Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1938)
- Date
- 1938-07-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr, 29 "MM- Hilfsvßrein der Juden in Deutschland. Berlin, 19. Juli. Der „Hilfsverein der Juden in Deutschland" teilt folgendes mit: Im Bereich des amerikanischen Generalkonsulates Berlin ist eine Stockung in der Annahme neuer Einwanderungsanträge eingetreten, die einige Zeit andauern dürfte. Dagegen nehmen die übrigen Generalkonsulate im Rahmen ihrer Zuständigkeit weiter Affidavits entgegen. Berlin, 19. Juli. Bisher war eine jüdische Einwanderung nach Bolivien nur in seltenen Ausnahmefällen möglich, da die Einreise von Juden offiziell als unerwünscht galt. Neuerdings hat aber — ohne daß die Gesetze geändert worden wären — ein Umschwung in der Haltung der zuständigen bolivianischen Behörden stattgefunden. So hat der neuernannte bolivianische Kolonisationsminister in Uebereinstimmung mit dem Staatspräsidenten erklärt, die Pforten Bolivien ständen „allen körperlich und geistig gesunden Menschen offen" und auch die Juden seien hiervon nicht ausgenommen. Tatsächlich werden auch Einwanderungsvisa für Bolivien erteilt, sofern der Nachweis eines Kapitals -von Goldmark 300.— bis 400.— erbracht werden kann. Doch sind bezüglich der Aufnahmefähigkeit des Landes vor allem zwei Gesichtspunkte zu beachten, in wirtschaftlicher Hinsicht verbietet die geringe Bevölkerungsdichte des Landes und die schwache Kaufkraft der großen Mehrheit die Ausübung fast aller Berufe, die eine entwickeltere Volkswirtschaft voraussetzen. Möglichkeiten sind in erster Reihe — dem Mineralreichtum Boliviens entsprechend — für Bergbau-Ingenieure, Geologen, Metallchemiker und verwandte Berufe gegeben. Gewisse Aussichten liegen außerdem für Handwerker und Landwirte vor. Ein wesentliches Hindernis für die Einwanderung nach Bolivien besteht in der außerordentlichen Höhenlage des größten Teiles des Landes. Die überwiegende Bevölkerungsmehrheit lebt in einer Höhe von über 3000 m; die Hauptstadt La Paz liegt etwa 3600 m hoch. Derartige Höhenlagen stellen außerordentliche Anforderungen an die inneren Organe, insbesondere Herz und Lunge, so daß für die Auswanderung nach Bolivien nur junge und kräftige Menschen in Frage kommen. Gewisse Teile Boliviens liegen allerdings erheblich niedriger, doch ist noch nicht zu ersehen, wie weit diese praktisch für die Kolonisation in Frage kommen. Die wirtschaftliche Lage Boliviens ist z. Zt. nicht ungünstig. Auswanderungswillige werden in ihrem eigenen Interesse dringend ersucht, sich zunächst beim Hilfsverein beraten zu lassen, worauf auch auf Seiten der bolivianischen Konsulate Wert gelegt wird. Die Erteilung des bolivianischen Visums dauert mehrere Monate. Richtlinien über Juden in Bädern und Kurorten. Berlin, 15, Juli, Der Reichsinnenminister hat seine Richtlinien über die Regelung des Besuchs auswärtiger jüdischer Kurgäste in Bädern und Kurorten ergänzt. Danach ist die Regelung grundsätzlich von dem Träger der Kureinrichtungen zu treffen. Von einer Regelung durch Polizeiverordnung ist abzusehen. Die Bestimmungen sollen die Beschränkungen, die für jüdische Kurgäste gelten, genau ersehen lassen. Insbesondere sind die Einrichtungen, zu deren Benutzung Juden nicht oder nur in beschränktem Umfange zugelassen sind, genau zu bezeichnen und die besonderen Benutzungszeiten und örtlichen Beschränkungen im einzelnen anzugeben. Zu den Gemeinschaftseinrichtungen, von deren Benutzung jüdische Kurgäste in Heilbädern ausgeschlossen werden können, gehören regelmäßig auch die Strandbäder am Meer, an Flüssen und Binnenseen, ferner die Luft- und Sonnenbäder und; ähnliche Einrichtungen. Die Feststellung der jüdischen Kurgäste kann in der Weise erreicht werden, daß die betr. Gäste die Tatsache, daß sie Juden sind, anläßlich der polizeilichen Anmeldung oder im Anschluß daran der Kurverwaltung persönlich oder schriftlich mitzuteilen haben. Die jüdischen Kurgäste können auf diese PfircKt durch*'die" ihnen zur Verfügung stehende^: jfü-: dischen Kuranstalten, Heime und dergl. hingewiesen werden. Die für Juden ausgestellten Kurkarten können "'durch'eine besondere Farbe [z. B. gelb) «kenntlich - gemaclrt werden. Zuwiderhandlungen können mit der sofortigen Einziehung der Kurkarte geahn-, det werden. Das jüdische Schulwesen