diese vorläufig negative Stellung des neuen Refugee-Amtes zum Siedlungsgedanken als solchem kein Schaden, weil das Amt ja lun'ichst ohnedies die Hände voll zu tun haben wird mit der unmittelbaren Autgabe, seine Infiltrationsmethode bis zum Maximum der Aufnahmefähigkeit sämtlicher Immigrationsländer in Anwendung zu bringen. Sobald dieses Maximum erreicht sein wird — was schneller der Fall sein kann, als man gegenwärtig glaubt —, bleibt ohnedies kein anderer Ausweg, als daß entweder die englische Palästina-Politik durch einen von jüdischer Verhandlungsbereitschaft getragenen heroischen Entschluß sämtliche arabischen Länder für die jüdische Einwanderung in größtem Maßstabe Fortsetzung siehe Seite 2. Aus dem Inhalt: Der englische Kolonienminister in Palästina Seite 2 Wochenrundschau .........Seite 3 Der jüdische Optimismus. Von Dr. Hugo Spiegier.....Seite 4 „Heute!" Von Rabb. Wolf S. Jacobson Seite 4 Die Ausscheidung der jüdischen Aerzte Seite 5 Berichte aus Wien.........Seite 5 Erez Israel ......r( s'......Seite 7 Vermächtnis eines Erez Israel-Kindes Seite 8 Literarische Warte ......Seite 9 u. 10 Agudas Jisroel-Berichie ......Seite 11 Trost im Worte. Zum neunten Aw waren diesmal die jüdischen Zeitungen der Mühe enthoben, Betrachtungen und Reflexionen über das historische Leid der jüdischen Nation anzustellen Gegenwartsberichte, die die ersten Seiten ausfüllten, genügten. Was könnte alles in. Reim und Rhythmus, Stil und Form gefaßte Volksleid mehr besagen, als die kleinen Tatsachenberichte aus dem jüdischen Galuthleben in der Welt? Schwieriger hätte es der Zeitungsmann, zu Sabbat Nachmu einige Trostmomente aus den Dingen des grauen Tages herauszuarbeiten, wüßte man nicht um die altbewährte jüdische Art, gerade aus Leid und Tränen heraus, wie die Frucht aus der schwarzen Erde, den Trost heranreifen zu sehen. öjunn trrma'wi o-narrn Aus dem Kummer selbst erblühen der Trost und die Freude- Ein Wort aus der Dynamik der prophetischen Verkündung in seiner agadischen Beleuchtung scheint uns ganz besonders unsere Situation in > ihrer ganzen tragischen Eigenart zu zeichnen: Ein doppeltes Nachmu hat der Prophet zur Einleitung seiner Serie der Trostkapitel. Warum Nachmu und Nachmu? Mit seinem einfachen menschlichen „Nachmu" trat der Prophet an das geschlagene Volk heran und fand kein Gehör. Was will der Mensch, und spräche er auch mit Propheten- und Engelszungen, mit einem Worte, das doch bei allem nur Wort bleibt, da wo eine von G'tt geschlagene Wunde so tief sitzt? Kann ein menschlicher Trostaufruf Heil und Ersatz bringen, wenn in Jerusalem, der Stadt G'ttes, Heiligtümer zu Ruinen und Menschenheime verödet werden, ein Volk sich in Bewegung setzt, dunklen Zielen entgegen? Spottet der Prophet unser, wenn er sich anmaßt, nichtssagende menschliche Worte an Stelle von Heim und Glück zu setzen? Darauf Jesajas zum zweiten Male oipp-^K-"iok*'öXMaru „Das „Nachmu" kommt nicht von mir, nicht aus Menschenmund, Bote und Beauftragter bin ich nur. G'tt selbst hat mir das Wort zur Weckung des Trostes auf die Zunge glegt. Und ein Nachmu, das von G'tt kommt, kann vom Volke G'ttes nicht als ein Wort aufgenommen und gewertet werden." Und heute? Schwer hat G'tt sein Volk geschlagen, so schwer, daiß die alten Lieder des neunten Aw Gegenwartsleben atmen. Und unsere Helfer, unsere Annehmer? Sie haben Worte für uns. Schöne Worte, vielversprechende mitunter, Worte, die von Liebe und Erbarmen überfließen, aber dennoch nur Worte. Ein Volk leidet und die Menschen, zur Hilfe aufgerufen, sprechen. Man spricht in Evian und man spricht in London. Man spricht im Oberhaus und im Unterhaus. Man spricht in Amerika und in Genf. Rat- (Fortsetzung siehe Seite 3.)

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