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Der Israelit · 1938-07-21 · Heft 29 (21.7.1938) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 29 (21.7.1938)
Date
1938-07-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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R* •"' Seite 10" Nff29' BT¥r ^^^^Fp^^^^^^^^^^B^^^Wj^^^^^^^^^^^^^^P ™™"—""?""""^^~^?SiHK™""^^^?5^^^^"T™^^~^S?™™ „Talmud-Tauroh limdinas Grabfeld" Von Bezirksrabbiner Saul Münk in Burgpreppach. Am nördlichen Ende Bayerns, südlich der Rhön, streckt sich eine Ebene hin, die den Namen Grabfeld führt. Vor Jahrhunderten schon bestanden dort zahlreiche jüdische Gemeinden. Einen Mittel punkt unter ihnen bildete schon früh die Gemeinde in Burgpreppach, Schwer ist es, den Entstehungszeitpunkt dieser Gemeinde festzustellen. Er soll in der Zeit des dreißigjährigen Krieges, oder auch noch früher, liegen. Einen Anhaltspunkt dafür gibt der traditionelle Fasttag der Gemeinde am Vortage des Rausch Chaudesch Siwan, von dessen Ursprung nur noch bekannt ist, daß ein Ueberfall bewaffneter Scharen der Gemeinde drohte, und daß mit Hilfe der Schloßherrschaft diese Gefahr gebannt wurde. Die älteste — uns bekannte — Urkunde teilt mit, daß die Schloßherrschaft den Juden Burgpreppachs im Jahre 1681 ein Gebäude als „Schul" (Synagoge) zur Verfügung stellt, weil „ihnen die Schul aiemlich eng-wurde". Ein weiteres Datum ergibt sich aus dem Akrostichon an der Ostwand der jetzigen Synagoge, welches das Datum des Jahres 5524 1764 ergibt. Eine andere Urkunde gibt bekannt, daß der Friedhof im Jahre 1708 angelegt wurde. Die Gemeinden des Grabfelds zeigen besonders beispielhaft, wie die Pflege des Thorastudiums als vornehmste Aufgabe der jüdischen Oeffentlichkeit betrachtet wurde. Wir besitzen ein Protokoll, das in Burgpreppach aufgenommen wurde, und dessen Datum die Jahreszahl 5526 1766 aufweist. Die Beschlüsse einer Versammlung vom 24. Tammus des genannten Jahres sind da mit folgender Einleitung verzeichnet: „An dem obenbezeichneten Tage versammelten sich hier in Burgpreppach Angehörige der ganzen Landschaft zur Gründung von Thoraschulen in unserer Gegend. Es wurde ein Verein (Chewroh) gegründet. An die Spitze desselben wurden 18 Männer gestellt; aus diesen wurden wieder drei Oberbeamte gewählt (Obergabboim), u. zw.......(folgen Namen). Aus der Menge der angemeldeten Schüler wurden die würdigsten und fähigsten ausgewählt. Es wurden für diese zwei tüchtige Lehrer bestellt. Nach dem augenblicklichen Bedürfnisse wurden zunächst zwei Th<?ra-Schulen gegründet, die eine am hiesigen Platze, die andere in Maßbach." Das Protokoll enthält weitere Angaben über die Verteilung der Schüler auf die beiden Anstalten, über die Finanzierung des Unternehmens durch Anlage eines Grundfonds, über die Verwaltung der Gelder, über die Verewigung der Namen der Spender usw. Der Stiftung wird der Name „Talmud- Thauro limdinas Grabfeld" gegeben. Im Laufe der Jahre ist der materielle Bestand dieser Stiftung ziemlich bedeutungslos geworden. Die Zinsen reichten bald nicht mehr zur Erfüllung der Aufgabe aus. Ein kleiner, materiell unbedeutender Rest hat sich aber über Krieg und Inflation hinweg erhalten und besteht heute noch als „Grabfelder Judenlandschaftsschulstiftung". In Burgpreppach aber ist die Idee, die der Stiftung zugrunde liegt, seit ihrer Begründung hoch gehalten worden. Reichten die Zinsen der Stiftung zur Erhaltung einer Schule nicht mehr aus, so flössen reichlich Spenden, um die Thora-Schule oder eine Lernstätte zu erhalten. So dürften seit dem Jahre 1766 fast ununterbrochen in Burgpreppach jüdische Kinder und Jünglinge „Thora" gelernt haben, sei es in zu diesem Zwecke gegründeten Schulen, sei es als Schüler der dort amtierenden Rabbiner. Die letzte Schulgründung erfolgte