in Wien. Wien, 15. Juli. Nach dem Erlaß vom 13. Juni 1938 wurde die Teilnahme jüdischer Schüler an österreichischen Leh ran st alten geregelt. Danach werden jüdische Schüler und Schülerinnen in Wien in eigenen Schulen zusammengefaßt, an denen grundsätzlich Juden als Leiter und Lehrer zu verwenden sind. Die Ausbildung jüdi^ scher' Lehrer bleibt einer späteren Regelung vorbehalten. In den jüdischen höheren Schulen dürfen als öffentliche Schüler^ünd Privatisten nicht mehr' als 2 Proz. der Gesamtzahl der Schüler höherer Schulen Wiens aufgenommen werden. Dieser Hundertsatz gilt vor allem für die erste Klasse. In den Übrigen Klassen ist die Verteilung an keine bestimmten Vorschriften gebunden, doch darf auch in diesen Klassen der Hundertsatz nicht überschritten werden. Dasselbe gilt auch für die Zahl der jüdischen Bewerber zur Externistenreifeprüfung. An Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten ist auch eine Zulassung jüdischer Privatisten unstatthaft. Ebenso ist die Errichtung einer Handelsakademie für jüdische Schüler nicht vorgesehen. Hingegen können Juden private kaufmännische Lehranstalten im angegebenen Prozentsatz 2 von 100 besuchen. Für die Verpflichtung jüdischer Schüler zum Besuche der Pflichtschule gelten die gesetzlichen Bestimmungen über die Schulpflicht. In Stadigebieten, wo Zusammenziehung schulpflichtiger jüdischer Kinder in eigenen öffentlichen Schulen möglich ist, sind die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen. Wo dies nicht geht, sind bei mindestens zwanzig jüdischen Schülern Sammelklassen zu errichten. Privatschulen mit überwiegend jüdischen Schülern sind zu Schulen für ausschließlich jüdische Kinder umzubilden, Die gleichen Bestimmungen g"elten sinngemäß für die kaufmännischen Fortbildungsschulen. Mitteilungen der Auswanderungsabteilung der Wiener Kultusgemeinde. W i e n , 19. Juli. Die Auswanderungsabteilung der Kultusgemeinde teilt mit; Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß jetzt in der Schweiz strenge Bestimmungen gegen illegal Einreisende bestehen, Besitzer von Bädervisen nach Litauen müssen Reiseschecks vorweisen, deren Betragshöhe der Gültigkeitsdauer der Sichtvermerke entspricht. Die Einwanderung nach Peru ist erschwert worden. Es ist hierzu die Genehmigung des Außenministeriums nötig. In T r i e s t ist dei* Aufenthalt nur Auswanderern gestattet, die bereits im Besitze von Visa nach Uebersee und der Fahrkarten sind und auch dann bloß für die letzten Tage vor Abfahrt des Schiffes. In der Zeit vom 11. bis 15. Juli sind 419 Personen mit Hilfe der Auswanderungsabteilung der Kultusgemeinde ausgewandert, insgesamt sind bis jetzt 3188 Emigranten abgefertigt worden. Die Auswanderungsabteilung der Wiener Kultusgemeinde gibt Einwanderungsmöglichkeiten bekannt. Wien, 17. Juli. Von der Auswanderungsabteilung der Kultusgemeinde Wien, geht folgende Mitteilung der Presse zu; Der Runderlaß der bolivianischen. Regierung vom März 1938 gestattet Juden die Einreise nach Bolivien, falls sie durch besondere Arbeitsleistung, Befähigung oder aus anderen Gründen für die bolivianische Wirtschaft von Nutzen sein können. Staatenlosen ist die Einreise verboten. Die erhaltene Einwanderungserlaubnis ist gleichzeitig eine Arbeitsbewilligüng. Für die Einreise nach Bolivien ist ein Transitvisum durch Chile notwendig. Ein Vorzeigegeld von 30 Pfund ist bei der Einreise erforderlich. Für Handwerker, Techniker, die. für Diesel-Motore spezialisiert sind, für Ingenieure, landwirtschaftliche Arbeiter mit Kapital und Zahntechniker sind ''Einreiseerleichterungen vorgesehen. Unter den überseeischen Einwanderungsländern hat schon seit langem Uruguay starkes Interesse bei den Auswanderern Mitteleuropas erregt. > Insbesondere in Deutschland richteten sofort viele jüdische Auswanderer ihre Blicke auf diese südamerikanische Republik, deren günstige Wirtschaftslage gute Vorbedingungen für die Immigration bot. Deshalb wanderte eine verhältnismäßig große Zahl von Juden aus Deutschland nach Uruguay, im -vorigen Jahre allein nahezu 700'und im-ersten Quartal d. J. ungefähr 400; In der zweiten Hälfte des vorigen Jahres hat sich zwar die Wirtschaftssitüation in Uruguay etwas verschlechtert, aber in der letzten Zeit , zeigen sich wieder Ansätze!1' zu - einer Besserung,;da ' die Preise der