im Jahre 1875 durch den verewigten Distriktsrabbiner Abraham Hirsch s. A. Damals wurde zur Erhaltung der Schule ein besonderer Verein gegründet, der heute noch bestehende „Talmud-Thora-Verein". Nach den Satzungen des Vereins sollte die Schule „gründliches, jüdisches Wjssfen, innige, gediegene Religiosität, in Verbindung mit wahrer edler Bildung" verbreiten. Die Schule hatte jeweils die Form angenommen, die den Zeitbedürinissen und Zeitverhältnissen entsprach. Jahrzehntelang war es eine Präparandenschule, durch die viele nachmalige Lehrer in Deutschland gegangen sind. Später wurde eine Bürgerschule angegliedert. Als Bürgerschule hat sich die Anstalt bis «u ihrer Schließung im Frühjahr 1938 erhalten. Mag die Thora-Schule in Burgpreppach nur ein winziges Element in der großen Zahl jüdischer Schulen Deutschlands gewesen sein, so dürfte doch dieses Flämmchen jüdischer Lehre, das dort 172 Jahre lang brannte, es verdienen, durch diese Zeilen ganz der Vergessenheit entrissen zu werden, Feuilletons aus einem wiedererwachten Lande. Von Saiy Geis; in Jerusalem. „Gehackte Zores".*) Sicherlich hast du auch schon Zores erlebt. Doch deswegen brauchst du nicht stolz zu sein, solange du nicht weißt, was gehackte Zores" sind, sorgfältig kleingehackte Zores, damit ihr Geschmack lange währt und gründlich empfunden wird. Der Mensch will doch etwas für sein Geld haben. *) Zores — Mißgeschick. r. . . t 7T . vjlch bin kein Gelehrter-auf diese Wissenschaft sonst wüßte ich zu sagen, ob in uns er m Erez Israel gehackte Zores „Tozereth Chuz"**) oder „Tozereth Ha&rez", ein im Lande erzeugtes Gebilde, sind; — doch jedenfalls sind sie „Tozereth Haarez" eigenster Prägung geworden -Du „Jecke", du „Lift-Ole", schaust mich verwun dert an. Was kannst du in deiner modernen, über modernen Tel Awiwer Großstadt auch von derlei Dingen wissen. Zu meiner Zeit aber war Tel Awiw noch ein kleines Städtchen. Die Nachlath Benjamin mit ihren großen Läden hatte noch Gärten vor den Häusern und. lag im äußeren Gürtel der Stadt Damals hättest du vielleicht in einem „Zerif' gewohnt, einem Bretterhäuslein, das den Sommer in seiner ganzen Hitze erleben läßt, zur Wasserlei tung einen kleinen Weg durch den Sand erforder und zur Toilette in der Nähe ein Schilderhaus mit einem Faß in der Erde hat. Diese Annehmlichkeiten bedeuten alle zusammen nur Zores. Zu gehackten Zores werden sie, wenn der Zerif so gebaut ist, daß im Winter der Regen durchprasselt und der Wind durchpfeift und der Sommer einen Zoologischen Garten an Mitbewoh nefn bringt, übei* die du nach unserer Thora herr sehen sollst, die aber über dich herrschen. Du darfst schon Jahre den Zerif verlassen haben, wirst du noch Kratzen, Jucken, Beißen, Stechen fühlen, so du an den Zerif zurückdenkst. H&iiesi du in einem Steinhaus eine Wohnung §e funden, dann war es sicherlich noch nicht fertig, ob wohl du vielleicht für ein ganzes Jahr die Miete vorausbezahltest. Du erlebtest gleichfalls allerlei gehackte Zores. Du wirst dich aber nicht mehr aufregen, wenn ich dir jetzt seine Entstehungsgeschichte erzähle Irgend einer, der nichts zu verlieren hatte und an dem nur andere verlieren konnten, verband seine Armut an Geld und Existenz mit seinem Reichtum an Unternehmungslust und borgte von einem Bekannten zehn Pfund. Mit diesem Betrag kaufte er die Aktien einer Bank und erhielt bei ihr Kredit. Nun konnte er einen Bauplatz erwerben. Wer aber einen Bauplatz besitzt, gilt als begüterter Mensch. Er konnte also mit dem Bauen beginnen. Wozu sind die Wechsel erfunden worden? Man zahlt den Lieferanten, man zahlt sogar den Arbeitern mit Wecli sein. Nicht wahr, eine vorzügliche Erfindung? Für schwere Arbeit Wechsel zu bekommen und diese Wechsel mit Mühe und mit Verlust unterzubringen, eine solche Transaktion wird zu gehackten Zores. Während des Bauens wurde bereits eine Hypothek aufgenommen, wurde bereits mit möglichst einjähriger Vorauszahlung vermietet, so daß sich schließlich doch durch alle Gefährnisse hindurchgleiten ließ. Heute besitzt der Mann sicher mehrere Häuser und eigenes Auto. Doch damals war es ihm schwer, alles zu kaufen, was solch ein Haus erfordert. Aber keine Sorgen, sollen andere Zores oder gar gehackte Zores haben? Was läßt sich tun, wenn die Materialien erst vom Ausland kommen müssen? Gegen einen solchen Grund schweigt jede Beschwerde. Also fehlten Fensterläden und Badeöfen. Sonne ist ja ein Heilmittel und kaltes Wasser bei der Tel Awiwer Hitze nur angenehm. Aber was bedeutete das? Aus dem Kranen kamen nur winzige Tropfen. Warum und wieso? In der Röhre war als Folge einer wichtigen politischen Debatte des Arbeiters eine kleine Feile liegen geblieben. Bis aber dieses Hindernis beseitigt war, hieß es tatsächlich gehackte Zores erleben. Was sie nicht haben. Dort, woher ihr gekommen seid, wollten die Leute immer zeigen, daß sie nicht weniger, sondern sogar mehr als ihre Bekannten besitzen, Schon die Kinder wurden belehrt, was es zu; verheimlichen galt,;! uih des Ansehens der Familie willen. Das. ethische,,jnein unethische Kapitel der Notlüge erhielt so manche Bereicherung und senkte Unaufrichtigkeit in j«nge Seelen, , . •' Unauslöschlich hat sich mir ein Bild eingeprägt. Aus der großen Synagoge einer Mainstadt strömt Sabbat vormittag zu Hunderten die Menge heraus, die Männer mit Zylindern und feierlichen seh/walzen Anzügen, die Frauen in Toiletten nach der neuest*« Mode, alles anscheinend recht wohlhabende Leute, In Wirklichkeit aber sind es meist kleine Detaillisten und Grossisten, Agenten und Angestellte, Doch jeder wollte viel mehr scheinen, als es seinen wirtschaftlichen Verhältnissen entsprach. Gar mancher blieb aber nach Hochzeit, Hochzeitsreise und Einrichtung — alles wie bei' reichen Leuten — ohne Geld. Wie anders war. es doch in unserem Erez. Israel, als meist noch Träumer und derlei unpraktische Menschen einwanderten und noch niemand von der Lift-Alijah an das Land der Väter idachte. . In jener Zeit umfaßten einige Koffer oder Kisten mit Wäsche, Kleidern, Büchern und etwaigen Familienreliquien alles Mitgebrachte. Ein odeir zwei Zimmer werden gemietet, nein Tisch, ein Sehrank, nach Bedarf Schlafsofas, die am Tag Sofas und des Nachts Betten vorstellen, und Stühle gekauft, Gar- . '<•. . V- :, -■ .' .'^->\ -r.-TT^.. - dmen waren unnötig; Es gab nichtsjlzu •Verbergen, da der eine wie der andere alles ( irgendwie zu Entbehrende in der Regel auch wirklich nicht hatte. Tel Awiw. saugte den größten Teil der Einwanderung auf. Die Mieten waren infolgedessen ungewöhnlich hoch: 4 Lst. pro Zimmer und Monat < bei größter Einfachheit. Auch gerade die wichtigen Lebensmittel kosteten viel, z. B. das Rottel (== 3 Liter oder 6 Pfund), Milch 12 Piaster (heute 7 Piaster), Kartoffel 5 Piaster (heute 3 Piaster), reine Butter 13 Piaster (heute 7—8 Piaster). Durch die hohen Mieten wohnten 80 Proz. der Bevölkerung in 1 und" 2 Zimmern. Die Räume waren in vielen Fällen überfüllt. Anspruchslosigkeit hieß die Grundbedingung. Nach guter Vätersitte heiratete man wieder um die 20 herum. Zu Fuß ging es zu und von der Trauung in Kleidung, wie man sie gerade hatte. In der neuen Wohnung wurde dann bei einem halben Pfund Kosten für Wein und Gebäck fröhlich die Hochzeit gefeiert. Selbstverständlich ■ bedeuteten damals Eis und .Eisschrank trotz der Hitze ungekannte Dinge. Waren die Jahrtausende doch über Erez Israel hinweggegangen, — und der Hausfrau wurde Eis höchstens einmal im kältesten Winter beschert, wenn sie es nicht brauchte. Trotzdem kam sie nicht in Verlegenheit. Sie hüllte ihre Töpfe in nasse Lappen "und