uruguayischen- ' Exporterzeugnisse: eine leichte Erhöhung .erfahren haben",»" "Uruguay kommt daher für eine Einwanderung noch immer in-Betracht. Wer kann diesen Staat1 an der Nordseite des La Plata aufsuchen? -! ... Die gesamte Wirtschaft,; Uruguays-baut sich auf der Viehzucht und auf der Ausruhr von Fleischprodukten, in erster Linie von Gefrier- und' K'ühlfjeisch, .auf. Trotzdemist nicht gerade Angehörigen der Lebensmitteibranche anzuraten, sich nach Uruguay zu wenden;- Fleischer können mir vorübergehend Beschäftigung in, den Gefrierfleisch-Fabriken finden; ihre Tätigkeit ist sehr unregelmäßig. Die Neu> errichtung von Lebensmittelläden oder von Milchgeschäften) übrigens auch von Manüfakturwarengesehäften, wie sie noch im Vorjahre von Einwanderern mit geringem Kapital nicht ohne Erfolg versucht wurde, ist nach der neuen Gesetzgebung des Landes verboten, so daß bloß ein bereits bestehendes und konzessioniertes Geschäft erworben werden kann, was immerhin mehrere hundert Pesos kostet. Dagegen sind gute Chancen für Spezi a thandwerker der T e.x t i 1 b r a n c h e wie Wirker und Stricker vorhanden. Auch Landwirte können, wenn sie, das notwendige Investitionskapital mitbringen, eine bescheidene- Existenz aufbauen. Günstig sind ferner die Aussichten für Frauenberufe, vor allem für Haushaltsberufe (Köchinnen und Kinderfräuleins), doch finden auch Schneiderinnen, Modistinnen, Weißnäherinnen unschwer Beschäftigung. Tschechoslovakei. Die jüdische Minderheit, Prag, 15. Juli, Ministerpräsident Dr. H o d z a empfing eine Abordnung der Jüdischen Partei, bestehend aus deren Vorsitzenden Ing. Frischer und den beiden Abgeordneten Dr. Goldstein und Kugel. Im amtlichen Berichte heißt es u. ä.: Die Delegation der Jüdischen Partei versicherte den Ministerpräsidenten der Ergebenheit der ganzen jüdischen Minderheit in der Teschechoslovakischen Republik und erklärte," sie sei sich voll ihrer Pflichten im Hinblick darauf bewußt, daß ihre Abgeordneten im Rahmen der Regierungskoalition mitarbeiten. Die Delegation brachte sodann die Wünsche und Forderungen der von ihr vertretenen jüdischen Minderheit zum Ausdruck. Der Ministerpräsident erklärte, daß er die positive Haltung der jüdischen Nation zur Staatspolitik vollauf würdige und veranlassen werde, daß den berechtigten Forderungen, die ihm von der Delegation vorgetragen wurden, im Rahmen der staatlichen Administrative entsprochen werde. Polen. Kanada-Auswanderer aus Polen. Warschau, 18. Juli. Im Zusammenhang mit den Nachrichten über Oeffnüng der Tore von Kanada für. jüdische Landarbeiter, wird uns mitgeteilt, daß der kanadische Konsul in Warschau nur den Auswanderern ein Visumausstellt, die sich effektiv und ausschließlich landwirtschaftlich betätigen. Es sei bei dieser Gelegenheit bemerkt, daß sich in Polen" mindestens 10 000 jüdische Familien befinden, die sich bisher als Landwirte und agrarische Arbeiter betätigten. Rumänien. 's Union rumänischer Juden. Bukarest, 20. Juli.' Dr. Wilhelm Fildermann, der Präsident der [ Union rumänischer Juden, wurde gestern von einem i Ratgeber des Königs persönlich empfangen und hatte eine Aussprache über 'die Frage" der Revision der Staatszugehörigkeit der rumänischen Juden und über die ökonomische * Lage der jüdischen; Massen in Rumänien. Dr. Fildermann behändigte zwei Memoranden, die sich mit diesen Gegenständen befassen. Auch die Stadtverwaltung von Bukarest hat, eine Delegation von. Juden aus der Bukowina und. aus Transsylvanien in . der gleichen Angelegenheit empfangen. England. Zurückhaltung der Juden Palästinas, London, 14, Juli. Im Unterhaus erklärte Kolonienminister.,.Malcolm MacDonald in Beantwortung mehrerer Anfragen u. a.: „Die Juden in Palästina haben eine b e - -wfundernswürdj ig e' Z ur;;ü.ck haltung während dieser schwierigen Zeiten bewiesen, und die große Mehrhe^ hat- .diese, Zurückhaltjingjivireiter unter dem Einfluß ihrer Führer bewahrt. Es war bedauerlich, daß in Einzelfällen diese Haltung durchbrochen wurde und'' dadurch die Schwierigkeit der Lage erhöht wurde, der die Behörden gegenüberstanden."! MacDonald erklärte weiter, es seien bereits über 1000 Juden in der Hilfspolizei zum Schutze der jür dischen Siedlungen und Ernten. Er werde den High Gommissioner anfragen, wie er zu einer Erhöhung der Zähl der Hilfspolizisten stehe.