stellte sie in eine Schüssel mit etwas Wasser, so daß die Lappen Wasser nachsaugten. Die Speisen blieben kalt und waren vor Insekten geschützt. Bei den meisten fehlte stets etwas. Mal waren es ein paar Piaster, mal einige Eier, mal eine Flasche Petroleum (hier „Gas" genannt, weil es in dem üb-- liehen Primus vergast). Doch wozu gibt es Nachbarn? Bedenklicher war es schon, wenn, das Geld fehlte, zum Zahnarzt oder zum Arzt zu gehen. Fast alle ließen im Lebensmittelgeschäft anschreiben. Das Borgsystem wirkte wirtschaftlich ungünstig, da durch das Anschreiben mehr gekauft wurde. Dieses Borgen ist aber auch heute noch die Krankheit am Wirtschaftskörper des Jischuw. Auch sind pünktliche Lohnzahlungen vielen Arbeltgebern unbekannt, eine Gepflogenheit . von solch demoralisierender Wirkung daß manche ohne die Notwendigkeit hierzu die Erfüllung ihrer Verpflichtungen möglichst lange hinausschieben, Die primitiven, schwierigen Lebensbedingungen gehören zum Aufbau eines Landes, Der gute Teil der Masse empfindet den Willen zur Entsagung mit Stolz und rühmt sich aus solchem Gefühl gern dessen, was er nicht hat, ,jMit wie wenig wir auskommen", „Wie wir uns trotz allem durchgeschlagen haben", — solche Leistungen sind für die nationale Entwicklung wertvoller als das Umgekehrte. In Freiheit dressiert. Löwen, Bären und andere wilde Tiere bevölkerten einst die Wälder von Erez Israel. Die wilden Tiere sind längst ausgerottet und die Wälder ausgerodet- Es wäre also heute vergebliches Bemühen, den König der Tiere zu fangen und zu dressieren. Andere Könige tummeln sich aber heute im Lande, nämlich die jüdischen Kinder. Sie herrschen., über Vater und Mütter; von ihrer Erziehung läßt sich aber,nur sagen: In Freiheit dressiert. Wie beim König der Tiere heißt auch ihr Grundcharakter Furchtlosigkeit, Mut, Herrenbewußtsein. Eltern und Lehrer müssen mit diesen Eigenschaften rechnen. In entscheidenden Momenten bleibt meist die liebe Jugend Sieger, Im Kinderparadies Erez Israel wird schon beim Säugling jede Bewegung beobachtet, das Lachen be-, jubelt, das Weinen besänftigt. Dieses Verhätscheln und Gehorchen seitens der Eltern .= geht meist zu weit, — und kommt ihnen die Einsicht, dann ist es zu spät. Die Mühe und die Kunst der Erziehung lohnen sich aber bei der Fülle von- Intelligenz und wertvollen Charaktereigenschaftentintet-; . ^tt^er Jugend. Der Befehle stößt bei ihr auf die .^räge: „Wji- *rum", — doch an /diesem Warum Wäiß^sjej der rien- Hige Pädagoge zu ^placken. 1 Doch, wo finden sich die richtigen Pädagogen? Lehrer gibt es ge'nüg, und Wissen wird genug gelehrt. Aber, wie auch Bialik in seinen letzten Jahren klagte, es fehlt an Idealen. Die Judenheit in den Galuthländern : darf, soweit sie nicht indifferent ist, bei aller ■ Verschiedenheit als religiös orientiert bezeichnet werden. Die nationale Bewegung hat nun die Gefahr gebracht, areligiöse und atheistische Elemente in die jüdische Bewegung hineinzustellen und so im Heimätland der Juden durch Juden: einen großen* Teil, der„iJugend Heber ohne Ideale als mit unsern *eli$(js fundierten Traditionen zu er&reheh. Deshalb wird'iiri) den nur nationalen Schulen Tnach nur als Literatur gelehrt. Sehr richtig sagt der bekannte P^d^gog^ Dr. 'Ascher in Aix les Bains in einer seiner''Schriften: ,Tnach muß so gelehrt werden, daß in das eigene Erlebnisbereich leuchtet und die Geschehnisse in und um uns deutet. Dadurch wird Tnach zur Anwei-j sung im eigenen Leben zur Hilfe in seinen Nöten, \ ,ZUr Führung im jugendlichen Dasein. Thorageist bringt Klarheit im Vorstellen und Denken über ewig« ' Dinge." Er gibt ein Innewerden des g'ttlichön, Wirkens in der Welt .und führt von selbst zur Ehrfurcht. *) Tozereth Chuz Erzeugnis des Auslands.

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